Karmann-Ghia: Volkswagen im Sportler-Dress

Karmann-Ghia: Volkswagen im Sportler-Dress

Thorsten Ueckermann fährt einen Karmann-Ghia Typ 14 – und zwar seit 21 Jahren. Der Wagen verbindet ein sportliches Aussehen mit solider VW-Technik. Und löst  Erinnerungen an die Wirtschaftswunderjahre aus.

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten des Lebens, dass Carsablanca-Mitglied Thorsten Ueckermann (MadUek) ausgerechnet in den Staaten zu seinem Auto kam. Dass er gerade im Land der donnernden V8-Motoren auf einen knatternden 4-Zylinder-Boxer aufmerksam wurde, auf ein Cabrio, das gegenüber den Straßenkreuzern ringsum geradezu lustig erschien mit seinen 37 PS im Heck. Irgendwie aberwitzig klingt es auch, wenn Ueckermann erzählt, dass er im 8.000 Kilometer von seiner damaligen Heimatstadt Hagen entfernten Texas jenen Wagen fand, der nur knapp 130 Kilometer vor seiner Haustür in Deutschland gebaut wurde. In Osnabrück. Bei Karmann.
„Ich habe in den USA meine Ausbildung als Pilot bei der Bundeswehr gemacht“, erzählt der 43-Jährige. „Und dann stand da an dem Stützpunkt der Karmann-Ghia.“ Das war 1987. Ueckermann, damals gerade 22 Jahre alt, war ohnehin auf der Suche nach einem Auto. Es sollte ein Wagen sein, der ihn auch außerhalb der Basis überall hinbringen könnte. Gleichzeitig sollte der Wagen aber auch für die Zeit nach den Staaten taugen – wenn er zurück sein würde in Deutschland. „Da konnte man natürlich jedes amerikanische Auto vergessen – bei dem dort üblichen Sprit-Verbrauch“, sagt er. Ueckermann hatte daher schon einen kleinen Fiat im Auge. Doch den Karmann-Ghia, Typ 14 1600 Cabrio Baujahr 1973, gab es für umgerechnet 5.500 Mark, und er war in einem gutem Zustand. Ein Oldtimer war er damals freilich noch nicht. „Deshalb bin ich ihn auch als Alltagsauto gefahren“, sagt Ueckermann. Auch, als er nach Neumexiko versetzt wurde, kam der Wagen mit. Insgesamt sieben Jahre cruiste der Deutsche in seinem Osnabrücker Importwagen über die Straßen Amerikas. Er tat seinen Dienst, viel war nie dran zu tun an dem Auto, das auf die 20 Jahre zurollte. Die gute deutsche Wertarbeit tat unauffällig seinen Dienst. „Er lief und lief“, sagt Ueckermann. Allein das Verdeck erneuerte der Deutsche noch in Amerika.
1988 ging es schließlich zurück in die Heimat. Und der Karmann-Ghia war wie geplant dabei. „Ich brachte ihn hier dann erstmal über den TÜV“, erzählt der Pilot. Auch das war kein Problem, allein die Rückleuchten des für den US-amerikanischen Markt gebauten Cabrios mussten durch europäische Varianten ersetzt werden. Ansonsten war das Modell eines des Typs 14, der zwischen 1955 und 1974 auf Basis des VW-Käfer insgesamt mehr als 443.000-mal und in der Cabrio-Version immerhin 81.000-mal gebaut wurde. Äußerlich weisen an Ueckermanns Modell nur zwei Hilfshörner am Stoßfänger und ein Meilen-Tacho darauf hin, dass es sich um ein US-Modell handelt. Erst, als der Wagen das erste Mal den TÜV geschafft hatte, begann der 43-Jährige mit der Restauration - und ging dabei gleich in die Vollen: „Ich habe den Wagen erstmal komplett restauriert“, berichtet der Karmann-Fahrer. Kein Problem sei das gewesen, schließlich sei er an einer Tankstelle in Hagen-Hohenlimburg aufgewachsen und sei deshalb quasi mit jedem älteren Auto-Modell per Du. Abschrauben, inspizieren, reparieren, säubern – Ueckermann nahm sich alles einmal vor, zwei Jahre lang, bis 1990. „Das Rundumprogramm eben“, erzählt er. Einen neuen Motor hatte er schon einige Zeit zuvor gekauft, weil ihm der Boxer für 400 Mark angeboten worden war. So wartete der Großteil der Arbeit an Chassis und Aufbau. „Ich habe an einigen Stellen geschweißt und andere Stellen einfach mal ordentlich mit Fett eingeschmiert, damit die Feuchtigkeit keine Chance hat.“ Denn auf die Karosserie, das habe sich auch im Laufe der nachfolgenden Jahre herausgestellt, müsse man schon besonders aufpassen: Während Ersatzteile für die Technik allesamt noch gut erhältlich seien, weil sie mit denen des millionenfach gebauten Käfers übereinstimmten, sei es schwierig, an Ersatz für die Karosse zu kommen. „Daran merkt man eben, dass es kein reiner Käfer ist, sondern dass der Aufbau von Karmann kommt. Und diese Teile gibt es nicht mehr wie Sand am Meer.“ Schließlich lackierte Ueckermann den Wagen auch noch um: „Dieses hässliche Polizei-Grün, in dem der Wagen ausgeliefert worden war, wollte ich nicht mehr. Jetzt strahlt er in der BMW-Farbe Royal-Blau metallic.“ Inklusive Anschaffung, schätzt Ueckermann, hat er inzwischen 8.000 Euro in den Wagen gesteckt – „das zeigt, dass Oldtimer durchaus erschwinglich sein können“, wie er meint.
Einst eher ein Gelegenheitskauf, hat sich der Karmann-Ghia inzwischen zu Ueckermanns großem Liebling entwickelt. „Er ist mir in den vergangenen 21 Jahren schon sehr ans Herz gewachsen“, sagt er. Das liege nicht nur daran, dass er ihn inzwischen 140.000 Kilometer bewegt habe, sondern auch an der Geschichte des Fahrzeug-Modells: Im Deutschland der Nachkriegsjahre sorgte Ludwig Erhards Wirtschaftswunder dafür, dass die Menschen wieder Arbeit, Geld und teils auch ein Auto hatten. Doch NSU Prinz, VW Käfer und BMW Isetta waren vor allem dafür konzipiert, ihre Insassen mit einigen PS von hier nach da zu bringen, schneller als zu Fuß und trockenen Hauptes. Gut war das, aber bald schon zu wenig: Mitte der 50er Jahre wollten viele Deutsche nicht mehr nur bequem ankommen, sondern das auch noch stilvoll. Und in Osnabrück entstand die Idee, dafür einen schnittigen Wagen zu bauen, der für das Volk erschwinglich war. 1955 begann man mit der Serienproduktion des Karman-Ghia Typ 14, der sich kaum vom 1200 Export-Käfer aus Wolfsburg unterschied. Im Grunde war allein die Karosserie anders: Eine sportlich geschwungene Schnauze, unter der es Stauraum für Gepäck gab, eine schnittige Seitenlinie und ein an die Sportwagen der damaligen Zeit erinnerndes Heck. Allein: Der Motor gab nicht her, was das Äußere versprach. Die Deutschen störte das wenig – sie tauften den für anfangs 7.500 Mark erschwinglichen Käfer im Sportanzug liebevoll „Hausfrauenporsche“ – und vertrauen ansonsten auf die erprobte VW-Technik.
Auch Ueckermann lernte, sich auf seinen historischen Zweisitzer, der inzwischen auch ein „H“ auf dem Kennzeichen trägt, zu verlassen. „Ich fahre recht häufig Rallyes mit dem Auto“, erzählt er. Geschwindigkeit spiele dabei keine Rolle, denn dafür sei sein Schätzchen nun wirklich nicht ausgelegt. Aber gemütliche Ausfahren mit sieben bis acht, manchmal auch zehn Liter Verbrauch seien genau das Richtige. Vor kurzem nahm Ueckermann an einer Fahrt über 2.000 Kilometer teil, die in der Schweiz startete. Mit An- und Abreise aus seiner heutigen Heimat bei Friedeburg in Ostfriesland waren es 5.000 Kilometer in acht Tagen. „Ich war auch schon mal 14 Tage mit ihm auf Achse. Bis zu 8.000 Kilometer, das ist kein Problem. “, sagt der Pilot, der mittlerweile auch privat fliegt.“
An sich sei sein Karmann aber eher was fürs gemütliche Cruisen. Bei schönem Wetter, offenem Verdeck, auf der Landstraße und nicht schnell. Die Höchstgeschwindigkeit von 140 Stundenkilometern muss nicht erreicht werden: „Über die Autobahn zu brettern, das ist nicht drin. Aber man kann in dem Wagen unheimlichen Spaß in den Kurven haben“, sagt Ueckermann. Obwohl das Fahrzeug einst für die USA bestimmt war, merke man eben die europäischen Fahreigenschaften – kein bisschen schwammig liege der Käfer-Sportler auf dem Asphalt. „Und man spürt, dass es noch richtiges Autofahren ist. Es gibt kein ABS und kein ESP oder sonstige elektronische Hilfen.“ Dafür spüre man, dass sich eben etwas tut unter der Haube am Heck, wenn man auf das Gaspedal trete, und dass die Bewegung am Lenkrad unmittelbar auf die Straße übertragen werde. „Jeder der einen Karman-Ghia fährt oder ihn vielleicht noch selbst aufgebaut hat, hängt daran“, sagt der 43-jährige. „Ich glaube, das liegt auch daran, dass er einfach schön aussieht.“
Das bestätigten ihm auch immer wieder Passanten: Wenn Ueckermann an der Ampel steht, kommen häufig  Leute, um Fotos zu machen. Manche bleiben auch stehen, sprechen erst miteinander, dann mit Ueckermann, erinnern sich an früher „und erzählen von jemandem, der auch einen Karmann-Ghia hatte“, sagt Ueckermann. „Ich freue mich jedenfalls immer, dass sich die Leute über den Wagen freuen. Neid habe ich noch nie erlebt – dafür gibt es auch keinen Grund: Es ist ja auch nur ein Volkswagen.“

Diese Heldengeschichte über seinen Karmann-Ghia entstand mit freundlicher Unterstützung des Carsablanca-Mitglieds MadUek.