Das Leben des Louis Renault

Das Leben des Louis Renault


Porträt

Er verstand Maschinen, aber nicht Menschen. Das sollte Louis Renault zum größten Industriellen Frankreichs machen, aber auch seinen Sturz bewirken.

Normalerweise schreiben wir keine Heldengeschichten über Industriemagnaten. Bosse sind keine Helden.

Bei diesem ist das anders. Natürlich hat er sein Ding durchgezogen wie andere Chefs, natürlich konnte er autoritär und beratungsresistent sein wie andere Bosse – aber es ging ihm niemals um die eigene Person, sondern ausschließlich um sein Unternehmen. Louis Renault war kein Diplomat und Antichambreur, ihm fehlte die Silberzunge, mit der andere Spitzenmanager Personal, Banken und Politiker umgarnen.

Dafür besaß er ein phänomenales Gespür für technische Lösungen. Das machte ihn und seine Marke groß – auf der Höhe seiner Macht zählte er zu den mächtigsten Männern Europas – aber es half ihm nicht weiter, als die Stimmung im Land und damit in seinen Fabriken umschlug und diplomatische Fähigkeiten gefragt waren. Louis Renault war von seinen Produkten und Methoden so tief überzeugt, dass er nicht einmal davon abwich, als er bereits am Rande des Abgrunds stand. Das kostete ihn das Leben.

Paris 1889: Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten

Louis Renault war zwölf, als seine Heimatstadt Paris die Industrienationen zur Weltausstellung von 1889 einlud. Der Eiffelturm ragte brandneu über dem Ausstellungspark auf und verkündete sehr eindrucksvoll die Botschaft dieser Weltausstellung: Der Technik gehört die Zukunft, Technik wird die Völker zusammenführen.

Auf dieser Weltausstellung fanden sich die Herren Daimler und Benz mit den Herrschaften Panhard, Levassor und Peugeot zusammen, um die Grundlagen für die Autoindustrie zu legen. Diese völlig neue Industriebranche würde die bis Ende des Jahrhunderts so gut wie ausschließlich in Paris erblühen. Davon natürlich konnte der Besucher der Ausstellung nichts ahnen – aber wohl niemand konnte sich dem vibrierenden Optimismus, der Aufbruchsstimmung entziehen, die Paris in diesem Sommer erfüllte.

Start im Geräteschuppen

Schon gar kein neugieriger Schulbub: Louis Renault saugte diese Atmosphäre auf, bis sie ihn in jeder Faser durchdrang – sein ganzes Leben würde von diesem Optimismus, dieser Technozentrik erfüllt bleiben. Als Schulbub begab er sich möglichst oft in die Nähe dieser wundervollen Technik, und so verbrachte er bald Stunde um Stunde in der Werkstatt des Autopioniers Leon Serpollet. Auf einem Serpollet-Wagen erlebte er die erste Autofahrt seines Lebens.

Spätestens damit wars um ihn geschehen. Nach dem Militärdienst zog er sich 1896 in den Geräteschuppen in einem Winkel des elterlichen Gartens zurück, besorgte sich Werkzeug und Maschinen und begann mit der Arbeit an seinem eigenen Automobil. Als er an Heiligabend 1898 seinen Angehörigen und Freunden den ersten Prototypen vorführte, hatte er schon das ganze Spektrum seines Könnens entfaltet: ein Gespür für sinnvolle Lösungen, Geradlinigkeit im Denken (was man ihm später als Starrköpfigkeit auslegen würde), Desinteresse an persönlichen Befindlichkeiten.

Der erste Renault-Wagen war ein Leichtautomobil, eine Voiturette. Das Auto war sehr fortschrittlich und fand daher schnell seine Kundschaft. Renault begann 1899 die Serienfertigung – Anfang einer kontinuierlichen Expansion, die ihn in den folgenden Jahren an die Spitze der französischen Gesellschaft spülen würde.

Die großen Jahre

Sein Aufstieg hatte nichts Zufälliges. Nach dem tragischen Tod seines Bruders Marcel beim Rennen Paris-Madrid 1903 sorgte Louis Renault dafür, dass er Alleininhaber des Unternehmens wurde, das bis dahin nur zu einem Drittel ihm gehörte. Er ging dabei nicht immer ganz aufrichtig vor – Marcels Witwe etwa brachte er zum Verkauf, indem er ihr gegen besseres Wissen die Zukunftsaussichten der Firma in finstersten Farben ausmalte.

1912 führte er das größte Automobilwerk Frankreichs, doch anstatt sich auf dieser Spitzenposition auszuruhen, besuchte er die Ford-Werke. Er kehrte tief beeindruckt zurück und entwickelte seine eigene Version des Fordismus, der Produktionsoptimierung durch Standardisierung.

Während des 1. Weltkriegs stellte er um auf Waffen- produktion, 1917 hatte er den ersten französischen Panzer fertig, den Typ FT17, der 1918 zum Einsatz kam.

Eine wacklige Republik

Nachkriegsfrankreich war tief verändert. Wie instabil die Republik nun war, ist in Deutschland kaum bekannt, weil sich unsere Geschichtsschreibung vor allem mit der Weimarer Republik befasst. Dabei ging es in Frankreich nicht minder turbulent zu: Obwohl Frankreich Siegermacht war, floss so gut wie nichts von den deutschen Reparationsleistungen in die Taschen der unteren Klassen. Soziale Unruhen waren die Folge.

Louis Renault sah sich mit Streiks und Werks- besetzungen konfrontiert. Das verstand er nicht, da er sich als guter Patron begriff, der seinen Werks- angehörigen gegenüber stets fair auftrat. Er leitete seine Fabrik weiter nach persönlichem Gutdünken, wie es sich bisher bewährt hatte, ohne sich um die Meinungen anderer zu kümmern. Dass man ihn dafür in die Rolle des bösartigen, autokratischen Kapitalisten drängte, entzog sich seinem Begriffsvermögen. Er ignorierte den starken Wunsch nach Mitspracherecht der Arbeiter, womit er sich unter Kommunisten und Gewerkschaftern viele Feinde machte.

Zugleich interessierte er sich auch nicht für Bündnisangebote, die andere Industrielle an ihn herantrugen. Warum auch? Er sah keinen Bedarf für strategische Bündnisse: Wenn ein wichtiger Zulieferer Schwierigkeiten machte, kaufte Renault ihn auf und hatte Ruhe. Erschwerend kam hinzu, dass er keine gute Figur auf dem Gesellschaftsparkett machte. Er galt als stoffelig und uncharmant. Er blieb der Alleininhaber des größten Industriekomplexes in Frankreich. Dass er damit eine enorme Zielscheibe für so ziemlich jede Art von Missgunst abgab, störte ihn nicht. Er verstieß gegen keine Gesetze, tat nichts Unrechtes, fand er, was sollte ihm passieren?

Kollaborateur

Die deutsche Okkupation zum Beispiel. Wer in Frankreich hätte damit gerechnet, dass die deutsche Wehrmacht nach einem fünfwöchigen Feldzug im Juni 1940 Paris einnahm? Sein Unternehmen fiel unter deutsche Kontrolle, er wurde wie alle Industriellen vor die Wahl gestellt: Kooperation oder Verhaftung.
Louis Renault arrangierte sich mit den Deutschen. Er wollte sein Lebenswerk nicht über Nacht fahren lassen, außerdem lag ihm immer noch an seinen Arbeitern, auch wenn sie ihm während der letzten zehn Jahre das Leben schwer gemacht hatten: Solange das Werk arbeitete, konnte er Lohn auszahlen.

Der Anfang vom Ende kam mit dem ersten alliierten Bombardement im März 1942: Englische Bomber legten große Teile seines Werks in Schutt. Renault konnte seine Arbeiter dazu motivieren, das Werk zu reparieren – um im April 1943 erneut ausgebombt zu werden. Zu der Zeit schlugen die deutschen Besatzer eine schärfere Gangart an (die Katastrophe von Stalingrad hatte das Reich erschüttert) und Louis Renault sah sich immer schlimmer eingezwängt zwischen den Forderungen der Deutschen und den Attacken der französischen Résistance.

Befreiung und Untergang

Anfang Juni 1944 landeten die Alliierten in der Normandie, Ende August war Paris befreit. Das Machtvakuum, das die Deutschen hinterlassen hatten, füllte allerdings nicht General de Gaulle, sondern die Résistance. Frankreich stürzte in einen Zustand der Anarchie – die Zeit war gekommen, alte Rechnungen zu begleichen. Und es gab sehr viele Menschen, die mit Louis Renault ein Hühnchen zu rupfen hatten. Vor allem Kommunisten sahen in ihm den übelsten aller Kollaborateure, nichts weniger als einen Verbrecher und Unmenschen.

Renault, inzwischen 67 Jahre alt, war davon völlig überfordert. Noch immer klammerte er sich an seinen Glauben, dass ihm nichts zustoßen könne, weil er nichts Unrechtes getan hatte. Das Ende kam blitzartig: Am 23. September begab sich er ins Gefängnis Frèsnes, am 24. Oktober war er tot. Es hatte nicht einmal einen Haftbefehl gegeben.

Am 16. Januar 1945 ging der Renault-Konzern in Staatsbesitz über und wurde zur Régie Nationale des Usines Renault. Die Person Louis Renaults blieb lange umstritten. Es dauerte bis in die Siebziger, bis Louis Renault in seiner Eigenwilligkeit Würdigung fand als ein Mann, dem menschliches Zusammenleben zweitrangig war, der nur für sein Werk und seine Autos lebte.