Pop und Pep für Opel: Wayne Cherry, Chefdesigner

Pop und Pep für Opel: Wayne Cherry, Chefdesigner


Porträt

Als der B-Manta rauskam, standen wir da und wussten nicht: Ist das erlaubt? Ein Auto hinzustellen, das nicht grinst, nicht die Zähne fletscht, nicht das Maul aufsperrt …

Kein Kühlergrill! Nur zwei Nasenschlitze – ja wird der nicht sofort überkochen? Oh nein, er kochte nicht, jedenfalls nicht im Kühler. Dafür in unseren Köpfen – der neue Manta B mochte nicht ganz den Pony-Car-Schick des alten haben, aber er sah neu aus, gewagt, wie das Auto der Zukunft.

Dass er es von der Technik her eindeutig nicht war und später zum Objekt fiesesten Spottes werden würde – davon wussten wir 1975 nichts. Wir waren nur begeistert von dieser genialen Form. Eine Heldentat.

Hätten wir gewusst, wer Wayne Cherry ist, wir hätten ihn uns neben Led Zeppelin und Status Quo übers Bett gehängt. Aber wir wussten es nicht, und überhaupt, wahrscheinlich wäre uns sein offizieller Titel nicht besonders "rock 'n rollig" vorgekommen:  Director of Design General Motors Europe.

US-Pop für Europa

Wayne Cherry hat US-Popkultur nach Europa gebracht, und zwar genau zur richtigen Zeit, im richtigen Umfeld: Anfang der Siebziger steckte das europäische Mainstream-Autodesign in der Vergangenheit fest. Die großen Marken brachten nur leicht aufgefrischte Sechziger-Optik, neue Impulse gabs nur an den Rändern, bei Lancia (schon immer eigenwillig) und BMW (damals bei weitem nicht so bedeutend wie heute).

Zum Glück arbeitete der junge Wayne Cherry, Jahrgang 1937, bei der britischen GM-Tochter Vauxhall, damals wie alles Britische ziemlich abgestanden. Cherry war seit 1962 im Konzern, er hatte seine Anfangsjahre unter John Z. DeLorean verbracht und unter anderem am Oldsmobile Toronado mitgearbeitet. Der ist wahrlich ein Meilenstein.

1965 hatte man ihn zu Vauxhall geschickt, wo er zuerst an der Studie Vauxhall XVR mitarbeitete, die den Briten 1966 den Atem raubte. Sein eigentliches Meisterstück war die Studie Vauxhall SRV: Wer glaubt, dass Walter da Silva für seinen Alfa 154 die versteckten Türgriffe erfunden habe, soll mal den SRV anschauen.

Droop Snoot weist den Weg

Nach den zwei spektakulären Vauxhall-Studien war Wayne Cherrys Ruf als Neuerer etabliert, er durfte sich an die Gestaltung von Serienfahrzeugen machen. Sein erster großer Wurf war die Verwandlung des drögen Vauxhall Firenza Coupé zum "Droop Snoot", ein richtig böse dreinschauendes Auto – das dazu auch genausso böse losgehen konnte.

Der Droop Snoot war Cherrys erster Entwurf eines Autos ohne Kühlergrill. Ziemlich bald folgten der B-Manta und der Vauxhall Chevette, eine der vielen Ableitungen des C-Kadett. 1975 wurde Cherry GMs Design-Chef Europa, und sein Einfluss tat besonders Opel gut.

Zugegeben, es ging auch mal was in die Hose, die ersten Fronttrieb-Opel (Kadett D, Ascona C) sind gestalterische Totalausfälle. Aber unbestritten ist, dass Cherry mit seinem Verzicht auf einen Kühlergrill seiner Zeit ungefähr zehn Jahre voraus war. Die wichtigen Baureihen Corsa B und Omega zeigen nur zeichenhafte Stellvertreter für einen Kühlergrill. Der Trend wurde Mitte der Neunziger zum Mainstream.

Natürlich ist Wayne Cherry in seinem Spätwerk auch verantwortlich für rollende Handtäschchen (Opel Tigra) und schauerliche Dorfplatzhirsche (Opel Calibra) – aber er ist der Mann, der amerikanischen Rock 'n Roll nach Europa brachte, als ein bisschen US-Pop am dringendsten gebraucht wurde.