"Swan Car" - Der Schwan von Calcutta

"Swan Car" - Der Schwan von Calcutta

Geht es noch verrückter? Für seinen Traum von einem Schwan auf Rädern bezahlte der Exzentriker Scotty Matthewson den Gegenwert von sechs Rolls-Royce. Dumm nur, dass er mit seinem Schwanenauto mächtig Ärger bekam

Nicholl „Scotty“ Matthewson war ein reicher Engländer. Sein Multi-Millionenvermögen hatte er in der britischen Kronkolonie Indien verdient. Wie jeder Engländer, der etwas auf sich hielt, war er etwas exzentrisch. Geld und Exzentrik sind wunderbare Vorraussetzungen um sich Dinge zu leisten, über die vernünftige Menschen nicht einmal auf dem Klo nachdenken. Vielleicht hatte ihm die Hitze Calcuttas das Gehirn angeschmolzen, wie die Eiswürfel im Whisky-Tumbler, vielleicht war er auch nur der gepflegten Langeweile überdrüssig, als er im Jahre 1909 seine Vorstellungen eines ganz besonderen Fahrzeugs zu Papier brachte: Ein Automobil mit dem Wesen eines Schwans. Der Wagen sollte nicht nur aussehen wie ein stolzer Schwan, es sollte auch einige ganz außergewöhnliche Eigenheiten besitzen. Doch dazu später.

Um seine Vision vom Schwanenmobil umzusetzen, reiste Scotty Matthewson mit seinen Plänen nach England, wo er bei der renommierten Firma J.B.Brooke & Co. in Suffolk vorsprach. Brooke & Co. hatte sich mit dem Bau von Motorbooten für Gentleman und Kriegsschiffen für die britische und die amerikanische Navy einen Namen gemacht. Seit 1902 versuchte man sich auch im Bau von Automobilen, ein Versuch, der bereits 1913 wieder eingestellt wurde.
Matthewson erntete mit seiner Idee bei den Konstrukteuren und Werkmeistern nur Kopfschütteln. Doch die Bedenken erstickten im Rascheln druckfrischer Banknoten, die der „Swan Car“-Erfinder gleich Reisetaschenweise mitgebracht haben muss. Von den fünfzehntausend Pfund die er auf den Tisch legte, war wohl ungefähr die Hälfte Schmerzensgeld für die Autobauer. Am Ende bekam Scotty Matthewson was er wollte: Einen strahlend weißen Schwan auf vier Rädern. Die Karosserie war aus Holz geschnitten und mit Alabastergips verkleidet, der aufwändig und vielschichtig lackiert werden musste, um ihn vor dem indischen Monsun zu schützen. Aus diesem Gips hatte ein Bildhauer das Schwanengefieder herausgearbeitet. Modellierte und vergoldete Lotusblumen und Fische schmückten die Seiten und den Bürzel des Schwans. Das Dach hatte die Form eines Gartenpavillions und ruhte auf filigranen Säulen. Eingedenk der finalen Posaune des Erzengel Gabriels wurde eine achtpfeifige Orgel am Fahrzeug angebaut, wohl um sich in den überfüllten Straßen Calcuttas Gehör und Platz zu verschaffen. Für den gar nicht so seltenen Fall, dass dies nicht reichen sollte, konnte der Schwan durch seine Nasenlöcher in weitem Bogen jeweils eine halbe Gallone Kühlwasser verspritzen. Der Ausstoß des siedend heißen Kühlwassers wurde dank Druckluft von einem fauchenden Geräusch begleitet – ganz wie es angriffslustige Schwäne von sich geben. 

Die Auspuffanlage wurde mittels kleiner Hämmerchen einer Zweitfunktion zugeführt: Sie konnte von Innenraum aus auch als Xylophon verwendet werden. Für dessen Abstimmung sorgte, der Legende zu Folge, ein eigens aus London angereister Musikprofessor nebst Instrumentenbauer. Der Schwan wurde von zwei aggressiv dreinblickenden kleineren Drachen eskortiert, die den Fahrzeugrahmen und die Federböcke verkleideten. Zum Schutz des strahlend weißen „Swan Car” konnte das Reifenprofil mittels Bürsten während der Fahrt vom Unrat Calcuttas gereinigt werden. Das Interieur war mit kostbarster und allerfeinster Seide ausgeschlagen. Die Beleuchtungsanlage des „Swan Car” war eine der ersten  elektrischen Lichtanlagen in einem Automobil überhaupt. Die Augen des Schwans und die angedeuteten Rubine auf dessen Halsband waren in die Beleuchtungsanlage mit eingezogen und konnten ebenfalls elektrisch beleuchtet werden. 


Die technische Basis war ein für die damalige Zeit starker 25/30 HP Reihensechszylinder, der Premium-Motor der Brooke Company. Das i-Tüpfelchen aber war eine Vorrichtung am Heck, mittels derer der Schwan ein Gemisch aus Kalk und Wasser in weißen Klumpen auf die Straße machte. Für Matthewson vervollkommnete dies die Illusion, in einem Schwan zu reisen. Was man für Geld nicht alles macht: Die Erbauer des „Swan Car” blickten nicht sonderlich stolz auf ihr Werk.

1910 übergab man bei J.B. Brooke & Co. den „Swan Car” an seinen Auftraggeber, ohne irgendein Markenemblem oder offensichtlichen Hinweis auf die Herstellerfirma angebracht zu haben. Der Brooke 25/30 HP „Swan Car” geriet nicht nur zum „most excentric Motor Car“ seiner Zeit, sondern auch zum teuersten: Zum Preis des „Swan Car” hätte Matthewson bei Rolls-Royce sechs (!) Silver Ghost bekommen…

Dazu kam, dass der rollende Schwan nicht die Erwartungen seines Erfinders erfüllte. Denn in Calcutta angekommen, sorgte das seltsame Auto schnell für Ärger. In den hoffnungslos überfüllten Straßen Calcuttas drängten sich heilige Kühe neben Arbeitselefanten, Eseln, Ochsenkarren und Menschenmassen auf engstem Raum. Es gab schlicht keinen Platz zur Flucht von Mensch und Tier, wenn Scotty Matthewson´s Schwan posaunend und fauchend freie Fahrt begehrte. Nachdem es zu einigen unschönen Vorkommnissen gekommen war und es zahlreiche Verletzte gab, die vom Kühlwasser verbrüht, vor dem „Swan Car” zu fliehen versucht hatten, legte die örtliche Polizei Scotty unmissverständlich nahe, seinen „Swan Car” stillzulegen.

1991 wurde der komplett erhaltene, aber ziemlich verrottete „Swan Car” in einer Auktion für eine sechsstellige Summe versteigert. Zwei Jahre später gewann er, frisch restauriert, in Peeble Beach die Montagu of Beaulieu Trophy. Wer sich Matthewson´s „Swan Car” selbst ansehen möchte, der findet ihn heute würdig präsentiert in der Louwmann Collection in Holland. Wenn Sie hinfahren, nehmen Sie Lohengrin mit, der wäre total entzückt, Sissys Ludwig ebenfalls…

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