Offroad-Boutique – Monteverdi Safari

Offroad-Boutique – Monteverdi Safari


Marktbeobachtung

Schweizer Käse kann eine wahre Gaumenfreude sein. Zu lange in Salzlake gebadet kann er jedoch schnell zu einem unguten Kratzgefühl im Hals führen, bedingt durch unzählige kleine Rostkrümelchen.

Wem die eigenen Pariser Nachtclubs in den samtigen Siebziger Jahren zu viel Gewinn abwarfen, verwandelte derlei Überschüsse gern in absetzbare Repräsentationsausgaben. Dies nicht selten in Form exklusiver Automobile. Ich schreibe hier absichtlich „exklusiv“ und nicht „edel“, denn das bereifte Äquivalent zum Adidas-Hochschnürer namens Monteverdi Safari war zwar seinerzeit sehr beliebt, wirklich anmutig in Form und Verarbeitung hingegen waren andere. Der duchaus verschrobene und als Geschäftspartner nicht immer einfache Peter Monteverdi beerdigte 1976 seinen Bau von Tourensportcoupés und Limousinen, denn selbst der Jet-Set griff auf seinen nimmer endenden Cocktailparties das Unwort des „unökonomischen“ auf – nicht aus einer Situation des Mangels heraus, sondern eher dem sich anbahnenden Chic des ökologischen Gewissens voraus eilend. Deshalb kauften sie ab sofort lieber nützliche, vernunftbetonte Geländewagen – Monteverdi hatte seine Klientel als einer der Ersten auf diesen etwas zweifelhaften Geschmack gebracht. Denn sein vom International Harvester Scout abgeleitetes Modell Safari hatte die ästhetische Anmutung einer quer im Mundraum verkeilten Scheibe Bergkäse, an der selbst die Rinde noch nicht entfernt schien.

Zusammengeschmolzen hatte Monteverdi seine automobile Käseorgie aus allerlei Resten: Das eigenständige Blechgewand bestand aus sowjetischen Recyclingmaterial (nach damaliger Lesart wohl ökonomisch UND ökologisch, extravagant allemal), was man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen muss: Eine westlich-dekadente Boutique auf Rädern, geformt aus dem Material des Klassenfeindes – aus jeder politischen Perspektive ein Schmankerl. Weitere Zutaten bestanden aus Scheinwerfern und Frontsegmenten von Fiat, den Heckleuchten des Peugeot 504 Break und der kompletten Verglasung – immerhin – des Range Rover, unter der Haube bescherte der brabbelnde Detroiter Großserien-V8 dem UdSSR-Blech good vibrations. Innen gab es eine Monteverdi-typische Ausstattung zum Dahinschmelzen: Cremig gerührtes Leder, Diktiergerät und Telefon auf Wunsch und weitere edle Zutaten ließen dieses Raclette dann doch irgendwie kaufenswert erscheinen – immerhin 1.000 Stück will Monteverdi davon abgesetzt haben. Und dies vor dem Hintergrund, dass seine bisherigen Modelle sich jeweils im maximal zweistelligen Bereich verkauft hatten.

Mittlerweile hat der sich treu gebliebene Zeitgeist aller Jetsetter (neu muss es sein!) in Verbindung mit der käsekrustigen Konsistenz der Blechgüte des Safari zu einer verschwindend geringen Präsenz selbst des erfolgreichsten Monteverdi-Modells geführt. Man kann wählen zwischen dem euphorisch als „Seltenheit zum selber Restaurieren!“ angebotenen automobilen Gammelkäse oder respektablen Exemplaren im realistischen Preisbereich (so wie unser heutiger Netzfang ihn darstellt). Ab und zu gehen einigen Händlern die linksdrehenden Milchsäuren durch, in dem sie vergleichsweise astronomische Summen für ein Auto verlangen, dessen Zeit längst vorbei ist. Auch unter Youngtimer-Aspekten betrachtet. Man kann es auch diplomatischer ausdrücken: Der Monteverdi Safari ist ein Auto für Individualisten.

Wirkliches Geld soll Peter Monteverdi nur mit einem einzigen automobilen Schachzug verdient haben: den Tantiemen aus seiner Arbeit für Rover. Denn seine vier Türen verdankt der nun wirklich noble Range Rover besagtem Schweizer Autokäsefabrikanten.