"Snow Cruiser" - der teure Flop des Dr. Poulter

"Snow Cruiser" - der teure Flop des Dr. Poulter

Wie gehts am schnellsten zum Südpol? Mit einem vierrädrigen Fahrzeug, dachte ein gewisser Dr. Poulter in den dreißiger Jahren – und baute mit Hilfe spendabler Geldgeber den gigantischen "Snow Crusier" - der sich zu einem ebensolchen Flop entwickelte

Die „Research Foundation of Armour Institute of Technolgy“ mit Sitz in Chicago war eine einfußreiche Forschungs-Stiftung und Dr. Thomas C. Poulter war ihr wissenschaftlicher Direktor. Unterstützt wurde die elitäre Gesellschaft von Universitäten, namhaften Firmen und
der amerikanischen Regierung. An Geld und Beziehungen herrschte also kein Mangel.

Dr. Poulter hatte 1934 den Polarforscher Admiral Byrd auf dessen zweiter Polarexpedition begleitet und ihm dabei das Leben gerettet. Die Erfahrung, in den Polargebieten größere Strecken zu überwinden, brachten ihn auf die Idee, ein gewaltiges Fahrzeug zu konstruieren: den „Snow Cruiser“. In diesem sollte eine fünfköpfige Besatzung ein Jahr lang autark der lebensfeindlichen Umgebung des Südpols trotzen und forschen können. Im Schichtbetrieb, so der Plan, sollte das Ungetüm 24 Stunden am Tag ohne Pause fahren können und Hindernisse wie Gletscherspalten so leicht überwinden können, „wie ein Mann einen zwei Fuß (60 cm) breiten Graben“. Die Konstruktion sah ferner vor, dass im Inneren des monströsen Fahrzeugs  Nahrungsvorräte für ein Jahr (!) und Treibstoff für eine Reichweite von sage und schreibe 8.000 km (5.000 mls) gebunkert werden konnten. Natürlich hatte Dr. Poulter auch an eine Dunkelkammer zur Fotoentwicklung und ein Labor, einen Karten- und Funkraum, eine komplett eingerichtete Küche und eine Werkstatt gedacht. Ein auf dem Rücken des „Snow Cruiser“ mitgeführtes Beechcraft-Flugzeug sollte Luftbilder der noch unbekannten Antarktis machen und dem „Cruiser“ den rechten Weg suchen. Die teuren Pläne verschwanden aber zum Glück erstmal zunächst in der Schublade.

Zur Sicherung möglicher Ressourcen – und weil Nazi Deutschland 1938 selbst eine Südpol-Expedition ausrüstete – plante die amerikanische Regierung für 1939 ein dreijährige Expedition zum Südpol zu finanzieren. Der Südpol war seinerzeit noch recht unerforscht, bis 1934 waren lediglich Amundsen, Scott und Admiral Byrd bis zum Südpol vorgedrungen. Poulter stellte den Entscheidungsträgern seine „Snow Cruiser“-Pläne vor – und stieß auf Geldgeber, die seinen vermeintlich visionären Plan bereitwillig finanzierten. Von dem für die gesamte Expedition veranschlagten $ 350.000 Dollar Budget entfielen allein $ 150.000 Dollar auf den Bau des „Snow Cruiser“. Alternativ hätte man für diesen Betrag auch zweihundertvierzig Plymouth Roadking Coupes kaufen können, der kostete als 1939 als Neuwagen 625 Dollar.

Präsident Roosevelt persönlich unterstützte das Projekt. Der Kongress genehmigte ohne Zögern die Mittel und sofort machte man sich an die Arbeit, denn die Zeit drängte. Wenn das Expeditionsschiff nicht bis Januar im Zielgebiet ankommen würde, hätte der Polarwinter die Reise unmöglich machen und man hätte die Expedition um ein kostbares Jahr verschieben müssen. So nahm das Elend seinen Lauf und der Bau von Poulters „Snow Cruiser“ begann unter dem Aktenzeichen „Project 1-69“ bei dem Eisenbahnwagenhersteller Pullmann Standard Car Company in Chicago. Nach nur zweieinhalb Monaten Bauzeit wurde der Snow Cruiser am 24. Oktober 1939 in Chicago einer erstaunten Öffentlichkeit präsentiert. Allein die Ausmaße waren gigantisch: Das Ungetüm war fast 17 Meter lang, über 6 Meter breit und 4,60 Meter hoch (ohne das Flugzeug). Voll ausgerüstet und mit 13.200 Liter Treibstoffen betankt wog es 75.000 Pfund (ca. 37 Tonnen).

Bis zur Abfahrt des Schiffes im Hafen von Boston blieben 19 Tage und 1.100 Meilen Wegstrecke. Da es kein Fahrzeug gab, das den „Snow Cruiser“ hätte transportieren können, wurde er auf eigener Achse überführt, was gleichzeitig als Testfahrt dienen sollte. Dabei wurde der „Snow Cruiser auf eine harte Probe gestellt. Über die Überführung berichtete das angesehene Time Magazin in seiner Ausgabe vom 13. November 1939 ausführlich.  Die erste Fahrt  fand in Chicago statt, 13 Meilen über gut gepflasterte Straßen. Der „Snow Cruiser“ kam nur auf 10 Meilen pro Stunde, obwohl er angeblich 25 Meilen schnell fahren sollte. Er hatte Schwierigkeiten um Kurven zu manövrieren, stoppte plötzlich, blieb zweimal ohne ersichtlichen Grund stehen und steckte für 15 Minuten unter einer Brücke an der 13. Straße fest.

Am nächsten Tag begann die Überführungsreise mit Geschwindigkeiten von bis zu 20 mph (32 km/h). Unterwegs wurde an einer lediglich 5 Meter hohen Sanddüne das Erklimmen von Schneehügeln geübt: Nach sechs vergeblichen Versuchen gelang es dem „Snow Cruiser“ schließlich, mit erheblichem Anlauf, tatsächlich die Düne zu erklimmen. Nach einiger Zeit schaffte er es sogar wieder von der Düne herunter zu kommen. Einen Tag später kollidierte er mit einem Lastwagen in Columbia City.
Später wollte man auf einer Kuhweide in der Nähe von Gomer, Ohio, zum Test einen etwa drei Meter breiten Bach überqueren, der eine Gletscherspalte simulieren sollte. Hunderte Schaulustige versammelten sich um den seltsamen Anblick des hilflosen $ 150.000 Dollar teuren „Snow Crusiers“ zu sehen, dessen Nase im Schlamm feststeckte. Nach siebzig Stunden (!) gelang es einem Kran den Snow Cruiser wieder auf die Straße zu ziehen. Tausende sahen bei dem unrühmlichen Spektakel zu.


Die Pleiten, Pech und Pannen setzen sich fort, als das monströse Gefährt verschifft werden sollte: Als man doch noch im Hafen von Boston ankam, stellte man beim Verladen fest, dass der „Snow Cruiser“ zu lang war und nicht, wie vorgesehen, quer auf das Schiffsdeck zwischen die Aufbauten der „North Star“ passte. Es half alles nichts – mit Schneidbrennern wurde kurzerhand das Heck des Vehikels passend gemacht, bevor ein Kran den „Cruiser“ an Deck hob.

Am Ziel angekommen, fertigte man, aus eigens dafür mitgeführtem Holz, eine lange Rampe, um den „Snow Cruiser“ von Schiff auf das Packeis zu bekommen. Unter den 75.000 Pfund Gewicht des Cruisers brachen die Vorderräder jedoch im Holz ein, die Konstruktion knackte und wankte. Mit einem beherzten Vollgas-Manöver gelang es Poulter gerade noch, dass 150.000 Dollar Gefährt und sich selbst zu retten.

Als der „Snow Cruiser“ in der Antarktis endlich zum Einsatz kam, war nach knapp drei Meilen am ersten Hügel erstmal Schluss: Er kam mit seinen profillosen Reifen den Hügel nicht herauf. Die Räder drehten auf dem glatten Eis durch – das Getriebe war selbst im ersten Gang zu lang übersetzt, einen Kriechgang gab es nicht. Admiral Byrd und Poulter suchten sich ein andere Route durch flaches, verschneites Gelände. Doch im Schnee sank der schwere Koloss ein und seine Räder drehen hilflos durch. Man entsann sich der beiden Reserveräder und montierte diese unter widrigsten Umständen zusätzlich an den Vorderrädern um die Aufstandsfläche zu vergrößern. Durch die Felgen der Hinterräder wurden Ketten gezogen um den Grip zu erhöhen. Der Erfolg war mäßig. Der „Snow Cruiser“ sah den Südpol jedenfalls nie.
Nach nicht einmal 100 Meilen Fahrstrecke wurde der „Snow Cruiser“ neben der improvisierten Flugzeug-Landebahn abgestellt. Er diente fortan als stationäres Labor und Unterkunft. Die ursprünglich auf drei Jahre angelegte Expedition wurde noch im selben Jahr abgebrochen. Die Mühe, den „Snow Cruiser“ wieder auf das Schiff zu bugsieren, machte man sich nicht mehr. So blieb der „Snow Cruiser“ im ewigen Es zurück – In der Heimat blieb der Konfetti-Regen für seine Erschaffer aus.

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