Klasse Feind – Moskwitsch 412

Klasse Feind – Moskwitsch 412


Marktbeobachtung

Liegesitze. Zigarrenanzünder. Sicherheitsgurte im Fond. Rallyeerfolge. Aluminium-Motor. Obenliegende Nockenwelle. Nee. Kein Sunbeam Lotus. Kein Audi 200. Moskwitsch von 1967.

1945 kamen die Russen nur bis zum Rhein. 15 Jahre später standen sie mitten in Deutschland. Ziemlich lang hatte die Offensive gedauert, bis im Jahr 1960 der erste Moskwitsch zum Verkauf in der Bundesrepublik gelangte. Die Technik hatte Deutschland selbst zur Verfügung gestellt – wenn auch nicht ganz freiwillig. Bei Kriegsende bauten die Sowjets kurzerhand die gesamten Produktionsanlagen des Opel Kadett in Deutschland ab und flugs in Russland wieder auf. Ab 1947 lief der Kadett als Moskwitsch von den russischen Fließbändern.

Eingefädelt durch das umtriebige und teils etwas undurchsichtige "Deutsche Handelskontor Ost" exportierte die Sowjetunion erstmals Fahrzeuge zum kapitalistischen Klassenfeind. Das historische Bonbon an der Geschichte: Pro in der Bundesrepublik abgesetztem Moskwitsch sollte ein Westauto hinter dem Eisernen Vorhang verkauft werden dürfen. Geben und Nehmen also. Zunächst für 500 bereifte "Moskauer" hatte das Kontor Exportgenehmigungen – leider konnte man jedoch nur acht "Planwagen" zur Verfügung stellen ...

1967, als der fast neue Moskwitsch 412 ins Programm aufgenommen wird, sind Moskwitsch-Automobile in der Bundesrepublik immer noch so selten wie Nylonstrümpfe im Kaufhaus GUM. Aber der 412 macht von sich Reden: Sein leichter Aluminium-Motor mit 70 PS und obenliegender Nockenwelle gilt als zuverlässig und wirtschaftlich (acht bis zehn Liter fließen im Schnitt durch seinen Vergaser, um 100 Kilometer Westautobahn zurückzulegen), die Konstruktion scheint wiederum an ein deutsches Vorbild angelehnt zu sein (BMW 1500), auf internationalen Rallyes glänzen die teilnehmenden 412er durch Zuverlässigkeit und Robustheit. Die deutschen Kunden halten sich trotzdem noch immer bedeckt.

Schaut man heute bei Moskwitsch-Clubs vorbei, singen alle ein ähnliches Lied: Unkaputtbar, solides Blechschwein, Russen-Panzer, was nicht dran ist, kann auch nicht kaputt gehen. Stimmt. Vorausgesetzt, man bewegt seinen 412 in angemessenem Tempo (80 KM/H), achtet höllisch auf vor einer Kurve plötzlich wechselnden Straßenbelag, meidet Spurrinnen und hat westlich-dekadente Gürtelreifen aufgezogen. Achja: Nicht vergessen, die Handbremse gut einzustellen, denn die Einkreis-Trommelbremse verzögert das Ungetüm von 412 in etwa so wirkungsvoll wie der "Maschine Stop"-Befehl den Panzerkreuzer Aurora. Die Armaturenbretter zersetzen sich nach und nach, der Kunststoff der Lenkräder verfärbt sich und platzt ab, und wer auf Dauer einen warmen Wolga-Express wünscht, dem sei eine Zusatzaubildung als Heizungstechniker und Klempner nicht unempfohlen. Und keine Bange, wenn der von Ihnen angesprochene 412-Fahrer weiterhin wortlos und grimmig das Steuer umklammert – er hat Sie schlicht nicht gehört. Ansonsten ist der 412 harmlos.

Mitte der 70er Jahre eröffnet im niedersächsischen Zonenrandgebiet die erste offizielle Moskwitsch-Vertretung. Die acht Neuwagen vom Typ 412 braucht der Händler nach und nach selber auf – verkaufen kann er nicht einen Einzigen. Nach drei Jahren sind von acht Autos noch zwei fahrtüchtig – das Ersatzteillager in der Neuwagenhalle hält so immerhin die Familie des Händlers zehn Jahre lang mobil. 1985 drehen die minderjährigen Söhne die letzten Pirouetten mit dem allerletzten 412 – im Matsch des elterlichen Baugrundstücks. Dann versinkt die Heckflosse aus Moskau im frischen Beton des Kellerfundaments.