Kleiner Bruder – Citroën GS

Kleiner Bruder – Citroën GS


Marktbeobachtung

Autohersteller, die Göttinnen bauen, laufen Gefahr, irgendwann aus den himmlischen Sphären abzustürzen. Citroën knüpfte sich für diesen Fall ein Netz. Es hieß GS.

Der Salon eines Citroënhändlers in Paris. Gedämpfter Verkehrslärm von draußen dringt in die mit Waschbeton ausgelegten Hallen. Der Geruch von Gummi und frischem Lack. Hinter halbhohen Rauchglasscheiben residieren die Verkäufer auf Chrom-Ledersesseln. Für einen Augenblick hebt sich der Geräuschpegel, als Madame L. den Salon betritt. Verkäufer G. tritt gemessenen Schrittes auf sie zu. Formvollendete, jedoch nicht übertriebene Begrüßung. Madame ist sichtlich erfreut und, was noch mehr zählt, zum Kauf entschlossen. Zielstrebig schreitet sie auf einen zitronengelben GS zu, legt ihm die rechte Hand aufs Dach und befindet: 

"Das ist er! Sein Anblick hat mich vorhin beinahe aus meinem Caféstuhl auf dem Boulevard gerissen! Einfach wundervoll!"

(Verkäufer, strahlend:) "Ah! Madame besitzen einen außerordentlichen Geschmack! Es handelt sich wirklich um ein ganz besonderes Automobil: Hydropneumatik, vier Türen serienmäßig, der Innenraum gelebte Avantgarde. Citroën ist besonders stolz auf dieses Fahrzeug!"

"Zu Recht, Monsieur, zu Recht! Einfach hinreißend, diese abfallende aerodynamische – so sagt man doch, nicht? – Linie. Und dabei so reduziert!"

"Gewiss, gewiss. Ein wundervoller Wagen. Wenn ich mit Ihnen einen Probefahrttermin vereinbaren dürfte …?" 

"Nein, nicht nötig: ich möchte einen solchen Wagen kaufen. Sofort. Wann könnten Sie liefern?"

"Madame erleben mich sprachlos. Solch ein freudiger Entschluss. Selbstverständlich werden wir alles in unser Macht stehende tun, um Sie schnellstmöglich in den Genuss dieses Automobils kommen zu lassen. Wenn ich bitten darf ...?"

Sie nehmen hinter einer der Rauchglasscheiben Platz. Madame interessieren keine technischen Details. Immer wieder springt sie auf und eilt zum ausgestellten Wagen. Schaut hier. Prüft dort. Der Verkäufer wiederum ist beeindruckt: von der Wirkung seines Produktes, von der Zielstrebigkeit der Kundin und wohl auch ein wenig vom eigenen Verkaufsgeschick. Obwohl letztgenannter Anteil in diesem speziellen Fall nicht allzu hoch zu beziffern ist.

"Sagen Sie, ist er auch mit Automaticgetriebe erhältlich?"

"Halbautomatik, Madame, Halbautomatik."

"Ah. Ich verstehe. Gut, dann bestellen sie das auch noch mit. Wann, sagten Sie, könnte ich mit dem Wagen rechnen?" 

"In etwa vier Tagen, Madame."

"Wundervoll. Sie rufen mich an, ja? Hier, meine Karte."

"Selbstverständlich, Madame. Merci vielmals, Madame. Au revoir!"

Handkuss und Abgang von Madame. Vier Tage später. Der zitronengelbe Wagen wird an Madame L. übergeben. Sie ist überglücklich. Zum ersten Mal nimmt sie hinter dem geschwungenen Einspeichenkenkrad Platz, streicht über dessen glatte Oberfläche, untersucht fasziniert den Lupentacho. Die Tür pockt ins Schloss, Madame erschrickt, huch, so eng hatte sie ihn ja gar nicht in Erinnerung ... Nicht so wichtig. Ein Dreh am Zündschlüssel und der Boxermotor mit zwei Kurbelwellen dreht auf in sein neues Leben jenseits der Ausstellungshallen-Topfpflanzen. Madame braust davon, munter das Maschinchen mit dem hellen Klang hoch jagend. 

Neunzig Minuten später ist sie wieder da. Wutschnaubend. Die vertikale Falte über der Nasenwurzel des Verkäufer vertieft sich sorgenvoll, während er auf Madame zueilt. Was ist es? Flugrost am Neuwagen? Er muss dringend mit dem Werk telefonieren, das geht so nicht weiter! Oder ist es der obligatorische Benzingeruch im Wageninnern? 

Es ist – viel schlimmer.

"Monsieur! Was zuviel ist, ist zuviel! An meinem CX ist die Servolenkung ausgefallen! Vom ersten Meter an! Und außerdem wirkt der Wagen viel kleiner, als ich ihn in Erinnerung habe!"

"Ah, einen CX besitzen Madame ebenfalls. Welch formidabler Geschmack, der sie nunmehr darüber hinaus auch noch zum GS greifen ließ. Meinen Glückwunsch. Natürlich wird sich unsere Werkstatt gleich um die Servolenkung … – Madame? Was ist mit Ihnen? MADAME!"

Madame L. blickt abwechselnd und mit immer schnelleren Kopfbewegeungen irritiert zwischen CX und GS hin und her und bricht mit einem kleinen Seufzer zusammen. Verkäufer G. fängt sie geistesgegenwärtig auf und manövriert sie geschickt hinter die Rauchglasscheiben. Verflucht! Das war jetzt schon die vierte Kundin. Irgendwann würde er der Direction schreiben, dass sie damit aufhören müsse. Dass sie keinen CX mehr bauen dürfe, der aussieht wie ein GS. Und keinen GS, der sich fährt wie ein CX – en miniature. Und nie wieder würde er Pierre, seinen Kollegen, dazu animieren, mit dem GS vor den Boulevardcafés auf und ab zu fahren.  

"Madame? Madame!" 

(Nach wahren Begebenheiten in Paris, Peine, Pattensen und Pinneberg) 

Dieser Artikel erschien am 15.07.2008