Verdammt, Rudi! – Karmann Ghia Cabriolet

Verdammt, Rudi! – Karmann Ghia Cabriolet


Marktbeobachtung

Neulich im Kino gewesen. Mal wieder„Kill Bill 2“ von Tarrantino gesehen. Da sitzt man im plüschigen Sessel, knuspert verhalten sein Popcorn – und plötzlich ist sie da, diese Szene: Uma Thurman in der Blue Box, schwarz-weiße Hintergrundlandschaft im schaukelnden blauen Karmann Ghia Cabriolet scheinbar hinter sich lassend – auf dem Beifahrersitz das todbringende Samuraischwert. Sie haben richtig gelesen: Karmann Ghia!

Und dabei hatte der aufregend gestylte Zweisitzer mit der braven Volkswagen-Mechanik bis dato doch ein ganz anderes Image: Als „Käfer im Cocktailkleid“ apostrophierten ihn die Kollegen der schreibenden Zunft bislang, meist mit Kopftuch-bewehrten Damen am Volant. Aber das ist ja schon etwas länger verboten. Das Kopftuch. Also vollziehen auch wir ihn, den radikalen Imagewechsel: statt Pepita und Rudi Schuricke zerfetztes Top und Schramme im Gesicht. Den Blick fest entschlossen und Tito & Tarantulas im Autoradio, fährt der Karmann Ghia neuen Imagebildern entgegen.

Wirklich? Es fällt schwer. Da ist nichts mit Aggressivität, nichts von Ungestüm: Der Blick des Betrachters entspannt sich, wandert über das Cabriolet  – und, oh Schreck: Harmonie stellt sich ein!

Nein, Rebellen waren die Karmann Ghia nie. Gebaut von 1955 bis 1974, verstanden sie es zeitlebens, anspruchslose Käfer-Technik mit atemberaubend geschneiderten Karosseriemänteln des italienischen Auto-Couturiers Ghia zu verhüllen. Diese Masche funktioniert – bis zum heutigen Tag. Wir geben uns geschlagen, lassen im Geiste junge Damen neben und in dem Zweisitzer posieren. Das passt. Mist.

Es war es immer eher der Formgebung denn sportlichen Fahrleistungen zu verdanken, dass die Karmann Ghia in der Käufergunst beständig stiegen. Und noch einem Klischee konnte man schon damals nicht entkommen: dass es sich beim Karmann Ghia vorzugsweise um ein Frauenauto handle. Zwar versuchte die zeitgenössische Volkswagen-Werbung, dem Wägelchen ein männliches Image zu verpassen, aber es nutzte nichts: Die meisten kleinen Coupés und Cabrios gerieten in Frauenhand. Besonders als schicker Zweitwagen, den man sich eben mal gönnte, machten die Karmänner Karriere. Ein Wohlstandssymbol waren sie allemal: Die Preise der schicken Schwestern lagen mindestens um das Doppelte über dem ihres ärmlichen (Standard) bis biederen (Export) Bruders namens Käfer. Eine reife Leistung …

Wer sich einen Karmann Ghia kaufte, tat dies kaum um seiner Leistung willen, sondern eher aufgrund der begeisternden Linienführung, verbunden mit der Gewissheit, es hier immer noch mit einem verlässlichen Volkswagen zu tun zu haben.     Nein, wir haben ihn doch lieber original und brav, erfreuen uns an diesem Abend hinter dem dünnen schwarzen Zweispeichenlenkrad mit verchromtem Hupring, an den ebenfalls in Chrom eingefassten Instrumenten und an der Holzdekorfolie, die das Armaturenbrett überzieht. Hinter uns brabbelt vertraut der Boxermotor im Heck, der durch nichts zu erschüttern zu sein scheint. Es ist völlig egal, wer uns wie oft überholt: Wir schauen den schnell entschwindenden Hecks mit ihren lackierten Stoßfängern und aerodynamischen Einheitskarossen hinterher und seufzen zufrieden, wenn sie endlich verschwinden und den Blick wieder auf die Straße freigeben.

Und plötzlich ist sie da, diese Melodie, die sich fest in unseren Köpfen einnistet: „Wenn bei Caaa-pri die rooote Son-nee im Meeeer versiiiinkt…“

Verdammt, Rudi!

Autor: Knut Simon

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