Lada 1200

Lada 1200


Marktbeobachtung

Es war einer dieser lausig kalten Novembermorgen, als ich meinen Lada 1200 bestieg. Er war grasgrün, zumindest wohl ehemals, und hatte ein Dach aus echtem Kaukasus-Vinyl. Keine Ahnung, wie viele zwangsverpflichtete Spezialisten wie lange daran hatten arbeiten müssen, bis diese Dachhäute tatsächlich länger als drei Tage dort blieben, wo sie laut sozialistischer Gestaltungssatzung für den Automobilbau hingehörten. Mir war kalt.

Gähnend schlurfte ich auf den 1200er zu, die kleinen Blechschlüsselchen aus der klammen Hosentasche fummelnd. Nur widerwillig hatte sich mein ehemaliger Sportlehrer von seinem Lada getrennt, den er so lange nicht gewaschen wie sein eigenes Gesicht keinen Rasierer zu spüren bekommen hatte. Und Herr Hachmeister hatte einen wirklich imposanten Kaiser-Wilhelm-Bart.

Das Auto des Kopfschüttelns. Damit wäre der Status des Ladas in unserer 17.000 Seelen-Gemeinde hinlänglich beschrieben. Ausgeblichen grasgrün und bekannt wie ein bunter Hund. Aus dem technischen Fundus einer Theatertruppe, die ich eine Zeit lang als Roadie auf Tournee begleitet hatte, stammte die Rolle gelb-schwarzen Klebebandes, die ihren Weg rund um die Gürtellinie des Freundes von Drüben gefunden hatte. Das Streifendekor passte bestens zu meiner damaligen Lebenseinstellung, und auch an diesem Morgen schob ich mir als erstes eine Gitanes in den Mundwinkel und gleich anschließend das Ska-Tape in den Recorder, den man damals, Ende der 80er, schon mit "c" in der Mitte schrieb.

Hustend erwachte der Motor, um jedoch sogleich in den herzlich-rauhen Tonfall eines Freundes zu verfallen, der mit einem gemeinsam die vergangene Nacht bei Wodka und anderen guten Gesprächen verbracht hatte. Gähnend und verqualmt trieb ich per Hartplastikknauf die Aluminiumrohr-Rührstange in das verharzte Getriebefett und setzte meinen Ostblockjetta schnoddrig in Gang. 

Es war Donnerstag. Ich hatte mir einen freien Tag genommen, an dem ich nicht in die Redaktion unserer Kreiszeitung fahren würde, bei der ich volontierte. Jedenfalls hatte ich am Vortag die Nachricht hinterlassen, für verschiedene Recherchen unterwegs zu sein. So fand ich mich am Steuer des Lada, aus den Kugelboxen plärrte Madness'; "One Step beyond", die Gitanes vernebelte aus dem leicht geöffneten Seitenfenster den nachfolgenden Verkehr und am Straßenrand stand jemand und winkte. Aus verklebten Augen erwiderte ich den Gruß, dabei lässig mit der Kippe ein Brandloch in den Dachhimmel fabrizierend. Großartig.

Es gab nichts besseres, als in kleinen Momenten ergaunerter Zeit in dieser Kiste durch die Gegend zu scheppern, das dürre Bakelit des Volants zwischen den Fingern und den sich mischenden Geruch von französischem Tabak und sowjetischen Kunstleder in der Nase. Zwei Damen winkten. Halloo zusammen! Irgendwie wurde mir das zu heiß. Wenn Dich hier alle erkennen, dann könnte auch Dein Redaktionsleiter plötzlich darunter sein ...

Kurzentschlossen wendete ich, nicht ohne den Gruß eines weiteren Passanten zu erwidern, und entschied mich für die 17 Kilometer weiter östlich gelegene Kreisstadt zum Frühstücken. Außerdem hege ich warmherzige Gefühle für die abschüssige Hauptstraße und der dazu gehörigen Kreuzung: Kurz nachdem ich für 460 D-Mark meinen frisch getüvten Lada aus der Fachwerkstatt für Landmaschinen abgeholt hatte (wohlgemerkt: TÜV-Gebühr UND Kaufpreis waren damit bereits addiert), parkte an besagter Kreuzung ein Escort in meinem Heck. Mit zwei relevanten Konsequenzen: Der kurz zuvor liebevoll aufgebrachte Spachtel aus der durchgerosteten Lada- Stoßstange schoß in faustgroßen Klumpen bei Rot über die Straße, der nunmehr, wenn auch zu spät, rot sehende Eigner des Escort zahlte 800 Mark. 

Auf der Landstraße stellte sich endgültig Wachzustand ein. Langsam wurde mir unheimlich. Jedes zweite entgegenkommende Auto präsentierte mir die Lichthupe. Okay, mach ich halt an diesem nebligen Morgen im November ebenfalls Abblendlicht an. So. WARUM WINKEN DIE ALLE? Zunehmend nervös drosselte ich das Tempo, was der Lada mit asthmatischem Tremolo quittierte, nur keiner Radarfalle ins Netz gehen! Wäre ein toller Aufmacher für die Abendausgabe, "Wie unser Redakteur persönlich erfuhr, nahm die örtliche Polizei heute zwischen X und Y Geschwindigkeitsmessungen vor". Obwohl. Mit einem 1200er Lada hattest Du einen ähnlichen Vorteil wie im 1200er Käfer: Vollgas und dennoch niemals Blitzgefahr – es sei denn, in einer Spielstraße. Sei es drum. Der Zeiger des Bandtachos mit seiner nach Balalaika klingenden kyrillischen Beschriftung zitterte langsam auf 80 Sachen herunter.

In der Kreisstadt überall das gleiche Bild: Menschen blieben stehen, lachten, winkten. Ich will hier weg. Ich brauch 'nen Kaffee, die am Wagenboden hin und her rollenden Bierflaschen waren leer. Zum Glück kennt mich hier keiner, also ab auf den Parkplatz der nächsten Bäckerei. "Hallo! Herzlich willkommen!" Ja, danke, äh, kann man hier frühstücken? "Na klar, setzen Sie sich doch, gibt gleich ein frisches Butterbrötchen mit ordentlich Konfitüre auf Kosten des Hauses und: vor allem mal 'ne richtig schöne Tasse Bohnenkaffee, was? Und die Verkäuferin grinste mich an wie eine saftige Leipziger Lerche.

Ich hatte alles bedacht. Ich hatte meine automobile Provokation ganz exakt kalkuliert. Der Underdog. Die Lässigkeit in Person. Das charmante Kastenweißbrot auf Rädern. Ich hatte mit allem gerechnet, als ich meinen Lada kaufte.

Nur nicht mit diesem Morgen. Dem Morgen des 9. November 1989.

Nachtrag: Fünf Wochen später, auf dem Rückweg vom "Ersten deutsch-deutschen Grünkohlessen der CDU Gifhorn", das ich redaktionell betreuen durfte, riß sich mein Lada zuerst die Vorderachse an Bordstein aus, bevor er ein Kurvenwarnschild mit seinem rostigen Grill zermalmte und zerschmettert an dem dahinter befindlichen Baum zum Stehen kam. Kurz vor der Kurve hatte ich mich gebückt, eine unter das Kupplungspedal gerollte Bierflasche zu entfernen. Das Sterben der Ost-Autos hatte begonnen.