Totenwache – Bitter CD

Totenwache – Bitter CD


Marktbeobachtung

Ich kann mir nicht helfen. Die Fotos des Fundstücks, welches in der Hitze der Kanaren vor sich hin schmurgelt, finde ich extrem amüsant. Warum, das erkläre ich Ihnen, sobald sich Ihre Empörung etwas gelegt hat. Tief durchatmen. Sind Sie bereit für die nächsten Textzeilen? Na also. Geht doch.

Ich gebe es zu: Bitter-Automobilen stehe ich ziemlich reserviert gegenüber. Allein der Bitter CD – wer hat nicht alles an ihm herumgewurschtelt: Diverse GM-Stylisten, dann Frua, in Ansätzen Pininfarina. Gebaut hat ihn schließlich Baur in Stuttgart. Die Mechanik – ist bekannt – rutschte aus Opel- und GM-Teileregalen direkt unter die zugegebenermaßen extrem sexy Haube. Aber warum Bitter CD? Nur, weil Erich B. hier und da mit ein paar Federstrichen den GM-Entwurf von 1969 retuschierte und sich schließlich von den experimentierunfredigen Bossen aus Detroit breitschlagen ließ, die Produktion zu übernehmen? Und sich damit ziemlich übernahm?

Selbstverständlich ist dies eine subjektive Sicht der Dinge. Man könnte auch sagen: Ohne den späteren Namensgeber hätte es zumindest den CD nie in Serie gegeben. Beim SC sah es dann schon anders aus – da war der Erich bereits als Kleinserienhersteller exklusiver Automobile etabliert. Insofern: Hut ab. Außerdem habe ich im vorhergehenden Absatz absichtsvoll provoziert, verkürzt, verzerrt. Genügt das der Bitter-Gemeinde als Satisfaktion? Danke.

Oh, ja: Ich schrieb soeben, dass die Fotos, die nunmehr diesen Text unterbrechen, mich ungemein erheiterten. Das tun sie auch noch immer, weil: Es war im vergangenen Sommer. Ich weilte zur Erholung auf dem Weingut eines Freundes in der Nähe von Bordeaux, als ich, eine obligatorische Schale Michkaffee genießend, in der ein frisches Croissant dahinschmolz, auf folgende Annonce in der lokalen Zeitung stieß: "Gesucht: Grabstätte an der Cote d'Azur, Südseite mit Meeresblick bevorzugt, möglichst Nähe Parkplatz."

Vor lauter Lachen gluckste mir das köstliche Stück Blätterteig in mein nicht minder labendes Heißgetränk, in dem es umgehend blubbernd versank. Die Zeitung jedoch habe ich aufbewahrt. Und natürlich war mir jetzt, nach dem Studium des Bitter-CD-Inserates, klar: Die Bilder zur Annonce von damals hatten zu mir gefunden. Nun nehmen Sie es mir bitte nicht mehr krumm, dass diese ganz persönliche Konstellation mir nach wie vor das Zwerchfell gegen die Rippen schlägt.

Abgesehen davon besitzen die Fotofrafien etwas ungemein Würdevolles. Bei uns wäre dieser CD längst kalt gepresst gewesen wie der Inhalt einer Flasche kanarischen Rebensaftes. Der Umstand, dass Lanzarote seit 1993 UNESCO-Biospährenreservat ist, erhält eine völlig neue Dimension. Hier, 1.000 Kilometer vom europäischen Festland entfernt, bei ganzjährig milden 20,5 Grad Celsius, darf der CD ("Coupé Diplomat" bedeutete das Kürzel übrigens) behütet vor sich hinwittern. Wenn nur die vorherrschenden Passatwinde nicht zuviel vom Salz des Atlantiks herüberwehten ...

Selbst bei uns in Deutschland waren Bitter-Automobile immer Exoten. Obwohl die Technik überwiegend teutonisch, das Interieur klar ablesbar mühsam kaschierter Opel-Barock war. Zu Beginn der Siebziger zog das noch: Ein fetter Ami-V8 unter dem Blech, fünfkommavier Liter – Alter, da brauchtest Du beim Autoquartett nur die paar Ferraris und den Monteverdi Hai fürchten. 1979 war Sense mit dem CD. Bitter erging es darauf wie vielen anderen Kleinschmieden, die sich US-Technik bedienten, ansonsten jedoch eigene Hüte darüber kreierten: Die maschinelle Basis der Autos bekam den Ruch des vulgären. "Großserientechnik" wurde zum meistgeflüsterten Schreckenswort auf den Jet-Set-Cocktailparties der ausklingenden 80er. Außerdem war der mittlerweile antiquierte Opel Senator mit seinen Sechszylinder-Ponymotoren Organspender für den schlanken und schnörkellos überzeugenden Bitter SC. Zu Recht verkaufte Bitter fast 500 SC-Einheiten an Menschen, die im Idealfall Geld und Geschmack besaßen.

Heute gibt es noch immer mehr als genug Bitter-Angebote auf dem Markt. Nur selten jedoch ist ein solch beklagenswertes Exemplar wie der heutige Netzfang darunter. Immerhin: Der Besitzer beschreibt den Zustand des Fahrzeuges zutreffend mit "Wrack". Das hat doch was. Ein auf Lanzarote gestrandetes Nobelcoupé aus Schwelm. Wenn das nicht der Stoff für eine tolle Story ist. 

Ich habe übrigens heute die Telefonnummer aus der französischen Zeitung gewählt. Sie wissen schon: die mit der Cote d' Azur-Nummer. Eine Stimme am anderen Ende der Leitung bedauerte nach kurzer Irritation, Madame sei im vergangenen Herbst von uns gegangen.

Ich verkniff mir die Frage, ob sie vorher noch nach Lanzarote gereist sei. In einem schwarzen Bitter CD. Es hätte gepasst.

Das Angebot finden Sie hier.