Mercedes Benz 220 SE Coupé

Mercedes Benz 220 SE Coupé


Marktbeobachtung

Mercedes-Benz-Automobile umgibt seit jeher der Nimbus von Noblesse und Distinktion. Dies galt vor allem in den 50er Jahren, als die Schrecken des Krieges langsam verblassten und dem Glanz der neonbeleuchteten Boulevards wichen, auf dem besonders die Cabriolet- und Coupé-Versionen des 220 SE Ponton eine außerordentlich gute Figur machten.

Adler, Wanderer, Horch – sie alle hatten es nicht geschafft. Der Zweite Weltkrieg hatte die einst glanzvollen Namen deutschen Automobilbaus direkt oder indirekt für immer ausgelöscht. Ähnlich wie der Volkswagen, den damals noch niemand Käfer nannte, profitierte Mercedes während der frühen Nachkriegsjahre in seinem Marktsegment von einer Art Monopolstellung. Sie bestand darin, Autos verfügbar zu machen. Wer die entsprechenden Geldbeträge besaß, konnte schon bald wieder einen chromblinkenden Stern auf ellenlanger Motorhaube durch den Fahrtwind treiben.

Mercedes wäre nicht Mercedes, wenn dieses Unternehmen seinen erfolgreichen Limousinen nicht auch immer elegante Cabriolet- und Coupé-Varianten zur Seite stellte. So auch im Fall des ab 1954 gebauten 220 S mit Pontonform. Und Mercedes wäre nicht Mercedes, ginge man derartig prestigeträchtige Unternehmungen nicht mit der gebotenen konstruktiven Sorgfältigkeit und Stilsicherheit an. So erschien neben dem Cabriolet im September 1955 auch das Coupé des 220. Beide waren formal atemberaubende Entwürfe, die bei aller Fortschrittlichkeit dennoch das Daimler-typische Maß an Konservatismus dokumentierten.

Kathedralengleich thronte die Kühlermaske zwischen den Lampentuben, das um zwölf Zentimeter verkürzte Chassis der Limousine bedingte nicht nur weniger Platz im Fond und die Reduktion um zwei Türen, sondern vor allem einen entscheidenden Gewinn bei der optischen Anmutung. Die Flanken waren durch der Gürtellinie folgenden Chromschmuck betont und wirkten zusammen mit den schräg gestellten Heckleuchten rassig und dynamisch, während das Coupédach an ein Hardtop oder ein geschlossenes Cabriodach erinnerte. Mit anderen Worten: Wenn Mercedes-Benz-Limousinen schon nicht von dieser Welt waren, dann kam das Coupé bereits aus einer anderen Galaxie. Letzteres galt übrigens auch für die Preise: Exakt 9.000 Mark trennte das Coupé von seinem Verwandten 220 SE mit vier Türen. Für diese Summe erhielt man damals zwei der erwähnten Käfer. Und mit 23.500 Mark kostete das 220 SE Coupé sogar weit mehr als der schnellere Roadster 190 SL. Den gab es "schon" für 16.500 Mark.

Doch der erhebliche Mehraufwand bei Konstruktion und (großenteils Hand-) Fertigung sowie die durchweg erlesenen Materialien wie Leder und Edelhölzer rechtfertigten diesen Zuschlag. Bis 1960 wurden von Cabriolet und Coupé fast so viele Exemplare verkauft wie von der SE-Limousine – allerdings bedingt durch die wesentlich längere Laufzeit der Sonderkarrossen, die noch ausgeliefert wurden, als bereits die "Heckflosse" W 110 von den Bändern lief.

Aktuell ist ein ins Sonnenparadies Kalifornien Vertriebener zurück in der Heimat: 1963 wurde das zum Verkauf stehende 220 SE Coupé nach Amerika exportiert, das sich nunmehr wieder in Deutschland befindet und hier einen neuen Eigner sucht. Dieser wäre mit dem ausgewiesenen Preis von 27.500 Euro nicht schlecht bedient, was nicht hieße, den Kurs noch etwas nach unten zu korrigieren. Denn die Coupés sind heute schwieriger an den Mann zu bringen, weil sie nicht mit dem (vordergründigen) Prestige des Cabriolets mithalten können.

Das brauchen sie aber auch nicht, denn das Coupé des 220 SE ist unter den Sonderkarrossen immer noch das mit der endgültigen Noblesse. Selten versprühte ein Mercedes solch ein Maß an Understatement und ist heute mehr denn je ein Fahrzeug für wahre Individualisten. Eine schöne Patina besitzt die Originallackierung in Sandbeige, das Armaturenbrett aus Wurzelholz präsentiert sich im ebenfalls angemessenen Zustand. Hier steht kein totrestaurierter California-Import, sondern ein aufrechtes 220 SE Coupé mit Panorama-Heckscheibe, verbriefter Historie und der immer noch zu einem sprechenden Aura der mondänen Variante der 50er Jahre, als Distinktion und Noblesse noch dem Zeitgeschmack trotzten und eine Frage eigener Gesetzmäßigkeiten waren.

Autor: Knut Simon