La Sperenzia – Lancia Gamma Berlina

La Sperenzia – Lancia Gamma Berlina


Marktbeobachtung

Lancia – Form und Technik dieser Autos sind so feingliedrig und anmutig wie der (selten) korrekt und weich ausgesprochene Markenname. Der letzte, wahrhaftige Lancia war eine Fließhecklimousine namens Gamma – seinerzeit verkannt und verrufen, heute verrufen und gesucht.

"Wenn Sie ein rostanfälliges Auto wollen, dann kaufen Sie doch einen Fiat. Da funktioniert wenigstens die Technik. Ja. Ist ja alles Großserie, nicht? Wie? Natürlich. Natürlich war Lancia eine feine Marke, schon immer gewesen. Erste selbsttragende Karosserie und so, Subaru hat sich von denen die Idee mit den Boxermotoren abgeguckt. Die steckten immer voller Erfindungsgabe und Tatendrang, bis sie die Rechnung für ihre konstruktiven und ästhetischen Starrsinn präsentiert bekamen. Ich bitte Sie! Allein die Appia ohne B-Säule! Welch Aufwand, das Auto stabil zu bekommen. Das kostet eben. Und diese ganze filigrane Technik. 

Schauen Sie, allein beim Gamma: Da sprengt Ihnen unter Umständen die Servopumpe den Zahnriemen weg, viel Spaß beim Zusammensuchen der Kolbensplitter. Aber wenn Sie den Motor dann schon einmal auf haben, ersetzen Sie doch bitte gleich die unteren Kolbendichtungen. Die sind nämlich serienmäßig aus Papier, welches sich gern auflöst. Dadurch haben Sie dann ungewollt Frischwasser im Öl.

Jaja. Ist schon traurig. Gerade der Gamma, der hätte doch was werden müssen. Allein das bildhübsche Coupé von Pininfarina. Die Limousine, die war ja lange geschmäht. Viele Unkundige dachten glatt, unter der geriffelten Heckblende säße ein Heckmotor! Aber nehmen Sie einmal Platz in der Gamma Berlina: Ist das nicht wundervoll? Diese Stoffe? Und die farbig abgestimmten Türverkleidungen. Ja, die sind sogar noch an Ort und Stelle und nicht abgefallen, stimmt.

Fiat. Fiat ist Schuld. Als die damals vor 40 Jahren Lancia übernahmen, waren sie Totengräber und Lebensspender zugleich. Haben Materialien und Montage vereinfacht, und jeder ölverschmierte kleinwüchsige Römer mit FIAT-Emblem auf dem Overall durfte plötzlich Hand an die Contessa Lancia anlegen. Fiat ist der automobile Lambrusco fürs Volk. Lancia hingegen, das sind einzeln an einem sonnigen Südhang langsam gereifte, edle Tropfen. 

Hallo? Sind Sie noch am Apparat? "La Sperenzia"? Wollen Sie mich beledigen? Sie können sich gern vom guten Zustand meiner Gamma Berlina überzeugen. Erste Serie. Erste Wahl. Kein Rost, schauen Sie sich die Fotos genau an. Nein, die Zylinderköpfe waren, ebenso wie mein fahrerisches Naturell, nie überhitzt. Nein, auch die Pleuel haben nie den Motorblock durchschlagen. Wie? Typische Gamma-Krankheit? Schlechte Legierung? Ich würde eher sagen: schlechtes Benehmen! Was macht Ihr Deutschen denn bloß mit Euren Autos? Ein Gamma ist halt kein BMW E 12! Was? Ja, bis auf den Rost, stimmt. Da nehmen sich beide nichts. Und die Vierzylinder-Maschinen erklingen gleichermaßen rauh-virtous. 

Aber sind Sie schon mal in der Gamma Berlina die Via Aurelia entlang gefahren? Bei Grossetto durch die Berge und dann an die Küste? Nein? Nein! Wo denken Sie hin? Natürlich hat mein Gamma kein Sonnendach in den 80er Jahren nachgerüstet bekommen! Ihr teutonischen Barbaren! Ihr richtet Euer automobiles Erbe mit Sonnendächern, Zusatzbremsleuchten und Holzkugelmassagematten für die Sitze hin. Unterirdisch!

Wie? Der Unterboden meines Gamma? Perfekt. Keine Durchrostungen. Deshalb: Wenn Sie mal eine Gamma Berlina finden – die meisten wurden ja hemmungslos als Ersatzteilspender für die inzwischen fast schon inflationären Coupés geschlachtet – wenn Sie also eine Gamma Limousine finden, dann nicht ohne Grund hier in Italien oder im französischen Grenzgebiet. Wunderbar trocken, gleichmäßige Temperaturen, kein Streusalz.

Ich muss jetzt auflegen. Überlegen Sie es sich. Sie können den Gamma jederzeit hier vor Ort Probe fahren. Wie? Weshalb ich den Lancia überhaupt verkaufen will? Warum auf dem einen Foto ein Fiat Multipla in meiner Einfahrt ... ? Jetzt kommen Sie mir doch nicht mit Lambrusco! Stronzo!"

Autor: Knut Simon