The Grateful Jam – VW T 1

The Grateful Jam – VW T 1


Marktbeobachtung

Flirrend und schillernd wie Woodstock ante portas, eine automobile Huldigung der Ursprünge des Jamrocks, messerscharf balancierend auf der Grenze zwischen Halluzinogenen erster Wahl und automobiler Hausmannskost aus Wolfsburg. Bunte Surfermobile sind dagegen ein Scheiß und so aufregend wie die Frisur von Doris Day.

Wir wissen nicht, was the Greatful Dead höchstpersönlich zu dieser (wenn auch etwas zweifelhaften) rollenden Hommage sagen würden, vielleicht stellen sich die vereinigten LSD-geschädigten amerikanischen Tiffany-Kellerkünstler ja so auch den Sarkophag Osama Bin Ladens vor, na ja, anyway, in jedem Fall verbirgt sich unter dem ganzen Gewusel irgendwo ein VW T 1 – und die wohl praktischste Art, sein Altglas mit dem Auto zu entsorgen:

Einfach 12.000 US-Dollar hinblättern, T 1 aus dem Freihafen in Hamburg abholen, für 1,75 Euro bei der schon legendären Firma Schüllenbach einen ordentlichen Hammer kaufen und dann Splitterwinkel-gerecht vor dem Container auf dem Recyclinghof parken. Andererseits entspricht dieser so beeindruckend verschlimmerte Klassiker haargenau der eklektizistischen, drogenumwaberten Mucke, die die Bandmitglieder der Greatful Dead am wirkungsvollsten live auf der Bühne rüberbrachten – da gab es schon mal halbstündige Soli auf der Gitarre oder Schlagabtausche zwischen den zwei Schlagzeugern. The Grateful Dead – sie waren die erste wirklich Jam-Band der Geschichte. Und genau das "spiegelt" im Wortsinn unser heutiger Netzfang wider. Denn die Geschichten von Grateful-Dead-Fans, die in solchen selbst gestalteten VW-Bussen "ihrer" Band hinterher zogen, sind bereits so legendär wie der fehlende Finger an Jerry Garcia's rechter Hand.

Insofern darf man den enthusiastischen Anbieter des heutigen Netzfangs nicht zu übel mitschreiben, denn unter einem anderen Blickwinkel als dem des puritanisch-deutschen Klassikerbewerters wirkt das Ding fast einmalig zeitgenössisch. Wir wissen nicht, welche und wie viele Stimmungsmacher unser Künstler konsumiert hat, um diesen rollenden Glastempel zu kreieren, können uns jedoch lebhaft die Atmosphäre im Innern des Doms vorstellen, wenn sich die Sonne ihren Weg in den VW-Busses hinein irrlichtert: Aaargh!

Macht überhaupt nichts, dass LSD mittlerweile verboten ist – das hier ist mindestens genau so gut. Und nichts anderes hätte sich Jerry Garcia wohl als standesgemäßen Sarkophag gewünscht, denn: "It's better to go somewhere slow than to nowhere fast." R.I.P. – Roll in Peace.