Lamborghini Urraco

Lamborghini Urraco


Marktbeobachtung

Wie? Porsche verkauft einen Sportwagen namens 911? Und den sogar gut? Dagegen muss man etwas unternehmen, dachte sich Ferruccio Lamborghini, und schickte den – mal wieder – nach einem Stier benannten Urraco in die Porsche-Arena. Doch der Zuffenhausener nahm den Neuen aus Sant'Agata auf die Hörner. Das heißt, das Heißblut hatte eigentlich nichts ausgelassen, um sich selbst in die ewigen Jagdgründe der Sportwagen zu rasen.

In den späten 1960er Jahren bekam Signore Ferrucio Lamborghini plötzlich kalte Füße. Dies lag jedoch nicht etwa an mangelnder Durchblutung des bis 1963 ausschließlichen Traktorfabrikanten und Ferrarihassers aus Überzeugung. Vielmehr hatte der Patron nach langem Überlegen entschlossen, sein prosperierendes Unternehmen auf mehrere Räder zu stellen, als Miura und Espada besaßen. Kurz: Lamborghini wollte endlich seinen Traum eines erschwinglichen Einstiegsmodells verwirklichen, um im Falle eines Markteinbruchs nicht allein auf seine zwölfzylindrigen "Grande Toros" angewisen zu sein. Ironischer Weise wäre diese Notleine fast zur würgenden Schlinge um den Hals des stiernackigen Unternehmers geworden. Fast.

Auf jeden Fall wollte Lamborghini mit seinem "kleinen" Urraco der Klasse um Porsche 911 und Dino Paroli bieten – und Geld verdienen. Viel Geld. Paolo Stanzani, frisch verpflichteter Entwicklungschef bei Lamborghini, machte sich ans Meisterwerk. Und es wurde eines: Aus zunächst 2,5 Litern und acht Zylindern schöpfte Stanzani 220 PS und 6,2 Sekunden von null auf hundert. Das atemberaubende Design steuerte Marcello Gandini von der Carrozzeria Bertone bei.

Mit ungeduldig scharrenden Füßen stand Lamborghini hinter den Entwicklern. Angepeilt war eine Jahresproduktion von 1.000 Fahrzeugen – 1973, als der Wagen nach dreijähriger Ankündigungsfrist endlich bei den Händlern stand, wurden jedoch gerade einmal knapp 250 Urracos gebaut.

Außen war der Urraco ein Traum, innen eher ein ein Alptraum: Wäre der Wagen ein Schauspieler gewesen, dann der amerikanische Komiker Marty Feldman – niemand sonst konnte so schielen. Außer dem Urraco vielleicht, dessen Tacho und Drehzahlmesser beinahe an den entgegengesetzten Enden im Armaturenbrett  verbaut waren. Das war aber nicht das Problem, dieses war eher im Mittelmotor begründet, der einiges an aufmerksamer Wartung benötigt. Aber wenn sie fuhren, die Urracos, dann hörte sich die Musik aus den acht Zylindern an wie aufbrandender Beifall in der Arena für Manolete.

Doch bevor er so richtig in Fahrt kam,wurde der Urraco vom Publikum auch schon wieder augebremst. Statt von Bestellungen wie auf der Präsentation 1970 auf dem Turiner Salon wurde Entwicklungschef Ubaldo Sgarzi mit stornierten Kaufverträgen überschüttet.  Lamborghini selbst besaß am Lahmen seines Stiers maßgeblichen Anteil – die völlige Fehleinschätzung des Zeitraums bis zur Serienreife hatte die 1973 erfolgte Serienfertigung schließlich schrumpfen lassen.

Im Jahr darauf zog Ferruccio Lamborghini sich aus seinem Unternehmen zurück. 1979 war, nach keinen 1.000 gebauten Exemplaren und mehreren Variationen (Urraco P 300, Urraco P III), Schluss. Der auf dem Urraco basierende Silhouette übernahm – und trat nach 52 Exemplaren wieder ab. So hatte der hoffnungsfrohe Neuenafang im Einstiegssegment Lamborghini fast in den Ruin geführt. Ferruccio Lamborghini baute für den Rest seines Lebens Wein an, den er erfolgreich auf dem Markt einführte, und starb geehrt 1993.