Müssen unsere Klassiker rosten?

Müssen unsere Klassiker rosten?


Oldtimer Rost

Diese Frage stellt sich praktisch jeder, der einen oder mehrere Klassiker sein Eigen nennt und der sich bestimmt mit dem Thema Rost beschäftigt hat.

Dann muss die Frage erlaubt sein: was ist Rost ?

Viele Wissenschaftler hatten sich mit dieser Frage auseinandergesetzt und sind, leider, zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen. Doch verbleiben wir der Einfachheit halber bei dem Rost an Klassikern, also an metallenen Konstruktionen, welche der Fortbewegung dienen.

Hier scheint die Theorie von Whitney und Woody als ionisches Problem, aber auch die elektronische von Walker mehr oder minder als zutreffend zu erscheinen. Dadurch entsteht das Phänomen des Eisenrostes durch die Auswirkung von Ionen und elektrischen Ladungen oder der Potenzialdifferenz zwischen den Feldern der Metalloberfläche. Die Tatsache, Ionisierungen des Metalls unter Freisetzung von Elektronen ins Spiel zu bringen, die vom Wasser und Sauerstoff System abgefangen werden und Hydroxylionen verbinden, um eisenhaltiges Hydroxyd zu ergeben, trägt nicht gerade dazu bei, ein Phänomen zu erklären, das durch weitere Faktoren noch viel komplizierter wird. Grundsätzlich soll dies erklären, dass der Rost nicht, chemisch ausgedrückt, als eine klar bestimmte und statische Verbindung des Eisens angesehen werden darf, sondern als heterogenes und dynamisches System, das in ständiger Umwandlung begriffen ist.

Doch was kann gegen dieses heterogene und dynamische System unternommen werden, um diesem nicht das Feld oder gar den Klassiker zu überlassen.

Wichtig erscheint aus allen wissenschaftlichen Studien, dass bereits vorhandener Rost, ganz gleich wo auch immer, zur Vorbereitung einer längerfristigen Schutzschicht, entfernt werden muss, um nicht weiter, auch nicht im Verborgenen, sein dynamisches System fortzusetzen.

Wie also in aller Welt rücke ich dem Rost zuleibe und wie kann ich das Ganze auch nochhalbwegs wirtschaftlich bewältigen?

Wenn wir einmal wissenschaftlich die innere Oberfläche an einem Klassiker untersuchen, sei es eine selbsttragende Karosserie mit vielen Schweißnähten oder „nur“ ein auf den Rahmen gesetzter Aufbau, so finden wir z.B. unter anderem im Rost : lösliches Eisen ,Kalziumkarbonat, Magnesiumkarbonat und Kalziumchlorid. In diesen Rostpartikeln ist jedoch zusätzlich Feuchtigkeit und Luftsauerstoff gebunden.

Wird nun über diese heterogene und dynamische Schicht ein Schutz appliziert und zwar ganz gleich aus was auch immer dieser besteht, um durch Sauerstoffabsperrung die Dynamikzum erliegen zu bringen, so wird dies nur oberflächig gesehen erfolgreich sein können, denn unter diesem „Schutz“ eingeschlossene Rostpartikel, mit den oben angegebenen Bestandteilen, werden, wenn auch jetzt verlangsamt, einfach weiterrosten müssen!

Wenn Sie das an Ihrem Klassiker so machen, sollten Sie sich gleichzeitig damit abfinden diesen früher oder später, eventuell mit nicht ganz so gutem Gewissen, zu verkaufen.

Zwangsläufig führt also kein Weg daran vorbei, das heterogene und dynamische System, vor jeder Anwendung eines Schutzsystems vollständig zu eliminieren. Wie dies zu geschehen hat ist natürlich von den jeweils zu entrostenden Stellen abhängig. Doch sollten wir zwei Möglichkeiten unterscheiden:

   a) die mechanische

   b) die chemische Entrostung

Die Mechanische hat den Vorteil, dass mit modernen Verfahren, z.B. dem Trockeneisstrahlen eine fast perfekte Oberfläche erreichbar ist, die dann mit hochwertigem Endschutz versehen neuen Korrosionsangriffen längerfristig widerstehen kann. Doch ist eine mechanische Ablösung der Rostschicht nicht an allen Stellen machbar, wie viele aus der Praxis und aus eigener Erfahrung wissen.

Einen korrodierten Hohlraum mit der Flex auftrennen, ihn mechanisch säubern und entrosten aber dabei doch nicht zwischen die Überlappungen, in Querverbindungen, Nähte usw. zukommen, macht keinen Sinn, zumal durch das später erforderliche Verschweißen erneut Schadstoffe, welche korrosionsfördernd sind, auf das Metall gelangen, wo diese aber ganz bestimmt nicht erwünscht sind.

An all’ diesen, mechanisch nicht zugänglichen, Bereichen hilft also nur eine chemische Entrostung, um das heterogene und dynamische System vollständig zu entfernen.

Dies kann, mit erheblichem Aufwand und Kosten, darin bestehen, die Karosserie vom Fahrgestell und allen Anbauteilen zu trennen und diese im Tauchbad zu entlacken, wobei die Entlackung auch alte Spachtel-, Farb-, Unterboden- und Hohlraumschutz Schichten ablöst und der wirkliche IST –Zustand der Karosserie zutage kommt. Bei einem sehr hochwertigen Klassiker sicherlich in Erwägung zu ziehen, speziell dann, wenn wirtschaftlich die hohen Aufwendungen später irgendwann wieder in Form eines hohen Verkaufspreises zu erlösen sind.

Was aber wenn z.B. der „normale“ Käfer, Kadett, Spitfire usw. oder die eigene Möglichkeit, auch aus Kostengründen, solche Überlegungen nicht zulässt?

Hier muss, um im normalen Budget zu bleiben, mit möglichst geringen Kosten ein möglichst hoher Erfolg sichergestellt werden, was durchaus möglich ist.


Ein erfolgversprechender Weg ist die Verwendung von chemischen Produkten zur Entrostung und Idealerweise auch gleichzeitig zur Beschichtung, also eines Rostkonverters. Wobei dieser auch häufig unmittelbar nach dem Tauchbad aufgetragen, atmosphärische Korrosion in der Trocknungsphase der Karosserie verhindert und diese schützt.

Ein moderner Rostkonverter hat den Vorteil den eigentlichen Rost Fe³ auf- und abzulösen und gleichzeitig die behandelte Oberfläche mit einer Zinkphosphatierung zu schützen, so dass, zumindest temporär, kein neuer Rost, auch kein atmosphärischer Rost durch z.B. Wasser oder Luftfeuchtigkeit, entstehen kann, denn die wasserlöslichen Schadstoffe, z.B. Salze, müssen unbedingt mit Wasser abgespült, bzw. abgewaschen werden.

Ist dadurch das heterogene und dynamische System eliminiert, kann mit dem Auftrag des eigentlichen Schutzes begonnen werden, was im äußeren Karosseriebereich mit dem Auftrag von Spachtel, Grundierung und Lackierung beginnt.

In Hohlräumen, Schwellern, A, - B, und eventuell C – Säulen, Hauben usw. usw. ist ein größtmöglicher Schutz dadurch erreichbar, dass mehrere dünn applizierte Schichten Wachs, bei Raumtemperatur in zeitlichen Abständen von mehreren Stunden oder Tagen, feinste Risse in den einzelnen Schichten verschließt und eine sehr homogene und äußerst stabile Endschicht diese besonders gefährdeten Stellen langfristig und dauerhaft schützt.

Zusammengefasst ist also festzuhalten, dass sowohl die mechanische Entrostung, wo technisch machbar, aber auch die chemische Entrostung oder gar eine Kombination aus beiden die beste Lösung ist, einen langfristigen Schutz auf Metallen und vorher korrodierte Oberflächen aufzubringen und unsere Klassiker länger leben zu lassen.

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Text & Fotos, Siegfried A. Lang