Sandspielzeug – VW HAZ Deserter GT

Sandspielzeug – VW HAZ Deserter GT


Marktbeobachtung

Dass Hamburg zwar am Wasser, aber noch lange nicht am Meer liegt, merkt man nicht wirklich. Zumindest nicht an sonnigen Tagen am überfüllten Elbstrand. Fehlt nur noch ein luftiges Gefährt zum Bier holen und mal eben an der Gischtkante entlangbrettern, muss sich 1968 die Firma Rudolf Kühn KG beim Betriebsausflug zwischen Övelgönne und Wittenberge gedacht haben, als sie plötzlich die Buggy-Welle mit voller Wucht erwischte.

Die Sechziger Jahre. Während die amerikanische Autoindustrie mit Tonnen von Stahl und Chrom um sich wirft, um ihre vorsintflutliche Großserientechnik zu kaschieren, löst 1964 ein Mensch namens Bruce Meyer die Gegenwelle aus. Mittels des populären Fiberglas-Werkstoffs kreiert Meyer lustig bunt durchgefärbte Plasteschalen, die er kurzerhand über leicht modifizierte Fahrgestelle ausrangierter VW Käfer stülpt. Aus dem Bug macht Meyer im Karosserieumdrehen den Buggy – was im amerikanischen ungefähr so viel bedeutet wie "verrückt". Oliver Onions schmettert sein "Dune Buggy" dazu, wenn die bunten Sandspielzeuge knatternd und röhrend auf ihren fetten Hinterrädern fortan die Badestrände umpflügen.

Zu allem Glück ist dieser süße Wahnsinn ansteckend. Der Virus macht auch nicht vor dem großen Teich halt, der Amerika und Europa trennt: Ab 1968 bietet die besagte Firma Kühn aus Hamburg ihre HAZ-Buggys an, als Bausatz oder als Fertigfahrzeug. Ihr folgen bald unzählige weitere Anbieter, sogar Karmann aus Osnabrück bietet hochoffiziös den Karmann GF an. Keine Frage: Wer zu dieser Zeit Hippie ist oder hip sein will, braucht einen Buggy. Überhaupt sind die 70er ja das Jahrzehnt der Selbermacher und Hobbybastler: Zeitschriften wie "Selbst ist der Mann" (!) liegen im Trend wie ein Buggy in der Kurve.

Abseits schauderhafter Jean-Pütz-Reminiszenzen glänzen die oft aus 20 übereinander gelegten Schichten GFK gefertigten Buggys. Einige sehen richtig knackig aus, andere wie überdimensionierte Türstopper (Apal Corsa). Zu erstgenannter Gattung gehört auf jeden Fall der Deserter GT von HAZ, der uns im aktuellen Fall sogar ohne den lästigen Überrollbügel gegenüber steht. Kurioser Weise durften Buggys keinen Überrollbügel besitzen, sobald offiziell vier Sitzplätze eingetragen waren – die höher sitzenden Fondpassagiere hätten sich die Köpfe daran stoßen können, hieß es von Seiten des TÜV's. Aha.

Überhaupt: Der TÜV. Grollend-drohende Instanz jeglichen automobilen Freiheitsgefühls, in dessen Maul die Paragraphenzeichen wie Schneidezähne glitzerten. Dieser TÜV kam irgendwann auf die Idee, dass Buggys weniger unfallsicher und abgasärmer seien, als Spritsparwunder vom Schlage eines Ford Granada oder VW 412. Und so starben die kleinen Buggy-Manufakturen bald eine nach der anderen, da die immer irrwitziger anmutenden Auflagen eine rentable Fertigung der eh schon nicht billigen Freizeitflitzer (Bausätze begannen bei 3.000 Mark und endeten bei über 10.000 Mark für einen fertig montierten Buggy) endgültig unterminierte. Ab Mitte der Achtziger blichen die lustigen Sandspielzeuge auf den Kiesplätzen der Gebrauchtwagenhändler langsam aus, während sich Disteln durch die offenen Motoren schlängelten und die Reifen langsam eckig wurden. Keiner wollte die sympathischen Sonnenanbeter mehr. Man ging lieber ins beheizte Hallenbad.

Wer vor 15 bis 20 Jahren einen Buggy billig abfing, hat heute wieder gut lachen. Der Buggy kommt zurück – sei es als Neuinterpretation des Streetbuggy in Form des Ariel Atom oder als altgedienter, etwas zerknarzter Dune Buggy. Das nachsichtige Auge der Nostalgie, amtlich überführt in das Sonderkennzeichen für historische Fahrzeuge, erlaubt ähnliche Drifts und Soundorgien wie einst im Jahr '68. Apropos Drifts: Die Wendigkeit der zumeist auf einem verkürzten Käfer-Fahrgestell aufbauenden Buggys hatten übrigens schon immer einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: Sie erlaubten in Extremsituationen (Jean Pütz in unvorteilhaft wirkender Badehose am Strand) einen großen Bogen um diverse Hindernisse zu machen.

Und die TÜV-Fritzen fanden die Dinger eigentlich auch schon immer geil. Und Hallenbäder scheiße.

Autor: Knut Simon