Oh Schreck, ein Stufenheck! VW Derby

Oh Schreck, ein Stufenheck! VW Derby


Marktbeobachtung

Schockgefrostet kommt er aus dem OP-Saal herausgerollert, der bedauernswerte Versuch, aus einem VW Derby doch noch ein emotionales Objekt zu machen. Das mit der Emotion ist gelungen: Kotz!

Der neue Derby habe einen größeren Innenraum als der 3er- BMW, einen größeren Kofferraum als der 3er-BMW und dank Frontantrieb ein viel sichereres Fahrverhalten als der 3er-BMW, dozierte begeistert VW-Entwicklungschef Prof. Dr. Ernst Fiala anlässlich der Pressevorstellung des neuen Mini-Stufenschrecks – pardon: -hecks – vor internationalen Journalisten im Jahr 1977. „Ja,“ murmelte da selbst der eher emotionalen Autos zugewandte VW-Pressechef Anton Konrad halblaut im Hintergrund, „und meine Frau hat zufällig die gleiche Schuhgröße wie Gina Lollobrigida.“ Ob sich Konrad nur warme Gedanken machen wollte an diesem feuchtkalten Februartag? Dabei hatte sich die Presseabteilung einigermaßen Mühe gegeben, seltsamerweise ausgerechnet dem Derby ein dynamisches Etikett aufzukleben: „Audruck einer modernen, sportgemäßen Lebensgestaltung“ sei die neue Karosserievariante des Polo, und trotz der zunehmenden Beliebtheit der Fließheck-VW mit variablem Kofferraum (Polo, Golf, Passat, Scirocco ...) wolle man „keine einseitige Ideologie verfechten“. Aha. Ausgerechnet VW und keine einseitige Ideologie. Aber nun gut, die Heckmotoren starben ja tatsächlich in Reihe aus.

Nun hat der Derby einen neuen Freund gefunden. Im Jahre 2008. Er hat es innerlich bei dem „kalkulierten Temparament“ (wiederum O-Ton VW-Pressemappe) von 50 PS belassen, optisch jedoch eine Oberweiten-OP im besten Stil hingelegt. Nicht gerade Dolly Buster, aber immerhin Pamela Anderson stand wohl Pate für die Rundbogenverbreiterungen. Solch einem Zeitgenossen möchte man zurufen: Körbchengröße ja, Fußballgröße nein! Denn alles über Fußballgröße ist doch völlig sinnlos, geschmacklos und nutzlos. Auch bei Autos.

Wer hätte gedacht, dass der brave Rentner- und Hausfrauenwagen einst ein solches Martyrium würde durchstehen müssen? „Meine Schönheits-OP hatte eine Komplikation“, scheint uns der bedauernswerte Wagen auf seinen dicken Gummidingern zuzurufen. „Ja! Und dann hatte Deine Komplikation eine Komplikation!“, möchten wir ihm schallend antworten, dabei kann er ja nun wirklich nichts dafür, dass er seit acht Jahren quasi im Aufwachraum einer privaten Auto-Schönheitsklinik vergessen wird. Zu Recht.

Der verantwortliche Chirurg indes weiß, was er da erschaffen hat. Selbstbewusst stellt er einen Tausch dieses Lustobjekts im Kleinen Schwarzen in Aussicht: Einen Lambo ist er bereit anzunehmen, der auf ihm heran reitende moderne Märchenprinz müsste jedoch schon ziemlich eindeutige Züge von Autismus aufweisen, um darauf einzugehen. Doch halt, ich muss mich sogleich korrigieren: Unser ambitionierte Quacksalber mit der Blechschere in der Hand erwartet lediglich die Replika eines Countach. Seltsam. Dabei war doch schon der originale Countach so etwas wie der Versuch einer materiellen Rekonstruktion eines LSD-Rauschs. Egal. Im besten Fall träfen sich zwei Gleichgesinnte. Denn wer nachgemachte Lambos besitzt, kauft auch einen imitierten 3er-BMW von VW, Baujahr ’77. Oder was jäätzt, Alteer?

Autor: Knut Simon