Scirocco I

Scirocco I


Marktbeobachtung

Frischfisch vom Mittellandkanal – ach, nein, sorry: Der Scirocco wurde ja nur in Wolfsburg geplant, gezeichnet in Italien und gebaut in Osnabrück. Diese Konstellation war fast so wie bei einem Vorgänger, dem Karmann-Ghia, mit dessen Rundungen der Neue jedoch heftigst brach – zum Glück für die Evolution des Coupédesigns.

Was war das für ein Aufruhr damals auf dem Weg zum Genfer Salon: Blitzeschnell und im Konvoi sausten mehrere knallbunt lackierte Flundern über Schweizer Autobahnen. Kantenhauber mit tiefer Dachlinie und grimmig schauenden Doppelscheinwerfern, einer nach dem anderen trotzten sie dem an diesem Tage herrschenden Regen. Wolfsburgs Kolonne kommt erst zum Stehen, als der Porsche 911 der hiesigen Kantonspolizei aufschließt und unverwechselbar seine Ambitionen signalisiert: rechts ran, Kontrolle! Sollten die brandneuen Scirocco I zu schnell oder zu dicht beieinander gewesen sein – die Eidgenossen in ihrem Stuttgarter Autobahnpolizei-Coupé interessierte es nicht: Allein, den Neuen aus Wolfsburg wollte man genauer in Augenschein nehmen!

Das ist 35 Jahre her. Dazwischen liegen der Scirocco II und der Corrado, der in letzter Minute doch nicht Scirocco III heißen durfte, weil das den Entscheidern in Wolfsburg nicht exklusiv genug geklungen hatte. Doch das Original blieb der "Einser", der, auf dem noch nicht erschienenen Golf-I basierend, die Rolle des Versuchskaninchens zu spielen hatte. Auf Wolfsburger Geheiß hatte Giugiaro den Scirocco so eckig zeichnen müssen, wie eir ihn kennen, und das war gut so. Endlich Schluss mit dem lahmen, Rokkoko-haften Karmann-Ghia, den wir uns irgendwie übergesehen hatten. Nicht nur, dass der Scirocco Platz für Gepäck unter der hinteren Klappe hatte; er besaß auch einen richtigen Motor mit unterschiedlichsten PS-Leistungen unter der vorderen haube. Das hieß, dass der Wagen auch so führe, wie er getauft wurde: "Sportwagen".

Der Scirocco I war die hochemotionale Sachlichkeit der Großserie auf vier Rädern. Er war formal reduziert, trug keinen Blechschwungspeck auf den schlanken Flanken, kam beschleunigungsmäßig aber locker aus der Hüfte. Als Scirocco GTI mit 110 PS trat er dem Golf I GTI treu an die Seite und wirbelte so manches Marktkalkül aus Köln und Rüsselsheim durcheinander. Unverschämt! Erfrischend unverschämt sogar.

Für die Gesetzten unter den Niedersachsen (das sind fast alle ...) baute VW das Sportcoupé auch ohne Sport, dafür mit 70 PS und Automatikgetriebe. Diese Exemplare gelangten zumeist sofort in Rentnerhand und blieben dort, bis Letztgenannte erstarrten, zum Glück nur in den seltensten Fällen direkt am Lenkrad. Was in den Achtzigern nicht den Todesengeln des Designs (Kamei, Zender, Votex) in die Poppnietzangen-Hände fiel, überlebte im Untergrund: Tiefgaragen, Scheunen, Carports wurden zum Refugium einiger weniger Scirocco I. 

Aus solch einem Dornröschenschlaf ist unser heutiger Netzfang erwacht: Wenig Kilometer, viel Originalität, guter Zustand, interessante Farbkombination, fast keine Besitzer – das ist die Konstellation, aus der ein ernsthaftes und interessantes Angebot besteht. Hier haben wir alles vereint in einem einzigen Auto, das erstens immer seltener wird und zudem zu einem fairen Kurs angeboten wird. Außerdem steht der Wagen im Wolfsburger Nobelviertel Steimker Berg, nur einen Steinwurf von Heinrich Nordhoffs ehemaliger Villa entfernt. Wie heißt es so schön? "Anschauen lohnt!" In diesem Fall bestimmt auch das Fahren, das Freuen, das Staunen, das Mitnehmen.