Opel Diplomat B 2.8 E

Opel Diplomat B 2.8 E


Marktbeobachtung

Kennen Sie das? Sie studieren die Speisekarte eines Restaurants und finden darauf Peking-Ente, Gyros, Jägerschnitzel und Lasagne. Erschaudernd wenden Sie sich ab, entschlossen, ihrem Magen diesen multikulturellen Zoo nicht zuzumuten. Denn wer behauptet, alles gleichermaßen gut zu beherrschen, dem darf gründlich misstraut werden. Auch, wenn der Koch eigentlich einen guten Ruf hat. Sie verstehen jetzt, warum Opel mit dem Diplomat nicht reich wurde?

Eigentlich gibt es ja keine höheren Weihen, als der S-Klasse von Daimler im Vergleichstest die Doppelendrohre zu zeigen. So geschehen 1971, als ein Diplomat B 2.8 E eben dies tat – mit einem (!) Punkt Vorsprung verwies er den W108 auf den niederen Rang. Erstens, weil der Stuttgarter Barockfürst schlicht veraltet war, zweitens, weil der Diplo in allen Disziplinen gleichmäßig gute Eigenschaften vorwies. Das änderte sich drei Jahre später, als der wuchtige W116 den Diplomaten ganz ungeniert abwatschte und die Ehre des Sterns wieder herstellte.

Nun verbietet sich zwar eigentlich eine derartige öffentliche Demütigung in solch feinen Kreisen, aber dennoch kommt sie vor. Dem Absatz des stattlichen Opel-Flagschiffs konnte das Geschreibsel von auto motor und sport jedoch nicht gefährlich werden: Sein nur in homöophatischen Dosen (beim V8 sogar nur auf Bestellung) produziertes Flaggschiff schleppte Opel zeitlebens hinter sich her wie einen langsam absaufenden Musikdampfer – auf dem allerdings gut gelaunt abgefeiert wurde. Denn der Klientel des Diplomat war es herzlich egal, welches Image sie hatte. Meist kannte sie es noch nicht einmal, ihr "Immitsch". ("Is' dat nisch so ein Ocht bei Gälsnkirschn, Käthe?") Denn war der Audi 100 der Beamten-Mercedes, war der Opel Diplomat der Fleischer-Daimler. Darf's ein wenig mehr sein?

Allerdings war der Diplomat mehr als eine angehübschte US-Adaption, der man die wimmernden Diagonalreifen abgewöhnt hatte. Der Bau von soliden Sechszylindern hatte Tradition im Hause Opel. Doch nach durchaus ertragreichen Jahren mit dem Kapitän, der zum beliebtesten Sechszylindermodell in Deutschland avancierte, hatte sich Opel stilistisch mehrfach vergaloppiert. Kurzfristige Modellwechsel irritierten und vertrieben die Stammkundschaft, meist nach Untertürkheim. Das sollte sich nach Opel-Willen mit dem erneuerten Dreigestirn Kapitän – Admiral – Diplomat (KAD) ab 1969 ändern. Und es funktionierte: Die potenziellen KAD-Käufer unterschrieben nun auch vermehrt bei BMW. So hatte man sich das in Rüsselsheim nicht vorgestellt.

Dabei stach der Diplomat schon rein konstruktiv aus dem spröden Opel-Einerlei heraus. So besaß er eine spur- und sturzkonstante DeDion-Hinterachse, die entspantes Cruisen ebenso ermöglichte wie scharfe Autobahn- oder Landstraßensprints. Dazu besaß der 2.8 E vier innenbelüftete Scheibenbremsen sowie Einzelradaufhängung vorn. Zusammen mit der serienmäßigen Dreigang-Automatik von Opel stemmten die 165 PS des Reihensechsers den 1,6-Tonner in nur zehn Sekunden auf 100 KM/H. "Achtung! Machen Sie sich darauf gefasst, dass der Wagen sehr stark beschleunigt!", warnte die von der Opel-Verkaufsförderung auf jede Probefahrt mitgegebene Stereo-Kassette, die zwischen salbungsvollen Sprecheinlagen munter-flotte Fahrstuhlmusik à la Bert Kaempfert dudelte. Da sieht man förmlich, wie die lederbehandschuhten Finger im Takt auf dem Lenkrad zu swingen beginnen.

Die Kassette hatte – unfreiwillig – ein feines Gespür für ihre Klientel entwickelt. "Treten Sie das Gaspedal ganz durch – das gibt Sicherheit beim Überholen!", tönt die Magnetband-Verkaufszentrifuge ungeniert aus dem Blaupunktradio mit Schwanenhals. Übrigens hat niemand dem typischen Diplomat-Fahrer ein derart ehrliches und liebenswertes Denkmal gesetzt, wie Eddi Arent auf diesem Foto:

So schlichen Admiral und Diplomat bis 1977 durch das Opel-Modellprogramm (den glücklosen Kapitän hatte man bereits nach einem Jahr 1970 bereits eingestellt) und konnten ihre Botschaft des Modernismus auf Rädern nicht durchsetzen, obwohl sie durchaus das Zeug dazu besaßen. Opel hatte es schlichtweg versäumt, ihren Spitzenmodellen eine eindeutige Image-Ausrichtung mit auf den Weg zu geben. Was sich vorhersehbar rächte: Für den Ford 20M fahrenden Bauern war ein Diplomat viel zu überkandidelt, feinsinnige Menschen hingegen wählten letztlich doch den Stern oder den immer erfolgreicheren blau-weißen Konkurrenten. Irgendwo dazwischen versackte der Diplomat.

Heute betrachte ich einen Diplomat wie den heutigen Netzfang mit angehaltenem Atem. Ich bin schlichtweg betört von diesen ausgewogenen Linien und Proportionen, dem anmutig eingezogenen Heck mit seinen rudimentären Peilstegen, der kribblig machenden zweiflutigen Auspuffanlage, die munter 21 Liter Super auf 100 Kilometer durchlässt, den wahrlich sportlich anmutenden Werks-Alus und dem herrlich aggressiv-entschlossenen Blick der liegenden Scheinwerfer. Innen muss man sich dann schon etwas verbiegen: Das Plastikholz gemahnt an die Gehäuse koreanischer Schwarzweiß-Fernseher und die Ergonomie von Schaltern und Bedienelementen fördert höchstens den Absatz von Schmerzmitteln. Dass das Interieur bei dem für 2.000 Euro angebotenen Diplomat etwas verschlissen ist, ist nach 30 Jahren normal. Kenner verweisen auf komplette Inneneinrichtungen, die bei ebay versteigert werden, mit den Worten, diese seien zumeist "nicht mehr schön, aber gebrauchsfähig".

Bis auf einige Fahrwerkskomponenten gibt es so gut wie keine Neuteile mehr für den Diplomat. Das Angebot an Teileträgern ist stark ausgedünnt, so dass man oft mit dem Vorlieb nehmen muss, was angeboten wird. Abgesehen davon jedoch steht wohl keinem Vertreter der einstigen deutschen Oberklasse etwas Patina und wohldosierte Nachlässigkeit so gut, wie dem Opel Diplomat. Das aktuell inserierte Exemplar bedarf eines laut Verkäuferangabe begrenzten Arbeitsaufwands im Blechbereich, um es wieder TÜV- und damit salonfähig zu machen. 

Nach abgeschlossener Arbeit und erfolgter H-Zulassung dürfte noch genug Geld übrig sein, um entspannt über die Dörfer zu fahren. Nicht unwahrscheinlich ist, dass Ihnen auf dieser Reise der ein oder andere Schlachter lächelnd eine Leberkas-Semmel spendiert – mit einem anerkennenden, wortlosen Nicken in Richtung des Diplomat. Man bleibt halt gern unter sich.