Renault 30

Renault 30


Marktbeobachtung

Guter Geschmack macht einsam. Dies mag sich die Régie Renault 1984 trotzig gedacht haben, als sie den neun Jahre zuvor mit großen Hoffnungen präsentierten R 30 einstampfte – nach gerade einmal 145.000 Exemplaren. Renaults geplanter Sprung in die automobile Oberklasse erinnerte letztlich an den Hürdenlauf eines – wenn auch bildschönen – Asthmatikers.

Zentralverriegelung, Velourspolster, Servolenkung, elektrisches Stahlschiebedach, unter der Haube ein potenter Sechszylinder – das waren sie, die ultimativen Insignien von Oberklasse-Automobilen der 70er Jahre. Renault wollte in diesem Segment nicht mehr fehlen und entwickelte ab 1969 sein neues Spitzenmodell. Rein formal waren die internen Vorgaben klar: R 4 und R 16 hatten mit Frontantrieb plus Heckklappe und flexibler Rücksitzbank der Régie Renault bereits bei Kleinwagen und in der Mittelklasse herausragenden Erfolge beschert, also sollte auch der "Große Renault" nach diesem Muster beschaffen sein. Doch dieses Mal hatten sich die Entwickler geschnitten. Weder Mercedes noch BMW mussten aufgrund des R 30 ihre Werkstore schließen.

Als der R 30 auf dem Genfer Salon 1975 debütierte, war er bereits um ein Viertel seiner ursprünglich geplanten Dimension zurechtgestutzt worden: Die Ölkrise zwei Jahre zuvor hatte die Ingenieure dazu bewogen, zwei von acht Zylindern wegzulassen und dem R 30 "nur" sechs Arbeitskammern zu genehmigen. Dennoch besaß der R 30 den Durst einer Bergziege aus den französischen Pyrenäen.

Volvo und Peugeot, mit denen sich die Régie für die Entwicklung des "Europa-Motors" zusammengetan hatte, nickten den Axthieb ab. Lieber einen sauberen Schnitt durch den Motorblock als eine unterdurchschnittliche Rendite. Am Sechszylinder kamen die Herren jedoch nicht vorbei, jede weitere Reduzierung technischer Grundspezifikation hätte das angepeilte Ziel "Oberklasse" ad Absurdum geführt; Immerhin gelangten die verfeinerten Triebwerke in nur leicht abgewandelten Großserienkarossen zum Einsatz, die sonst auch den jeweils kleineren (und wesentlich einfacher ausgestatteten) Brüdern R 20 und Volvo 244 als Basis dienten. Lediglich Peugeot hatte seinem neuen Flaggschiff 604 eine eigene Karosserie schneidern lassen – unter weitestgehender Verwendung mechanischer Komponenten aus dem 504. 

Neben den gleichen technischen Genen teilten sich Peugeot und Renault auch die miserablen Verkaufszahlen ihrer neuen Topmodelle. Gerade einmal 145.000 R 30 konnte Renault in neun Jahren absetzen, Peugeot kam auf 150.000 604 in elf Jahren. Createur de Malheur... 

Wenn uns jetzt also ein zum Verkauf stehender R 30 aus dem Internet entgegen fährt, sollten wir ihm entschieden in den Weg treten – und näher betrachten. Dabei fällt als erstes auf: Ja, er ist schön! Schmeckte hierzulande ein Passat mit Fließheck wie Brot ohne Butter, adelt ein R 30 die Wahrnehmung eines Fünftürers in Richtung des besonderen Etwas. Der Innenraum inklusive Türen mit Velours ausgeschlagen, die Motorhaube klassisch vorne an-, dazu ein energiegeladener Blick aus Doppelscheinwerfern und der sonore Klang von 128 PS aus Doppelvergasern: Der R 30 war nie ein gewöhnliches Auto. Doch das erkannten die Meisten nicht – und die Meisten waren es leider auch, die den R 30 nicht kauften.

Nur 2.000 französische Francs trennten einen fabrikneuen R 30 von einem ebenso taufrischen BMW 520/E 12. Das dokumentiert eine selbstbewusste Preispolitik – oder eher eine hoffnungsvolle. Aber während man passable E 12 regelmäßig antrifft, ist der R 30 in unseren Blechkreisen gänzlich ausgestorben. Längst haben sich Interessengemeinschaften gebildet, die ihre Exemplare horten und pflegen, sich in Foren und auf Treffen austauschen. Wer ernsthaft mit der Ersteigerung dieses angebotenen R 30 aus der Schweiz liebäugelt, sollte sich am besten gleich passende Clubadressen besorgen. Die Technik des R 30 ist bis auf die zuweilen eigenwillige Elektronik unverfänglich und die Motoren weisen Laufleistungen von teilweise 350.000 Kilometer auf. Bleibt die Karosse.

Hier erwarten künftige R 30-Eigner zum Teil rostige Zeiten - zumindest deutet das Inserat so etwas an, wenn auch im überschaubaren Maße. Übliche R 30-Schäden wie durchgerostete Schweller und Dachpartien sind bei diesem Exemplar nicht aufgeführt. Bei Redaktionsschluss stand der angebotene und ansonsten gepflegt ausschauende R 30 weiterhin bei 1.000 Schweizer Franken Startsumme – bei null Geboten. Wer also Lust hat, den R 30 zu erwerben, muss dafür umgerechnet 625 Euro berappen – dem Wagen wär's zu wünschen!

Dieser Artikel erschien am 11.02.2008