Sir Vival: skurile Sicherheitskarosse

Sir Vival: skurile Sicherheitskarosse


Portrait

Ein Erfinder wollte die Welt mit einem Sicherheitsauto beglücken. Leider wollte die Welt keine Sicherheit von ihren Autos, sondern Schönheit.

Walter C. Jerome ist ganz aus dem Häuschen. Es ist sein großer Tag, er bekommt hohen Besuch: Ein Entwicklungsingenieur aus Detroit hat sich angesagt, um Walter C. Jeromes phantastisches Konzept eines Sicherheitsautos zu prüfen – und, wenn alles klappt, bei einem Detroiter Automobilriesen in Produktion bringen.

Es klingelt, Mr. Jerome öffnet und herein schreitet der Ingenieur. Schnell in die Garage mit ihm und – voila: Sir Vival! Die Zukunft des Automobils!

Der Ingenieur steht da und ist sprachlos. Walter C. Jerome nimmt das als gutes Zeichen. Allein dass er hier hergekommen ist, in seine kleine Vorstadtgarage in Worcester, Massachusetts, das ist doch sehr vielversprechend.

Langsam findet der Mann seine Worte wieder und geht um Jeromes Auto herum. Er ist sichtbar beeindruckt: Das soll ein Auto sein? Sieht aus wie eine groteske Kreuzung aus Autoscooter und Diesellok.

Inspiriert vom Autoscooter 

Genau! Autoscooter! ruft Mister Jerome und fühlt sich verstanden. Ein Besuch auf der Kirmes habe ihn inspiriert, erklärt er und beschreibt, wie elegant die kleinen Elektroautos aneinander abprallen. Daraus könne man doch bestimmt was für die großen Autos auf der Straße lernen, habe er sich gedacht!   So sei er vom Rummel zurückgekehrt und schnurstracks in die Garage gegangen, um seinen 1948er Nash mit dem Schweißbrenner zu attackieren.

So mag es sich zugetragen haben, vor mehr als einem halben   Jahrhundert. Wie kurios, dass sich in den fünfziger Jahren vor allem Privatleute Gedanken über Kraftfahrzeugsicherheit machten – wo sowas heute die Aufgabe von Autokonzernen ist. Die aber fanden damals Karosseriedesign und Komfortschnickschnack interessanter (zumindest in den USA), während Privatleute zur Tat schritten und hoffnungsvolle Sicherheits-Prototypen bauten, wie Mister Jerome aus Worcester, Massachusetts. Der Mann ließ mit seinem Sicherheitskonzept wahrlich etwas einfallen: Zweigeteilt steht sein Auto da, im vorderen Abteil steckt der Motor, bereit, sich im Falle eines Aufpralls für die Insassen des hinteren Abteils zu opfern.

Die habens derweil gemütlich in ihrer gepolsterten, rohrrahmenverstärkten Zelle, fest verzurrt in Sicherheitsgurten. Mittig und erhöht sitzt der Fahrer und genießt aus einer Plexiglaskanzel einen ausgezeichneten Blick auf den Verkehr. Das bizarre Gefährt trägt den stolzen Namen Sir Vival - ein Wortspiel mit dem englischen Wort für Überleben, eigentlich ein fürchterlicher Kalauer.

Den Nash, der dran glauben musste, erkennt man noch im Wagenheck. Seinen Motor  hat er auch behalten dürfen, ebenso den Heckantrieb. Allerdings musste Walter C. Jerome sich was einfallen lassen, damit der Antriebsstrang die Knickbewegung  mitmacht: Den Begriff "Motoraufhängung" muss man hier wörtlich nehmen, denn die Maschine hängt frei und kann sich verdrehen, wenn Sir Vival in die Kurve geht. Die Lenkung ist sehr simpel: Das Lenkrad wirkt auf ein Zahnradsegment, das den Vorderwagen nach rechts oder links bewegt. Ohne Hanteltraining war Sir Vival wohl kaum zu steuern. 

Insgesamt lässt sich nur schwer beurteilen, ob Walter C. Jerome wirklich brauchbare Ideen hatte oder man ihn zu den vielen verwirrten Geistern zählen muss, die im Laufe der Automobilgeschichte das Rad neu erfinden wollten. Den Motor in einem separaten Gehäuse unterzubringen verhalf den Fahrgästen sicherlich zu einer einzigartig geräuscharmen Fahrt, und sicher saßen sie gewiss auch.

Fahreigenschaften wie ein Radlader 

Das Gefährt ist ein Knicklenker, das heißt, es biegt sich in die Kurve. Knicklenker sind in der Tat überdurchschnittlich robust, sie haben ein gewaltiges Zentralgelenk anstelle diffiziler Aufhängungskonstruktionen wie bei Fahrzeugen mit konventionellem Fahrwerk. Daher sind Knicklenker für Baustellenfahrzeuge geeignet. Bei höheren Geschwindigkeiten allerdings verlieren Knicklenker zunehmend die Stabilität - Sir Vival hat also die Spurstabilität eines Radladers. Vielleicht sind Autoscooter doch nicht die richtige Inspiration für richtige Autos.

1959, so berichten die mageren Quellen, führte Walter C. Jerome seinen Sir Vival hoffungsvoll verschiedenen US-Autoherstellern vor. Leider wurde er zum völlig falschen Zeitpunkt vorstellig. "Das kann nicht Ihr Ernst sein", sagte der Autoingenieur. "Guter Mann, sehen Sie nicht, wie hässlich Ihr Auto ist? Wie meinen? Sicherheitszelle? Anschnallgurte? Du lieber Himmel, wen interessiert den sowas! So wie das Ding aussieht, müssen wir unseren Kunden Geld geben, dass die überhaupt nur mal probesitzen. Nichts für ungut, lassen Sie sich ein gescheites Design einfallen und dann reden wir vielleicht nochmal. Guten Tag noch."

Sir Vival hat überlebt 

Wie oft Walter C. Jerome auf diese Art abgefertigt wurde, ist nicht überliefert, ebensowenig wie sein weiteres Schicksal. Geändert hat er nichts an seinem Auto, schließlich ist der seltsame Aufbau genau der Clou. Sir Vival jedenfalls hat überlebt, Kalauer hin oder her. Inzwischen ist er zu seinen Wurzeln zurückgekehrt: Er hat Aufnahme gefunden bei Edward T. Moore in Bellingham, Massachusetts. Moore gilt in der Hudson-Szene als der letzte aktive Hudson-Händler, was beachtlich ist für eine seit 50 Jahren ausgestorbene Marke.

Wer also bei Bellingham Auto Sales vorbeischaut, kann den erstaunlichen Sir Vival von ganz nah bestaunen.

Dieser Artikel erschien am 05.11.2008