Porsche 924: Wolfsburg-Zuffenhausener Potpourri

Porsche 924: Wolfsburg-Zuffenhausener Potpourri

Der 924 litt lange Zeit unter dem fehlenden Porsche-Stallgeruch. Doch Carsablanca-Mitglied Jörg-H. Bretschneider hat trotzdem  gute Gründe warum er für den Sportwagen schwach wurde – und das schon zum zweiten Mal

Irgendwann vor einigen Jahren wollte der junge Jörg-H. Bretschneider (cestlebreti) ein ganz normales Auto fahren. Eines, das ein wenig mehr Komfort bieten würde als sein Porsche 924 und das mit einigen Sicherheitsextras ausgestattet sein sollte. Ein Auto, das nicht ganz so tief auf der Straße liegen würde und weniger auffällig wäre, etwas neuer und kleiner sollte es sein.
Ein Auto eben, das nicht für Verwunderung sorgt, wenn ein bodenständiger junger Mann Anfang 20 damit an der Berufsschule vorfährt und abends in der Kneipe den Zündschlüssel auf den Tisch legt. „Ich hatte den Porsche im Jahr 2001 im Internet ersteigert und einige Zeit lang gefahren“, sagt der heute 28-Jährige. Knapp 14.000 Kilometer war der heute 28-Jährige damit über Braunschweiger Straßen gebraust, als er ihn bei 95.000 Kilometer über das Internet nach Rheine bei Osnabrück verkaufte. „Zu dieser Zeit musste einfach mal etwas Neues her.“
Doch Jörg-H. Bretschneider wurde nicht glücklich mit seinem modernen Gefährt. Ja, handlicher und sicherer war es – aber nicht halb so schön, wie er heute sagt. Ein Jahr, vielleicht anderthalb Jahre, hielt es Bretschneider mit seinem austauschbaren Standard-Vehikel aus, „aber ich habe dann im Internet doch mal wieder nach etwas Anständigem gesucht“. Es war das Online-Auktionshaus, in dem er seinen Porsche ge- und auch verkauft hatte, das ihn erneut auf einen 924er aufmerksam machte. Ein Auto, ganz ähnlich wie sein ehemaliges Gefährt. Bretschneider sah genauer hin, stutzte, sah wieder hin. „Der hatte eine Beule am Kotflügel, die ich nur allzu gut kannte.“ Der Wagen stand in Rheine bei Osnabrück. Und auch die Farbe kam dem Automobilkaufmann durchaus bekannt vor. Der 28-Jährige erkannte: „Es war meiner!“
Er steigerte mit. 1.499 Euro, sein vorläufiges Höchstgebot, bis eine Minute vor Schluss. Dann, er wollte gerade noch einmal nachlegen, stürzte sein Rechner ab, Bretschneider schwitzte Blut und Wasser. Er drückte den Power-Knopf, der Rechner fuhr hoch, langsam, Bretschneider saß zitternd davor – sein Auto! Und dann kam diese E-Mail. Zuschlag! „Ich konnte es gar nicht glauben.“ Im April 2006 fuhr Bretschneider nach Rheine. Dort stand der Wagen, in dem er gut anderthalb Jahre zuvor noch gesessen hatte. „Er sah nicht mehr ganz so gut aus wie damals, wirkte nicht besonders gepflegt. Die Gurte fehlten, ich weiß nicht warum, das Bordwerkzeug war auch weg.“, erzählt Bretschneider. Ansonsten war die Spuren der Zeit zu sehen: Risse im Armaturenbrett, die typische Krankheit beim alten Porsche, aber eben auch ein Zeichen der Jahre, ein Sitz an der Naht eingerissen. „Das musste eben genäht und aufgepolstert werden.“ Ansonsten war der Innenraum gut – und technisch lief der Wagen ohnehin einwandfrei. „Das einzig Seltsame, was den Sportwagen  schon immer begleitete: Wenn man den Porsche zwei Wochen lang stehen lässt, springt er problemlos an“, sagt Bretschneider. „Hält man aber ’mal für ’ne halbe Stunde irgendwo, macht er Schwierigkeiten.“ Ein kleines Wehwehchen bei der sonst so soliden Technik, die auch nach all den Jahren noch zuverlässig ihren Dienst tut – was gar nicht verwunderlich sei, wie der Braunschweiger meint, weil sich unter dem schnittigen Design aus Zuffenhausen viel bewährtes Innenleben aus Wolfsburg und Ingolstadt verbirgt: Der 924er war Anfang der 70er Jahre zunächst als sportliches Modell für das Audi-Portfolio gedacht und VW achtete darauf, ihn mit Bauteilen aus den eigenen Serien so günstig wie möglich zu konstruieren. Doch dann stiegen die Sprit-Preise: Volkwagen verabschiedete sich von seinem Vorhaben, Porsche kaufte die Rechte an dem Wagen zurück und ließ den 924er unter eigenem Namen produzieren – größtenteils bei Audi in Neckarsulm. Es blieb denn auch bei VW-Teilen wie dem schon im Audi verbauten Vierzylinder-Reihenmotor, Bedienteilen im Innenraum vom VW Golf 1 und Fahrwerksteilen von VW, wie etwa die hinteren Bremstrommeln vom Käfer. Bei Fans der Stuttgarter Edelmarke sorgte das dafür, dass der zwischen 1976 und 1988 rund 122.300 mal gebaute 924er nie als richtiger Porsche anerkannt wurde und von Spöttern als „Hausfrauenporsche“ belächelt wurde. Ein Verkaufsschlager wurde er trotzdem. Bretschneider hatte damit nie ein Problem. „Als ich ihn 2001 das erste Mal gekauft habe, war es gerade die Zeit von Fach-Abi und Ausbildungsbeginn“, sagt der 28-Jährige. „Ich wollte damals einen Wagen haben, den nicht jeder fährt und der etwas älter ist, der aber gleichzeitig erschwinglich und zuverlässig ist.“ Für den damals noch angehenden Automobilkaufmann kam deshalb kein Golf II in Frag, und seinen späteren Ausflug auf den Normalwagen-Sektor nennt er heute auch einfach nur „einen Ausrutscher“.
„Der Porsche 924 ist etwas ganz Besonderes“, sagt er. „Einerseits ist es wirklich ein Wagen, den man nicht an jeder Ecke sieht, heute erst recht nicht mehr.“ Ein Auto, bei dem Porsche vorn auf der Motorhaube stehe, das aber nicht für Neid sorge, weil es eben nur ein halber Zuffenhauser sei, der nie nur den Reichen vorbehalten war. „Er ist Understatement. Wenn ich damit irgendwo an der Ampel stehe, kommt nie ein blöder Spruch oder ein abwertender Blick“, sagt Bretschneider. Meistens, erzählt er weiter, komme schlichtweg gar keine Reaktion.
Auch das, schätzt der 28-Jährige, liege an der Zurückhaltung, die der Wagen ausstrahle. Der 4-Zylinder macht nicht ,mit lautem Krach auf sich aufmerksam, die zwei Liter Hubraum und 125 PS verleiten nicht eben zum Rasen, und die Farbe – ein Diamant-Silber – ziehe auch nicht eben die Blicke auf sich. „Ich habe letztens zum ersten Mal den Spruch gehört: ,Den Wagen hatte ich auch mal’“, sagt Bretschneider. Andere 924er Fahrer erleben das indes häufiger.
Dass der Braunschweiger nicht so oft auf den Wagen angesprochen wird, hängt womöglich schlicht am Saison-Kennzeichen. Nur von April bis Oktober lässt er seinen Porsche auf die Straße. „Es gibt drei Autotreffen in der Umgebung, die ich regelmäßig besuche“, sagt Bretschnieder. Die große Tour, die war noch nicht dabei, vielleicht aber kommt irgendwann mal eine große Rallye, das würde er gern mal machen. „Ansonsten sind es bis jetzt hauptsächlich Fahrten am Abend oder am Wochenende, wenn das Wetter schön ist.“ Dann gleitet der 28-Jährige über die Landstraßen in der Umgebung, durch die Stadt, aber nicht über die Autobahn. 100 Stundenkilometer vielleicht, mehr nicht, obwohl der Porsche knappe 200 hergeben würde. „Es hört sich seltsam an, aber ich benutze den Wagen zum Entschleunigen“, sagt der Automobilkaufmann. „Schön gemütlich über die Straße, dazu ,Kraftwerk’ aus dem Radio.“ Das Original-Modell „Blaupunkt Düsseldorf“ tut auch noch seinen Dienst. Bretschneider schwärmt: „Solide Technik eben.“

Autor: Boris Glatthaar

Diese Heldengeschichte über seinen Porsche 924 entstand mit freundlicher Unterstützung des Carsablanca-Mitglieds cestlebreti.