Mercedes 123 Coupé: Understatement für Einsteiger

Mercedes 123 Coupé: Understatement für Einsteiger

Besser kann man mit der Liebhaberei alter Autos nicht beginnen, meint Carsablanca-Mitglied Martin Rasch. Stimmt, denn zuverlässiger und bequemer als mit seinem Mercedes 123 Coupé lässt sich kaum gleiten.

Wie mag er wohl sein, dieser Mann mit dem alten Coupé? Mit seinem Mercedes W123, „marineblau, blitzend poliert und mit Chromleisten“, wie er am Telefon angekündigt hatte? Unweigerlich schweift die Vorstellung in eine andere Zeit, ans Anfang der 80er Jahre, als Robert Wagner am Steuer eines eleganten  380 SL mit selbstbewusstem Zahnpasta-Lächeln durch 110 Folgen „Hart aber Herzlich“ brauste. Und als in Deutschland schulterlang gelockte Zuhälter mit hochgekrämpelten Hemdärmeln und Goldkettchen durch die Seitenstraßen der Rotlichtviertel kurvten und dem 123er den Spottnamen „Luden-Schleuder“ einfuhren.
Doch dann surrt ein blaues Auto um die Ecke, ganz ohne Protz sondern geradezu unauffällig, und gleitet in die nächste Parklücke. „Siehst Du“, sagt Martin beim Aussteigen, „der Wagen ist ganz einfach. Hätte er nicht knapp 30 Jahre auf dem Buckel, würde ihn niemand wahrnehmen.“

So aber nimmt man ihn wahr. Ein Auto aus dem Jahr 1979, das in seiner Form erst gar nicht gegen die Coupés aus heutiger Zeit antreten will, an dem schon der spitze Kühlergrill und der geschwungene Chromstoßfänger klar machen, dass man damals in Stuttgart noch für die Ewigkeit baute. Ein Wagen, von dessen Seitenlinie Liebhaber sagen, sie sei besonders stilvoll. Und über die Kritiker behaupten, der Designer habe sich zwischen eckig und rund schlichtweg nicht entscheiden können.

Man nimmt den 123er von Martin Rasch aber vor allem wahr, weil der Mittzwanziger nicht ins Klischee passt. Weil er nichts gemein hat mit einem Robert Wagner im Maßanzug und nichts mit einem Waikikihemd- Träger, weil man sich nicht einmal vorstellen könnte, dass dieser Mann ein gehäkeltes Klorollen-Häubchen auf der Hutablage drapieren würde.

Der Mann, der aussteigt, ist schlank, vielleicht 1,80 groß, hat die dunkelblonden Haare lässig zur Tolle frisiert und trägt Brille. Sein schwarzes T-Shirt steckt in einer schwarzen Latzhose, aber die die Ölflecken aus der Werkstatt nicht verbirgt. „Mich wundert, dass die weitläufige Meinung ist, der Wagen sei nichts für jüngere Leute“, sagt Rasch. „Er hat das Image, etwas für ältere Herren zu sein. Dabei ist es ein ganz wunderbares Auto, das sich optimal als Einsteigermodell in die Oldtimerei eignet: Der 123er war bei Mercedes seinerzeit so etwas wie der Golf von VW. Deshalb bekommt man ihn heute noch relativ häufig für kleines Geld. Außerdem ist er zuverlässig, und Ersatzteile sind auch nach 30 Jahren noch problemlos zu bekommen.“

Vor einem Jahr stand der Wagen in der Werkstatt von Rasch - der Auspuff war kaputt. Eine Sache von 400 Euro. Aber der Wagen gehörte seit 28 Jahren einem älteren Mann, der ihn selbst nicht mehr fuhr und ihn an seinen Enkel weitergegeben hatte. „Der Fahrer, etwa in meinem Alter, wollte sich einen neuen Wagen kaufen und bot ihn mir an. Da habe ich zugeschlagen.“ Rasch stellte ihn auf die Bühne, checkte Karosserie und Motor, Elektrik und Ausstattung. Das Coupé war in einem erstaunlich guten Zustand, selbst die Sitze unter den Schonbezügen waren wie neu, die Kurbeln für die Seitenfenster ließen sich noch wie nach der Auslieferung mit einem Finger bewegen. „Weil die Wagen damals vielfach dem Prestige dienten und immer in der Garage standen, sind sie heute so gut erhalten. Wer so einen Wagen kaufte, der pflegte ihn. Und wer ihn heute kauft, der bekommt deshalb meistens auch das vollständig gestempelte Service-Heft d azu.“

Martin Rasch musste nicht viel tun: Den Auspuff, ein bisschen Rost an den Radläufen und an der Aufhängung der Hinterachse, ein bisschen ´was an den Schwellern und Holmen. Ein hinterer Kotflügel kam neu, knapp 40 Euro kostete der als Neuware aus dem Mercedes-Benz Classic-Katalog und war innerhalb von zwei Tagen geliefert. „Wenn ich einen Kotflügel an meinem alten Granada hätte ersetzen müssen, hätte ich wohl 600 Euro für ein gebrauchtes Teil bei einer Internet-Auktion bezahlt.“ Und auch der Motor habe ihn überzeugt: Die vier Zylinder, knapp 120.000 Kilometer gelaufen, seien noch immer einwandfrei. „Gut eingestellt und gut gewartet kommt der Motor mit zehn bis zwölf Litern aus.“  Obwohl sich der selbstständige Kfz-Meister aus Wuppertal auf die Instandhaltung von Oldtimern spezialisiert und entsprechend oft historisches Blech zwischen den Fingern habe, sehe er selten Wagen, die sich ähnlich gut als zuverlässig fahrbare Einsteiger-Oldtimer eigneten. „Deshalb finde ich es seltsam, dass der 123er bei den Liebhabern alter Wagen bislang noch nicht so begehrt ist“, meint er. Allerdings: Rasch geht davon aus, dass die Nachfrage steigen wird, sobald auch die letzten Modelle des 1975 bis 1986 gebauten Mercedes die 30-Jahre-Marke geknackt haben.

Was das Coupé aber vor allem so liebenswert mache, sei sein Erscheinungsbild. Von außen selbstverständliches Understatement, innen einfach bequem. „Der Wagen ist gemütlich. Man setzt sich rein, lässt den rechten Arm fallen, und er liegt direkt am Schaltknüppel. Man lässt den linken Arm fallen, und die Hand ist am Lenkrad. Man wählt zwischen zwei Sitzpositionen und sitzt perfekt.“ Dazu das Interieur: Echtholz und hochwertige Sitzbezüge, apart gesetzte Zierleisten und Chrom an den Bedienteilen, kein Schnickschnack. „Puristische Eleganz“, sagt der Mechaniker-Meister. „Mit dem Wagen löst man erstaunlich viele positive Reaktionen aus. Gerade, weil er so gut gepflegt ist, glauben viele gar nicht, dass er knapp 30 Jahre alt sind. Und diejenigen, die sich mit Autos aus- oder zumindest den Wagen kennen, die freuen sich und sagen, sie hätten selbst mal einen gefahren oder kennen jemanden, der einmal einen gefahren hat.“

Fahren, das ist mit dem 123er vor allem kommod. „Wer ihn hat, der will nicht heizen“, sagt der 25-Jährige Oldtimer- Freund. Der wolle erleben, wie der Wagen über die Landstraße gleitet, wie der Motor brummt und nicht röhrt, wie das Chassis auf größeren Bodenwellen leicht ruckelt und dass es kein ESP gibt, das das Heck selbst bei Regen am Ausbrechen hindert. „Obwohl es sich um einen Mercedes handelt, ist das Autofahren mit dem 123er ganz anders als mit einem heutigen Wagen. Es ist noch viel ursprünglicher, und man merkt richtig, dass sich etwas unter der Motorhaube bewegt.“ Heizen, das sei nicht so recht möglich mit dem Coupé, aber auf die Idee komme man auch gar nicht, wenn man hinter dem Steuer Platz genommen habe. „Man möchte das gar nicht. Man will das Fahren genießen.“ Sein Coupé sei dafür noch ganz besonders schön: Anders als bei der  Limousine, lassen sich die Seitenfenster hinten und vorn komplett herunter drehen. „Weil  es keine B-Säule gibt, ist es fast so, als säße man in einem Cabrio.“

Trotz allen Fahrspaßes: Täglich fährt Rasch seinen Wagen nicht. „Ich bin kein Freund davon, nur des Fahrens wegen dreimal ziellos um den Teich zu brettern oder so lange aufs Gas zu treten, bis ich mir den Sprit nicht mehr leisten kann“, sagt er. Viel schöner sei es eben, den Wagen als etwas Besonderes zu fahren, den Weg zu einem Ziel mit dem Genuss dorthin zu verbinden. Zu Oldtimer-Treffen etwa, bei denen der Mercedes niemals im Mittelpunkt steht sondern eher schüchtern am Rand, bei dem er nicht zu den teuren Glanzstücken sondern zu den erschwinglichen Perlen historischer Autoleidenschaft gehört. Oder in den Urlaub, über kurvige Landstraßen, nicht über die Autobahn, durch die Natur, ganz romantisch, wie in einem Cabrio eben, dazu Creedence Clearwater aus dem UKW-Radio. „Das Fahren ist wahnsinnig entspannend. Man braucht sich eben überhaupt keine Gedanken zu machen, ob das Auto eine 200-Kilometer-Strecke durchhält“, freut sich Rusch. „Es ist die perfekte Verbindung aus Oldtimer und Alltagsfahrzeug.“


Diese Heldengeschichte über seinen Mercedes-Benz W123 Coupé entstand mit freundlicher Unterstützung des Carsablanca-Mitglieds Rasch.