The Devil – Cadillac Deville

The Devil – Cadillac Deville


Marktbeobachtung

Das Jena teilweise nicht nur barock, sondern auch recht abgerockt ist, sieht man bereits bei einer flüchtigen Fahrt durch die Innenstadt. Heftiger wird es, wenn das Auge gen Gewerbegebiet schweift. Liegt Jena eigentlich an der Elbe? Denn neben der Semperoper in Dresden scheint auch der nach seltsamen Regeln sortierte Gebrauchtwagenhandel der Stadt Jena regelmäßig unter Wasser zu stehen. Zumindest lässt dies der heutige Netzfang vermuten.

Zwei Türen, sechs Meter und gleich mehrere Schwarz-Töne. Das Ganze Stoßdämpfer-tief im Morast des Kiesplatzes. Die volle Pracht amerikanischen Maschinenbaus, unbeholfen getarnt als Auto allein durch die vier Räder, die jedoch inzwischen die Materialspannung eines Quarkbagels zu haben scheinen. Und die nur noch mit Mühe die tonnenschwere Last des V 8 tragen, der eindeutig 20 Jahre zu lang neben einem mexikanischen Zementwerk gestanden haben muss. Oder drei Monate mit Dauervollgas durch die staubige Ölfelder-Steppe von Texas gerast ist. Eine automobil-philosophische Standortbestimmung, bei der es in den Fingern kribbelt. In dessen höllenrot abgesteppten Velourskatakomben man unweigerlich spürt, dass man jetzt sofort und immerdar Calexico hören muss.

Nichts da von wegen „Fotos sagen mehr als Worte“, wie der Anbieter (Al Bundy Automobile) schreibt: Ganze Filme laufen hier vor dem geistigen Auge ab, die fototechnische Realität sollte man bei diesem Rest von Fahrzeug auch lieber ausblenden. Und dann die Eigenwerbung Al Bundy's: „Jena’s erfolglosester Autohändler“. Sorry: Bei so einer Steilvorlage muss es einfach ordentlich einen in den ermatteten Chromkühler geben.

Wir lesen: „Haube etwas rostig.“ Soso. Und das World Trade Center ist auch nur "etwas" eingestürzt. Das, was sich der schlanken Hand hier bietet, ist Ground Zero der US-amerikanischen Hohlraumversiegelung. Der Deep Throat der Blechverarbeitung. Sagen wir doch einfach, dass sich rings um die Krater brauner Materialmodulation noch „etwas Auto“ befindet.

„Reinsetzen und los geht’s“, ist der Offerte außerdem zu entnehmen. Ungute Ahnungen rieseln den Nacken wie Rostkrümel herab: Was dann losgeht, möchten wir gar nicht so genau wissen. Wahrscheinlich geht erst mal der Türgriff los, dann die Lehnenverstellung, danach das Gelächter in der Werkstatt, die man fragt, ob der Caddy denn in sechs Wochen fertig sei. Der Preis des Wagens ist eh schon in Richtung Utopia angesiedelt. Fragte man mich, für welchen Betrag ich diesen schlecht bereiften Darth Vader kaufen würde – ich antwortete mit dem Titel eines meiner Lieblingsfilme: „Für eine Hand voll Dollar.“

Ich werde heute nicht schlafen können. Meine Nachtruhe wird gestört sein vom Grollen des Jenaer V8-Geistes, der schon lange keine Ruhe findet. Nun habe ich über ihn geschrieben und ihn geweckt. Jetzt ist er da. Auf meinem mobile.de-Parkplatz. Verflucht seist Du, Du digitale Gruft meiner versammelten Wunschträume! Und da kommt er schon, der schwarze Ritter, und trägt mich hinfort. Zum Bankautomaten und dann nach Jena.

Wie? Unwirklich, sagen Sie?! Fantasiegequatsche? Dann schauen Sie doch mal in Ihre Garage: Ford Ka, Golf III, Mercedes R-Klasse. Die Wirklichkeit ist eben nicht automatisch die Wahrheit. Gehen Sie schlafen. Und träumen Sie vom Wertverlust Ihres Jahreswagens.