Opel Rekord A (R 3)

Opel Rekord A (R 3)


Marktbeobachtung

Manchmal fährt einem aus dem virtuellen Gebrauchtwagenangebot im Netz handfeste Geschichte entgegen. So auch heute, wo ein zunächst unscheinbarer Opel Rekord A sich als deutsch-deutscher Grenzgänger wider Willen entpuppt.

Unter Klinkenbergs bissigen Kommentar potenziell zu leiden hatte nicht der Autor, sondern ein unbescholtener Bundesbürger und Opel-Rekord-A-Fahrer: Wegen eines "Transitvergehens" wurden er und sein Rekord aus dem deutsch-deutschen Grenzverkehr gezogen, der Eigner in den Zug gen Westen gesetzt und die komfortable Limousine einbehalten. Hier geht die Geschichte aber erst richtig los.

Mehrere Jahre lang nutzte die DDR-Staatssicherheit den Opel mitsamt Westkennzeichen in ihrem Fuhrpark. Total sinnig: Was war nach dem Mauerbau auch unauffälliger als eine West-Limousine? Welch dunklen Kapitel deutsch-deutscher Geschichte der Rekord durchfahren musste, ist nicht im Detail geklärt, allerdings erhielt ein Jagdaufseher Erich Honneckers den Opel im Anschluss an dessen unfreiwillige Spitzel-Dienstzeit. Danach wurde er ohne Papiere über eines der berüchtigten Ost-Handelskontore an einen Geschäftsmann verkauft, der sein Einkommen aus "Regierungsaufträgen" bestritt, sich jedoch mit dem Wagen das Leben nahm. Im Westen wäre spätestens dies Grund genug gewesen, den damals schon recht betagten Rekord der staatlichen Presse zu überantworten – nicht so jenseits des Zauns. Eine rüstige Rentnerin aus Magdeburg erwarb den Opel 1982 und flößte ihm Energie ein wie nie zuvor.

Denn die Dame, oft in lässiger Lederjoppe und mit Zigarette im Mundwinkel, bereicherte eine Opel-Interessengemeinschaft – eine Vereinigung, die stets unter Beobachtung der ehemaligen Rekord-Dienstherren stand. Von ihren West-Reisen (als DDR-Rentnerin durfte sie die Grenze ganz offiziell überqueren) brachte sie den Clubmitgliedern daheim immer die neuesten Motormagazine und Nachrichten mit – und sich und ihrem Rekord allerlei Zubehör, mit dem sie den Wagen nach charmant-ostzonalem Ritus verschlimmbesserte: Heckjalousie aus einem Manta, Zusatzinstrumente von VDO, Schonbezüge, Talbot-Spiegel, Dreckfänger, Plaketten, Embleme, Nachrüstkopfstützen und sogar Schroth-Gurte. Ein Puristen-Grauen auf schmallippiger Original-Diagonalbereifung – immerhin. 

Als die rüstige und resolute Frau 2004 stirbt, wird ihr Opel Rekord A verkauft – mitsamt Ersatzteilen, Erinnerungsfotos, Zeitdokumenten (wie dem handschriftlichen Verzeichnis der Ost-Ersatzteilquellen). Nun steht er in Braunschweig, nur einen Steinwurf von der ehemaligen Grenze entfernt, zum Verkauf. Das schlimmste Lametta ist abgeplündert, so dass der Viertürer optisch wieder recht manierlich ausschaut. Die Substanz des Wagens ist akzeptabel, laut Anbieter ein überschaubares Projekt und für 2.200 Euro im Bereich des verhandelbar-realistischen angesiedelt.

Sicherlich: Ein Opel Rekord A ist nicht das Auto, bei dem die Herzen mit Kickdown hochtourig zu schlagen beginnen. Bei der verdichteten Historie und dem vorhandenen Teilelager ist speziell dieses Exemplar jedoch nicht nur ein wohlfeiles Angebot für all diejenigen, die keinen von Erich Honneckers ehemaligen Dienst-Volvos sichern konnten. Ein nach Klassiker-Maßstäben völlig unzureichendes Fahrzeug, dessen Ostblock-Geschichte jedoch niemals mehr wegrestauriert werden darf – selbst Peter Klinkenberg hätte dies befürwortet.

Autor: Knut Simon