Rolls Royce Silver Cloud III SJR – Adel verpflichtet

Rolls Royce Silver Cloud III SJR – Adel verpflichtet

Durch die Oldtimer-Brille betrachtet ist ein Rolls Royce Silver Cloud III ein ganz besonderes Schätzchen, vor allem wenn er mit einer seltenen Sonderkarosserie daherkommt. Doch sein Besitzer, Carsablanca-Mitglied Graf von Hertzberg, hat eine ganz eigene Sicht der Dinge

Graf von Hertzberg beliebt es tief zu stapeln. Sehr tief. Sein Auto, so der Graf, sei eigentlich nichts anderes als ein NSU Prinz. „Ein Nutzobjekt“ - gebaut, um von A nach B zu gelangen, trockenen Fußes und schneller als auf zwei Beinen. Dabei mag der Wagen vielleicht ein wenig größer sein, als die Modelle von Opel oder VW, bequemer als der Ford Modell T „Tin Lizzy French Tourer, der ebenfalls in seiner Garage steht, „aber mit vier Rädern, die auch nur bis zum Boden reichen, wie bei jedem anderen Wagen auch.“
Tatsächlich ist der Rolls Royce Silver Cloud III SJR 555 6250 ccm Continental James Young von 1965 nicht wie ein NSU Prinz. Er ist nicht wie irgendein anderes Auto. Und an sich ist „Auto“ auch schon zu tief gestapelt.

Gelebte Bescheidenheit

„Wenn man damit unterwegs ist, dann ist es, wie im Wohnzimmer zu sitzen. Man steigt ein und vollkommen entspannt wieder aus. Man fährt auch nicht, sondern gleitet von hier nach dort“, sagt Martin Siegfried Graf von Hertzberg, und schon das erzählt er mit erkennbarem Unbehagen, weil man eigentlich nicht darüber redet. Wer einen Rolls Royce und nicht NSU fährt, der weiß das zwar, aber sagt es nicht. Der Wagen, so britisch wie die Kronjuwelen, erlaubt nicht viele Worte. Das ist Understatement at its best. Wie vier Asse auf der Hand, die man kennt und nicht ausspielt. Selbstbewusste Zurückhaltung, die schon der Fahrzeugschein der alten Rolls Royce-Modelle seinen Besitzern verordnete, weil es unter dem Punkt Leistung keinen Eintrag gibt. Wer nach den Pferdestärken fragte, bekam bis in die 70er Jahre von Rolls Royce nur zur Antwort: „Genügend.“ Auch beim Rolls Royce Silver Cloud III von Graf von Hertzberg gibt allein der Hubraum einen Anhaltspunkt von der mutmaßlichen Kraft unter der Haube: 6,23 Liter.

Graf von Hertzberg hat die Rolls Royce-Etikette verinnerlicht, mehr noch, er lebt sie: „Es kommt bei dem Wagen ja nun auch wirklich nicht auf die Leistung an“ sagt er. „Es geht nicht darum, auf der Autobahn Geschwindigkeitsrekorde zu brechen oder an der Ampel der Erste zu sein, der bei Grün weg ist.“ Vollkommen undenkbar für einen Rolls Royce. Stattdessen gleitet der Wagen ganz selbstverständlich über die Straße, niemals um zu drängeln und aufzuhalten, fast könnte man meinen, so unauffällig wie möglich. Dazu trägt auch der Motor bei, der kaum hörbar sein Arbeit verrichtet: „Der läuft so ruhig, dass man auf der Haube eine Münze aufrecht hinstellen kann, ohne dass sie herunterfällt“, sagt Graf von Hertzberg. Rolls Royce warb einst sogar damit, dass das Ticken der mechanischen Uhr im Innenraum lauter sei als die acht Zylinder davor. Graf von Hertzberg mag da nicht widersprechen.

Vollkommen unauffällig ist der Rolls Royce Silver Cloud III freilich nicht: Den Bug ziert der für die britische Edelmarke typische, mächtige Kühlergrill in Chrom, monumental wie ein griechischer Tempel. Darauf thront in graziler Eleganz die Spirit of Ecstasy aus Silber - jene weibliche Kühlerfigur mit wehendem Schleier, die der britische Bildhauer Charles Sykes für den Rolls Royce-Fahrer Lord Montagu of Beaulieu entworfen hat. Dass es sich um ein Abbild der Geliebten des Edelmannes handelt, hielt die Käufer der Luxuskarossen seit 1911 nicht davon ab, ebenfalls mit „Emily“ herumfahren zu wollen. Und schließlich ist es die Silhouette des Wagens selbst, die in mehr als fünf Metern polierter Eleganz eine Ahnung davon gibt, dass im Innenraum aus Magnolie und Kirschwurzelholz niemand mit Enge zu kämpfen hat.

Alltägliche Vorurteile

Dennoch ist die Freude nicht ungetrübt, wenn der Graf mit seiner britischen Pretiose erstmal im gemeinen Straßen- verkehr unterwegs ist.
„Der Wagen sorgt wegen seines Erscheinungs- bildes leider immer wieder für neidische Reaktionen“, klagt der Heidelberger. „Wenn man damit auf der Straße ist, dann gucken viele Leute häufig abfällig und missgünstig und stellen oft zuerst die Frage: ,Was hat der denn gekostet?'.“
Martin Siegfried Graf von Hertzberg, der Letzte seines adeligen Namens, mag diese Frage nicht. „Ich fahre das alte Auto nicht als Statussymbol“, sagt er. Zustand zwei, das reiche, weil es ja doch ein Nutzobjekt war und diesen Charme weiter behalten soll. Mitunter versucht er, die Leute mit Witz davon zu überzeugen. Er sagt, es sei eigentlich ein schlechtes Auto, weil das Steuer auf der falschen Seite sei – und der Beifahrer deshalb immer einen Führerschein haben müsse. „Aber es ist schwer, den Menschen begreiflich zu machen, dass ich von dem Rolls Royce fasziniert bin, weil er schon zu seiner Bauzeit absolut zuverlässig war und hochgradig bequem ist. Wenn ich damit unterwegs bin, dann halte ich manchmal an, setzte mich hinten hinein und mache es mir gemütlich wie auf einem Sofa.“
Von solcher Liebhaberei aber wollen viele nichts wissen. Viel besser ins Klischee passt da, dass der Wagen einst aus dem Hause Windsor stammte und eigentlich bei Sotheby's versteigert werden sollte, als er 1986 in die Sammlung des Heidelbergers kam. „Wenn mich jemand auf das Auto  anspricht, dann nenne ich schon meinen Namen gar nicht mehr, weil das die Vorurteile nur noch verstärken würde“, meint der Graf. Einmal verweigerte man ihm gar den Eintritt in einen Oldtimer-Club wegen seiner adeligen Herkunft.
Dabei der Rolls Royce historisch betrachtet eine echte Besonderheit: Das gute Stück ist noch ein „echter“ Rolls Royce,  der in reiner Handarbeit hergestellt und zusammen mit den Modellen I, II, und III insgesamt nur 7.365 mal gebaut wurde, bevor die Briten in der Standard-Reihe schließlich auch in Großserie gingen. 1965 gefertigt, ist der Rolls-Royce Silver Cloud III des Grafen einer der letzten der Baureihe, die 1966 nach elf Jahren eingestellt wurde. Das 29.025 mal gebaute Nachfolgemodell Rolls Royce Silver Shadow I und II hatte längst nicht mehr den erhabenen britischen Schwung, sondern mutete eher wie die kontinentale Mercedes S-Klasse seiner Zeit an – bis auf die klassischen Rolls Royce-Merkmale wie den Tempelkühler und „Emily“.

„Ich finde es gerade so besonders, dass der Silver Cloud III noch echte Handarbeit ist“, sagt Graf von Hertzberg über seine Continental- Version mit verändertem Aufbau, deren Radstand vergrößert wurde, und die deshalb noch mehr Platz im Innenraum bietet. Nur drei Exemplare verließen davon die Hallen von Rolls Royce in Crewe. „Dieses Auto ist ein Stück Geschichte.“ Doch die Ressentiments gegen einen Wagen, der  früher nur durch gehobene Kreise schnurrte und noch immer britische Eleganz mit Diskretion verbindet, machen Graf von Hertzberg manchmal sogar den Fahrspaß zunichte. Dann lässt er seinen Wagen, den er ohnehin nur ein paar tausend Kilometer zwischen den TÜV-Terminen bewegt, lieber gleich in der Garage, und nimmt stattdessen seinen Ford Model T „Tin Lizzy“ French Tourer. Der muss zwar alle 50 Kilometer abgeschmiert werden und schon das Anfahren und Schalten erfordert eine Bedienungsanleitung, doch Neid kommt nie auf. Der Ford ist damit das genaue Gegenteil zu seinem Rolls Royce. „Der Wagen ist eher eine Kutsche als ein Auto“, sagt der Heidelberger.
„Aber die Reaktionen der Leute sind angenehmer als bei dem Rolls Royce. Sie winken aufgeregt, und wenn er irgendwo steht, wollen sie eigentlich nur wissen, ob er auch wirklich fährt.“ Die Frage nach dem Wert des Vehikels spielt nie eine Rolle.
Das schätzt Graf von Hertzberg.  „Ich finde es schön, wenn die Leute stehen bleiben und neugierig sind, und ein Auto nach seiner Besonderheit, nicht nach dem Geld betrachten.“ Einmal etwa stand ein kleines Mädchen mit glänzenden Augen vor seinem Rolls Royce und wünschte sich, darin fotografiert zu werden. „Natürlich habe ich gleich die Türen aufgemacht“, erzählt der Heidelberger. Doch ein anderer Fahrer, der gerade am Ort des Geschehens war, ließ das Kind abblitzen:. „Der Mann wurde wild und meinte, dass ein Auto kein Kinderzimmer sei. Vollkommen unverständlich. Es konnte doch kein größeres Kompliment geben, als dass ein Kind seine Freude an historischen Autos hat.“

Diese Heldengeschichte über seinen Rolls Royce Silver Cloud III SJR 555 6250 ccm Continental James Young entstand mit freundlicher Unterstützung des Carsablanca-Mitglieds Graf-von-Hertzberg.