Saab 900 Turbo Cabriolet

Saab 900 Turbo Cabriolet


Marktbeobachtung

So langsam erwärmen sich die Carsablanca-Fischgründe in der lauen Frühlingsluft. Da ziehen wir doch gern einmal ein Cabrio von Till Schauen's Schlachtbank an Bord und betrachten es wohlgefällig. Ein echter Saab – und noch kein Derivat aus Rüsselsheim ...

Wer vor 20 Jahren prophezeit hätte, dass Opel einst Saab-Automobile bauen würde, dem hätten wir jeden weiteren Aquavit verwehrt. Pfui Spinne! Und vor allem kompletter Unsinn. Denn wer bei Möbel-Schildge in Rüsselsheim seinen barocken Wohnzimmer-Alptraum ersteht, kauft niemals bei Ikea. Und umgekehrt.

Wie haben wir uns getäuscht.

Seit zehn Jahren nun schon rollen in Trollhättan verkappte Vectras vom Band, denen man das Saab-Emblem unter Zwang ins Blechkleid brennt. Diese Autos sehen immer noch eindrucksvoll aus und fahren auch nicht schlecht, nur ganz klar ist: Nach dem alten 900er wird es keinen Saab-Klassiker mehr geben. Jedenfalls auf Jahre hinaus nicht.

Saab waren immer Autos für Individualisten. Allerdings wird es langsam schwer mit der Individualität. Was nicht an einem immens vermehrten Produktionsausstoß der Schweden läge, die bauen immer noch ein Prozent der jährlichen Produktion der GM-Mutter. Nein. Das Problem ist eher, dass noch immer so ziemlich jeder Internet- oder Werbemensch einen 900er fährt. In einem Blog wurde der 900er jüngst sogar als "der Golf II Berlins" bezeichnet – man findet ihn dort an jeder Ecke. Aber lieber mit dem Golf II gleichgesetzt werden, als vom Vectra abzustammen.

Neben dem Image des Individualisten wucherte Saab vor allem in Sachen passiver und aktiver Sicherheit. So befand sich das Zündschloss auf dem Mitteltunnel zwischen den Vordersitzen, wo es im Fall einer Frontalkollision nicht die rechte Kniescheibe des Fahrers hätte knacken können. In den Türen sorgten massive Stahlrohre dafür, dass Unfallpartner einem nicht zu nahe kamen. Darüber hinaus waren die Seitenschweller derart nach innen gezogen, dass im Falle eines Seitenaufpralls die Reparaturkosten niedrig blieben – oft musste man lediglich die beschädigten Türen auswechseln, statt die gesamte Karosse auf der Richtbank wieder zurechtzuzurren. Sämtliche Weichplastikschalter saßen plan im gepolsterten Armaturenträger, dessen Unterseite aus einem durchgehenden Prallelement bestand. Mit anderen Worten: Das Auto sah irgendwie nicht nur aus wie eine Schildkröte, es besaß auch einen ähnlich beschützenden Panzer.

Neben diesen nüchternen Features besaß der Saab 900 aber vor allem eines: Persönlichkeit. In keinem anderen Auto saß man hinter einer Frontscheibe, die gewölbt war wie beim Kampfjet. Tatsächlich waren in die Konstruktion des 900 Aspekte eingeflossen, die Saab aus dem Flugzeugbau übertragen hatte. Denn dort hatte man ja einschlägige Erfahrungen gesammelt.

Fast so ähnlich wie im offenen Doppeldecker war das Gefühl, im Saab 900 Cabrio zu sitzen. Wie die Limousine war auch die Open-Air-Variante des 900 extrem verwindungssteif. Serienmäßig gab es elektrische Fensterheber und ein elektrisches Verdeck, das kinderleicht zu bedienen war. Die Türen schlossen wie der Tresor der schwedischen Nationalbank, der Turbo pfiff wie die Saab Viggen und wem nicht schon beim Neupreis des Autos das Blut im Kopf brauste, der erlebte dieses Gefühl spätestens bei der ersten Offenfahrt. So ein Saab, so wunderschön wie heute ...

Angeboten wird aktuell ein 900 Cabrio mit einer Laufleistung, nach der bei einem Saab gerade einmal die erste Inspektion fällig wird. Nicht selten erreichen die soliden Schweden Laufleistungen von 500.000 und mehr Kilometer, das angebotene Exemplar hat gerade einmal 85.000 Kilometer auf dem Zähler. Damit ist dieses Saab 900 Cabrio quasi ein Neuwagen, der außerdem aus einer Quelle stammt, die Kennern der Szene das Wasser im Ausgleichsbehälter zusammenlaufen lassen sollte: Heuschmid verfeinerte in den 70er und 80er Jahren Saab-Automobile derart, dass sie urplötzlich bedeutend mehr stramme PS unter der Haube hatten. Mit anderen Worten: Der Anbieter kennt sich aus.

Einige neuralgische Punkte wurden beim zum Verkauf stehenden Exemplar bereits behandelt. So erhielt der Wagen einen neuen Wasserkühler und ein neues Verdeck. Allein Letzteres kostet zwischen 2.000 und 3.000 Euro. Saab verbaute oft die sündhaft teuren TRX-Reifen von Michelin; auch diese wurden erneuert. Das Leder, oft zerschlissen bei Saab-Modellen, präsentiert sich in diesem Fall in guter Fasson. Kurz: Die erwähnten Investitionen zusammengerechnet, erscheint der Preis von knapp 19.000 Euro in einem anderen Licht. Zwar kann man auch schon für 5.000 Euro ein nicht schlechtes Exemplar erwerben, doch meistens fängt man dann an, Kleinanzeigen nach gebrauchten Lederausstattungen zu durchforsten und Saab-Händler um Angebote für einen Verdeckaustausch zu bitten. In jedem Fall gilt: Die alten Saab 900 Cabrios sind im Kommen. Wesentlich günstiger werden sie nicht mehr lange zu haben sein. 

Dieser Artikel erschien am 19.03.2008