Spirit of Ecstasy – die Geschichte hinter der Rolls-Royce Kühlerfigur

Spirit of Ecstasy – die Geschichte hinter der Rolls-Royce Kühlerfigur

Jeder kennt die schöne Frau, die seit 1911 den Rolls-Royce Kühler ziert, aber nur wenige wissen wer Sie war und wie sie da hinauf kam. Alexander Köhnlechner hat die Geschichte der Flying Lady recherchiert und stieß dabei auf eine verblüffende Mischung aus britischem Hochadel, Tragik, Sex und Tod. Sodom und Gomorrha oder Romeo und Julia? Stoff, für einen Kinofilm.

Wenn einer Lord John Walter Edward Douglas-Scott-Montagu, 2nd Baron Montagu of Beaulieu auf seiner Visitenkarte stehen hat, Mitglied des britischen Parlaments im Oberhaus und des britischen Hochadels ist, dann muss er keiner profanen Arbeit nachgehen, sondern hat Geld und Muse genug, sich den schönen Dingen des Lebens zu widmen. Lord Montagus Passion galt Automobilen. Er besaß eines der ersten Automobile, das in England überhaupt unterwegs war, betätigte sich als Herausgeber einer der ersten Autozeitungen, „The Car“ Illustrated Magazine und bemühte sich in seiner Eigenschaft als Politiker redlich, dem Automobil den Weg zu ebnen. Noch heute pilgern jährlich Zehntausende nach Hampshire, zu einem der größten Oldtimer- und Teilemärkte der Welt, dem Autojumble Beaulieu, das alljährlich im Herbst auf dem Sitz der Familie Montagu veranstaltet wird.

         Lord Montagu of Beaulieu

Lord Montagu war verheiratet mit Lady Cecil Victoria Constance. Eine standesgemäße Verbindung, ganz wie bei Prince Charles und Lady Diana. Doch wohl ebenso unglücklich, denn Lord Montagu verliebte sich in die bürgerliche  Schauspielerin Eleanor Velasco Thornton. Um einen Skandal zu vermeiden, aber trotzdem Zeit mit ihr verbringen zu können, machte Lord Montagu die gerade zweiundzwanzigjährige Eleanor Thornton zu seiner Privatsekretärin. Eine elegante Lösung, denn für einen Mann von Stande war es völlig normal einen Privatsekretär oder eben eine Privatsekretärin an seiner Seite zu haben. Aus der innigen Beziehung ging eine illegitime Tochter hervor. Um die unstandesgemäße Liebesbeziehung weiterhin aufrecht erhalten zu können, wurde das Mädchen zur Adoption freigegeben. Den engsten Freunden war die Tiefe der Beziehung freilich nicht verborgen geblieben. Doch Diskretion war schon immer einer der klassischen Werte Englands und ein Skandal blieb aus.

    Eleanor Velasco Thornton

Der renommierte, englische Bildhauer Charles Robinson Sykes gehörte zum engen Freundeskreis des Paares. Lord Montagu beauftragte ihn mit der Schöpfung einer Kühlerfigur für seinen Rolls-Royce. Eleanor Thornton sollte das Vorbild sein und stand Sykes Modell. Sykes schuf „The Whisper“ die sehr doppeldeutige Figur einer leicht in den Fahrtwind gebeugten Lady im wehenden Kleid, die den Zeigefinger auf die Lippen legt, als ob sie „Pssst“ macht.  Es blieb dem Betrachter überlassen, ob er das „Pssst“ der Figur auf die Laufruhe des Rolls-Royce Motors bezog oder es der Aufforderung zur Diskretion um das Paar Montagu/Thornton zuschrieb.

Kühlerfiguren waren um das Jahr 1900 in Mode gekommen. Die Idee zur Kühlerfigur wird ebenfalls Lord Montagu zugeschrieben, der sich schon 1899 einen Christophorus, den Schutzpatron der Autofahrer auf den Kühler schraubte. Bisher hatte noch kein Hersteller Kühlerfiguren verwendet. Der Kühler war durch einen schlichten Schraubverschluss gekrönt, schließlich war es nichts weiter als ein Einfüll- und Kontrollstutzen für das Kühlwasser. Dann trat die Modewelle um die Kühlerfiguren richtig los und ganze Firmenzweige in Europa widmeten sich der Herstellung solcher Skulpturen. Ernsthafte Sammler schätzen, dass es in der Automobilgeschichte rund 6.000 verschiedene Kühlerfiguren gegeben hat. Anfangs waren Kühlerfiguren nämlich keine Markenembleme sondern ein mehr oder weniger hübscher Nippes zum auf´s Auto schrauben. Neben Edelvarianten, wie von Bildhauern geschaffene Einzelstücken, gab es z.B. Schnecken, kleine fette Hunde, Polizisten-Karikaturen, Hasen die am Stock gingen, alle Arten von Tieren und selbst ein erigierter Penis ist Insidern bekannt.

Einem geradlinigen Menschen wie Charles Henry Royce, dem geistigen Kopf von Rolls-Royce, war diese Mode ein Graus. Abgesehen von stilistischen Verirrungen und intellektuellen Peinlichkeiten, störten sie nach seinem dafürhalten die klare Linie seiner Automobile. Ob Herr Royce die Kühlerfigur „The Whisper“ seines Kunden Montagu insgeheim doch bewunderte oder ihm sein Leid über die abgeschmackte Mode, seine Fahrzeuge mit Nippes zu entstellen, klagte, ist nicht mehr nachvollziehbar. Fest steht aber, dass die Firma Rolls-Royce durch Vermittlung von Lord Montagu den Bildhauer Charles R. Sykes 1910 beauftragte eine Kühlerfigur für ihre Automobile zu kreieren. Man erzählt sich, dass der Auftrag just dann erteilt wurde, als Charles Henry Royce im Krankenhaus weilte, denn er hätte diesen Umtrieben sicherlich nicht gutgeheißen. Seine Abneigung ging soweit, dass  Herr Royce auch weiterhin seinen privaten Fahrzeuge ohne Kühlerfigur bewegte.
Für Rolls-Royce sollte eine Kühlerfigur geschaffen werden, die so schön war, dass niemand mehr auf die Idee kommen sollte, sie gegen irgendeinen hässlichen Mist auszutauschen. Wieder stand Eleanor Thornton Modell und Sykes schuf die neben dem Mercedes-Stern bekannteste Kühlerfigur der Welt.Sie ist „The Whisper“ recht ähnlich, eigentlich fehlt nur der „Psst-Finger“.

Mittlerweile wird der Geist der Ekstase in Europa viel häufiger als „Emily“ bezeichnet und in den USA meist als „Flying Lady“ oder „Silver Lady“. Woher der Nickname Emily kommt, wo doch Eleanor viel nahe liegender ist, weiß heute keiner mehr. Die „Flying Lady“ und die „Silver Lady“ könnten von den unzähligen illegalen Nachgüssen herrühren, die in allen erdenklichen Größen seit Jahrzehnten angeboten werden. Da der Name „Spirit of Ecstasy“ ein geschützetes Warenzeichen ist, wurden die illegalen Kopien oft als Flying- oder Silver Lady beworben. Die Originale wurden in Sykes Werkstätten einzeln von Hand aus Wachs modelliert, jede einzelne Figur ein Unikat- eben eine echte Kunstskulptur. Die Wachsfigur wurde mit einem Mantel aus Ton umgeben, der im Ofen gebrannt wurde, wobei das Wachs ausschmolz und damit die Urskulptur verloren ging. In die Tonform wurde eine Metalllegierung gegossen, die anschließend galvanisch versilbert wurde. Aus massivem Silber, wie eine der vielen Legenden um Rolls-Royce behauptet war sie nie. Bis 1948 fertigte und signierte Sykes bzw, seine Werkstatt jede einzelne Figur selbst. Dann übernahm Rolls-Royce die Herstellung der Figuren, die aus einer Nickellegierung bestehen, selbst. Im Laufe der Jahrzehnte wurde die „Spirit of Ecstasy“ kleiner und 1934 schuf Sykes auf Wunsch von Herrn Royce auch eine kniende Version, die überwiegend auf den Modellen Silver Wraith und Silver Dawn montiert wurde. 

1920 wurde die „Spirit of Ecstasy“ in Paris zur schönsten               Kühlerfigur der Welt gewählt.

Und was wurde aus Eleanor Thornton und Lord Montagu?  Die Liebe endete tragisch. Während des ersten Weltkriegs, am 30. Dezember 1915 fuhr das Paar auf dem Passagierschiff SS Persia nach Indien. Die Persia wurde im Mittelmeer bei Gibraltar von dem deutschen U-Boot U-38 torpediert und versenkt. Hunderte Menschen starben, darunter auch Eleanor Thornton. Lord Montagu wurde von einem anderen Schiff aufgefischt und konnte bei seiner Rückkehr nach England seine eigenen Nachrufe in der Zeitung lesen- man hielt ihn für tot.

Verfrüht, denn gestorben ist er erst 1929 bei einem Unfall.

Autor: Alexander Köhnlechner