Renn-Sushi – Toyota Sports 800

Renn-Sushi – Toyota Sports 800

S 800? Das ist doch dieser Honda mit Rasenmäher-Kraftübetragung. Richtig. Falsch. Noch exotischer und noch atemberaubender ist der S 800 von – Toyota!

Friedrich der Zweite von Preussen war nicht Schuld. Wohl auch nicht diese Bockwürstchen mit dem gleichen Namen wie Fritze’s „Lange Kerls“. Oder vielleicht doch alle zusammen, man weiß es nicht so genau. In jedem Fall hatte es sich in Japan bedauerlicherweise herum gesprochen, dass die Langnasen aus Europa auch ansonsten nicht gerade kleinwüchsig geraten waren, warum also sollte Toyota 1965 ein Autochen gen Deutschland exportieren, in dem man höchstens 1,75 Meter groß sein durfte?

Na, weil es atomgeil war! Fantastisch. Bezaubernd! Leider fand diese Eingebung nicht in die vom Dunst japanischer Garküchen malträtierten Toyota-Marketing-Hirne. Immerhin essen wir keine 50 Jahre später auch schon Sushi. Da hätte man uns doch auch den extrem hinreißenden Sports 800 servieren können! Stattdessen mussten wir mit blattgefederten Bonsai-Auswüchsen pseudoamerikanischen Designs umherfahren. Erst der atemberaubende 2000 GT war eine Offenbarung, deren Produktionszeit jedoch so schnell verglühte wie eine pyrotechnische Himmelszauberei. Zzzzzzzt! Paff!

Warum hat Carrera den Sports 800 nicht längst als Fahrmodell herausgebracht? Fast, so scheint es, wurde der Sports 800 vergessen, bevor er richtig bekannt werden konnte. Das besitzt natürlich den Nimbus des Geheimtips, teilt sich aber andererseits eine alte Marketingweisheit mit Leckereien wie Hijiki Nitsuke und Chrysanthemensalat: Was nützt das tollste Produkt, wenn es niemand kennt? Es nützt uns in unserer heutigen automobilen Klassiker-Inflation, wo jeder halbwegs angestaubte Verbrauchtwagen plötzlich als „Scheunenfund“ auftaucht, an jeder Ecke ein /8 mit H-Kennzeichen steht und vor jeder Werberbutze ein BMW 02 oder Alfa Romeo Junior. Es erfreut uns, die wir so satt sind von Countachs und Neunelfern, denen schon beinahe schlecht wird vom distinguierten Klassiker-Overkill, wenn plötzlich dieser Gugelhupf à la Japonaise um die Ecke quietscht.

Ganze 45 PS trieben die nur 580 Kilo leichte Rennzigarre auf bis zu 155 KM/H. Die zwei Zylinder des luftgekühlten Boxermotörchens mit knapp 800 ccm Brennkammervolumen wurden jeweils von einem eigenen Vergaser beatmet, was eine erstaunliche Agilität und Leichtfüßigkeit des Wagens bewirkte. Generell war der Toyota Sports 800 ein „Grin-Up“-Mobil und der erste Wagen mit herausnehmbaren Targadach – und damit die Vorwegnahme des 911 Targa.

Dass er nicht zu uns kommen durfte, ist unverständlich. Männer wie Claus Theo Gärtner oder Claus Wilcke wären prädestiniert für ihn gewesen (Promis, unter 1,80 Meter groß und mit Rennsport-Aktivitäten), das Marketing für Toyota hat sich hier ganz eindeutig einen ganz großen Meilenstein in der kollektiven Auto-Erinnerung der Europäer versagt – warum nur? In Japan heizten die „Tiny Targa Terrors“ mit Furore um den Rundkurs, den sie für den großen Bruder 2000 GT ebneten. So viel Fahrspaß auf knapp 3,60 Meter „Länge“ und 1,17 Meter „Höhe“ gab es damals kaum, jedenfalls nicht zum Einstandspreis von 1.700 US-Dollar.

Ganze 3.131 Exemplare entstanden zwischen 1965 und 1969, etwa die Hälfte hat überlebt. Exakt 112 Exemplare wurden mit Linkslenkung gebaut, nur etwa fünf (!) dieser links gelenkten Sports 800 sollen sich heute nach Expertenschätzungen in Europa herumtreiben. Wenn Sie also schon immer ein Herz für Sportwagen à la Fiat X1/9 oder gar eines Honda S 800 hatten, jedoch das wirklich Ausgefallene suchen und einen Toyota Sports 800 angeboten bekommen – schlagen Sie zu. Die Preise variieren zwischen 15.000 Euro für Exemplare im Zustand 3-4 , gute Sports 800 beginnen ab 25.000 Euro.

Ein zukunftsträchtiges Nachspiel gab es 1977. Acht Jahre nach seiner Produktionseinstellung verwendete Toyota einen Sports 800 als Träger der Hybrid-Technologie. GT ( = Gas Turbine) 800 Hybrid hieß der kleine rote Knallfrosch, der noch heute existiert. Besagte Gasturbine trieb dabei einen Generator an, der wiederum die Batterien des Hybrids lud, die den eigentlichen Antrieb in Form des Elektromotors speisten. Wir jedoch finden, dass weniger mehr ist, man auf alles nach der Gasturbine hätte verzichten sollen. Das wäre vielleicht nicht so vernünftig wie ein Carina. Und garantiert zehnmal Adrenalin-haltiger als ein Sportwagen.

Dass Tatsuo Hasegawa, der Schöpfer des Sports 800, 2004 in die Japan Automotive Hall of Fame aufgenommen wurde, scheint da nur plausibel. Hasegawa, der urspünglich aus dem Flugzeugbau kam, wurde dafür geehrt, dass er aerodynamische Theorien im Automobildesign verwirklichte – dies nicht nur in Studien, sondern in der Serienfertigung. Und lange vor Audi  Space Frame und anderen Aluminium- und Magnesium-Sondermüll-Eskapaden realisierten Hasegawa und sein Team echten Leichtbau mit einfachsten Mitteln. Als Hasegawa 2008 im Alter von 92 Jahren starb, stand neben seinem Sarg auch ein Modell des Sports 800 – Speedway to Heaven.

Weitere Informationen zum Toyota Sports 800

Toyota Sports 800-Modell zum Falten (.pdf)

Toyota Sports 800 im Carsablanca-Lexikon mit allen technischen Daten