Stuttgarter Kugelhupf – Porsche 356

Stuttgarter Kugelhupf – Porsche 356


Marktbeobachtung

Über fünfzig Jahre dauerte es, bis der Familienname des Konstrukteurs Ferdinand Porsche erstmals auf einer seiner Schöpfungen stand. Nicht erst seit dem 911 ist er aus der Szene nicht mehr wegzudenken. Na ja. Eigentlich hätte noch ein anderer Name auf die geschwungenen Heckmotorhauben gehört: Nämlich Komenda.

Der österreichische Ingenieur war auch Schöpfer der Form des VW Käfer. Ebenfalls auf sein Konto gehen Schwimm- und Kübelwagen; maßgeblich beteiligt war er am Cisitalia-Rennwagen, der in Abwesenheit des internierten Ferdinand Porsche in der Nachkriegszeit entstand. Ohne Komenda wäre der Erfolg von  Porsche nicht denkbar. Komenda zeichnete für den 356, den Spyder und den 911 verantwortlich.

Selbst  das Porsche-Firmenwappen geht auf Komenda zurück, der von Ferry Porsche 1955 zum Oberingenieur ernannt wird. Und dennoch gibt es dieses inzwischen bereits legendäre Foto, auf dem Ferdinand und Ferry Porsche neben dem ersten Porsche 356 abgelichtet sind. Es fehlt auf den ersten Blick Erwin Komenda – dessen Schatten jedoch nicht abgeschnitten werden konnte ... Es sind Begebenheiten und Umstände wie diese, die ein Automobil erst interessant machen. Denn was soll man aus heutiger Sicht sonst noch über den 356 schreiben? Jedes Kind kennt seine Form, jeder Auto-Enthusiast (und selbst die Ignoranten) seine Bezifferung, wohlvertraut ist die Silhouette. Und der Klang des – pardon – Käfer-Motors. Denn so richtig weit entfernt waren sie in ihren Anfangszeiten nicht, der "Volkswagen" und der kleine "Sport"-Wagen aus Stuttgart. Im Nachhinein ist die Geschichte des 356 kurz und schnell umrissen, denn sie ist ebenso wohlbekannt wie das Auto selbst. Abgesehen davon, dass James Dean seinen letzten Frischluftatemzug im Spyder tat, bevor es ihn und den Wagen dahin raffte, werde ich persönlich nie die vertraute Mixtur aus "Schepper!" und "Klonk!" vergessen, mit dem Jacqueline Bisset die Tür ihres 356 Cabriolet in Peter Yates' "Bullit" zuschmiss – welch schöne Nebenrolle hatte der Zitronenfalter-gelbe Porsche in diesem ansonsten rasanten Streifen! 

Wenige Jahre nach "Bullit" trafen die ersten California-Cars bei europäischen Sammlern und Liebhabern ein. In deren Gunst stand der 356 mindestens so hoch wie der Beton in den Schwellern der rostfreien Import-Klassiker. Nun ja. Der Rest ist Lehrgeld – wir wissen das, entweder aus Geschichten oder aus eigener, leidvoller Erfahrung. Heute gehört der 356 längst zum gewohnten Anblick auf Clubtreffen, Oldtimerveranstaltungen und Fahrzeugmärkten – was einem manchmal ein dezentes Gähnen aufdrängt, denn obschon seiner zweifellos zeitlosen Eleganz ist der 356 letztlich ein inflationärer Klassiker – wie ein Mercedes 300 SL Flügeltürer. Wertvoll erscheinen heute daher besonders die gut erhaltenen oder mit Rücksicht auf Patina zurückhaltend restaurierten Exemplare. Und Inflation hin, Inflation her – zwei Dinge können dem Porsche 356 nicht genommen werden: Seine Schönheit und sein noch immer Freude und Begeisterung hervorrufendes Fahrerlebnis, bietet er doch Leistungsgewicht en Masse.

Autor: Knut Simon