Talbot Lago  T26 Record Coupé

Talbot Lago T26 Record Coupé


Marktbeobachtung

Früher war mitnichten alles besser und schon gar nicht aus Holz. Aber die Möglichkeiten für Automobil-Pioniere mit einem feinem Gespür, das ihren Zeichenstift führte, waren vielfältiger; technischer Fortschritt hemmte nicht die Gestaltung des Automobils, sondern beflügelte dessen formale Anmut. Und nicht zuletzt machte das enge Zusammenrücken von Visionären, Mäzenen, Konstrukteuren und Karrossiers erst möglich, was heute undenkbar ist: Die Kreation eines zwar nicht einmaligen, aber dennoch atemberaubenden Wagens.

Sie meinen, so etwas ist auch heute möglich? Dann stellen wir uns spaßeshalber vor, Volkswagen wäre zahlungsunfähig. In dieser Situation träte Produktionsvorstand Jochem Heizmann vor die Presse und erklärte mal eben, er werde als Einzelunternehmer das Werk Wolfsburg übernehmen und weiter Autos bauen, die ab sofort unter dem Namen VW-Heizmann firmierten. Der Rest würde an Opel verheizt. Pardon: verkauft.

Undenkbar? Heute ja – zumindest in dieser Konstellation. Nicht so jedoch 1935. In diesem Jahr fasste Talbot-Produktionsleiter Antonio Lago sich ein Herz, nahm dazu viel Geld in die Hand und den traditionsreichen britischen Hersteller mit französischen Wurzeln und Ablegern unter seine Fittiche. Nun, nicht ganz: Während unter seiner Ägidie am französischen Standort Suresnes fortan Talbot Lago residierte, schnappte die englische Rootes-Gruppe sich den Rest des Kuchens auf der britischen Insel.

Kein Jahrzehnt der Automobilgeschichte ist so spannend wie die Dekade von 1928 bis 1938. In dieser Zeit entwickelten sich die zwar imposanten, doch meist noch behäbigen grauen Entlein in elegante Schwäne. Anmutig breiteten die Isotta-Fraschinis, Mercedes-Benz, Duesenbergs und eben auch Talbot Lagos ihre  Schwingen in Form ausladender Kotflügel aus; in expressionistischen Winkeln duckten sich die flachen Scheiben der Dual Pheatons, Coupé de Villes und Gran Sport Coupés. Riesige Kompressorschläuche beatmeten den gewaltigen 540 K von Daimler, eine Heerschar handverlesener Edelkarrossiers mit klangvollen Namen wie Saoutchik, Chapron, Figoni, Partout, Chausson übertrafen sich gegenseitig in ihren Bemühungen, die Boliden in individuelle Blechkollektionen zu tauchen. So schufen Joseph Figoni und Ovidio Falaschi 1939 das unvergessene "Teardrop"-Coupé Talbot Lago T150 C-SS

Doch diese so goldene war nur eine Seite der Medaille. Die andere war bekanntlich ziemlich braun und dürfte dazu beigetragen haben, dass Konstrukteure wie Kunden von Talbot Lago ihren Luxus in ziemlich angespanntem Zustand wahrnahmen. Auch das berechtigte Aufatmen nach dem dem Zweiten Weltkrieg währte nur kurz; Denn so, wie 1918 das Europa der Monarchien versunken war, schwand nach 1945 die mondäne Gesellschaftsschicht, aus deren Reihen auch Talbot Lago seine Klientel rekrutierte. 

Antonio Lago reagierte hierauf mit dem Mut des Verzweifelten. Tapfer baute er wie einst erneut rassige Rennwagen, die 1950 noch einmal in Le Mans triumphierten. Doch das edle Renommee der von Herrenfahrern und Teufeln unter Rennmasken erungenen Siege reichte nicht mehr aus, um den auserwählten Teil der Welt mit hochwertigen Erzeugnissen aus Suresnes zu beglücken – die Produktion wurde schlicht immer unrentabler.

Mit dem souveränen T26 Record Coupé lancierte Lago 1947 noch einmal ein klassisches Grand Tourer Coupé in konservativem Aufmaß. Der T26 dokumentiert auf wunderbare Weise die Bewahrung der unverkennbaren Lago- Vorkriegsformensprache. So vollziehen die vorderen Kotflügel noch einmal die große Geste bei gleichzeitig distinguierter Absenkung. So sind die charakteristischen Hauptscheinwerfer immer noch nicht mit der Karrosserie verschmolzen wie die Zusatzleuchten, gehen aber bereits auf unmittelbare Blechfühlung mit dem gesamten Wagen.

Unter der ellenlangen Motorhaube residiert ein 4.5-Liter-Reihensechszylinder mit 170 PS, der das T26 Record Coupé auf knapp 170 KM/H beschleunigt. Das zu dieser Zeit sprachlos machende Vorwahlgetriebe ist ein Musterbeispiel für Fahrkomfort und Ingenieurskunst. Seine vier Gänge lassen sich theoretisch vorwärts wie rückwärts nutzen und machen das T26 Record Coupé (wiederum theoretisch) damit in jede Fahrtrichtung gleich schnell. Kraft und Kultur vermengen sich auch in diesem Talbot Lago auf die klassische Art und Weise, die die Marke berühmt gemacht hat. Dazu gesellt sich das noch heute nachvollziehbare Understatement, das der T26 ausstrahlt.

Auf einer Auktion erzielte jüngst eines der eingangs erwähnten Figoni- Teardrop-Coupés den ebenfalls das Wasser in die Augen treibenden Preis von knapp 3,9 Millionen US-Dollar. Mit knapp 90.000 Euro ist das aktuell angebotene Talbot Lago T26 Record Coupé deutlich günstiger und selbst im Vergleich zu anderen T26-Angeboten eine echte Occasion. Das Exposé des Anbieters liest sich flott und beinhaltet sämtliche relevanten Informationen, auf die Interessenten Wert legen, darüber hinaus ergänzt eine Vielzahl aussagekräftiger Fotos das Angebot. Lediglich das völlig indiskutable Baumarkt-Vorhängeschloß am Tankdeckel des Talbot Lago stört das harmonische Gesamtbild.

Ob darüber hinaus eine Totalrestaurierung Jedermanns Geschmack ist, darüber lässt sich trefflich streiten – beim offerierten T26 Record Coupé allerdings schien nicht mehr viel Rettbares von der Originalsubstanz vorhanden gewesen zu sein, auf dem man hätte aufbauen können. Dies gilt vor allem für den Innenraum des Coupés, das aber immer noch die Aura des Savoir Vivre einer längst vergangenen Epoche transportiert.

1956 verkaufte der Sohn Antonio Lago's die große Marke Talbot Lago an Simca. So endete der Traum von der Fortführung feinstem Automobilbaus letztlich bei einem Massenhersteller à la Volkswagen. Doch warten wir's ab. Vielleicht baut der ja bald nur noch Bugattis.  

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