Junger Pionier – Matra Simca Rancho

Junger Pionier – Matra Simca Rancho


Marktbeobachtung

Das Geheimnis des Erfolgs liegt meist in dem Umstand, die richtige Idee zum richtigen Zeitpunkt zu haben – und darüber hinaus jemanden, der das Ganze finanziert. Philippe Guédon hatte solch eine Idee 1976. Matra baute sie. Die Zeche zahlte der Kunde. Willkommen im Rancho-Universum.

In der Zeit, in der Khakihemden tragende Abenteurer noch Camel ohne rauchten und dabei versonnen auf ihren schlammbespritzten Land Rover schauten, die Ölkrise bereits in der Erinnerung verblasste und das Wort Katalysator noch niemand zur Kenntnis nahm, in diesen richtig guten Zeiten also saß Philippe Guédon mit einer filterlosen Gitanes Mais im Mundwinkel konzentriert über sein Zeichenbrett gebeugt und erfand den Matra Simca Rancho.

Guédon hatte für seinen Arbeitgeber bereits den Bagheera lanciert, nun galt es, das neue Potenzial von bezahlbaren Freizeitautos in einem weiteren Segment zum Erfolg zu verhelfen. Nach Sportwagen stand nunmehr "offroad" im Lastenheft des Konstrukteurs. Jedenfalls sollte es danach aussehen. Die Möglichkeiten für einen Hersteller wie Matra waren jedoch begrenzt.

Und so erhielt auch der Rancho wie zuvor der Bagheera seine Basis aus dem Baukasten des Volumenherstellers Simca. Guédon nahm die Rohkarosse des Lieferwagens VF 2, bestückte sie mit der Technik des 1307/1308 und versah das Ganze mit einem wohlgezielten Schuss Abenteuerdesign aus der GfK-Schublade. Dieser Schuss ging sofort ins Schwarze: Die Spaß-orientierte Gesellschaft war mehr als bereit für ein Auto, das nicht nur praktisch, sondern auch originell war – eben DER Hingucker im wohlsituierten Bungalow-Viertel. Selbst Schuld, wer noch Passat Variant kaufte. Mit dem Rancho war man ganz weit vorn beim Image und wirklich in jedem Großstadtdschungel zumindest gedanklich ganz weit weg in abenteuerlichen Gefilden. Und abenteuerlich war der Rancho allemal. Was sich spätestens bei der zweiten TÜV-Prüfung herausstellen sollte.

So robust die Mechanik des rauhen Burschen mit den Panorama-Schiebefenstern und der praktischen zweigeteilten Heckklappe auch war, effektive Rostvorsorge praktizierte man damals bei Matra nicht. Wozu auch? Schließlich sind Niederschlagsmenge und Streusalzeinsatz in der Sahara äußerst begrenzt. So rostete der Rancho unter seiner ansprechenden Verpackung aus Kunststoff in einer Geschwindigkeit dahin, mit der kein Wüstensturm mithalten konnte. Schweller, Holme, Endspitzen, Bodenblech – vor nichts machte der braune Tod halt. Aufpassen musste man auch mit der Beladung. Geriet diese zu schwer, hob der Rancho vor Freude die angetriebenen Vorderräder. Leider auch während der Fahrt.

So dürften Werbefotos, in denen Ranchos durch Wildgewässer preschten, leidgeprüften Besitzern vor allem ein Stechen in der Herzkammer beschert haben – und die Gewissheit, das Richtige getan zu haben, als sie ihren Rancho gegen einen neuen Passat Variant in Zahlung gaben. 25 Jahre nach dieser Tat surfen dieselben Passatfahrer nun in der Netzfang-Rubrik von Carsablanca, um noch einmal den süßen Schmerz der Erinnerung zu erleiden, wenn der Rancho ihr Bewusstsein mit unverkennbar röhrendem Sound erneut durchfährt. Und die Erinnerungen können auch schön sein.

Sie können zum Beispiel aus dem Neuwagengeruch (Gummi, Kunstleder und, seltsamerweise, Konservierungswachs) bestehen. Oder aus dem Kribbeln im Bauch beim Blick auf Seilwinde, Sperrdifferenzial und Suchscheinwerfer des Rancho Grand Raid. Sie können die alte Begeisterung für dieses innovative Auto erneut entfachen, dass schon damals mit einer optionalen dritten Sitzbank (man schaute dann nach hinten) zum Familientransporter und mit einer simpel zu montierenden Liegefläche von zwei Metern Länge zum Kuschel-Wochenend-Abenteuermobil für zwei wurde. Das konnte keiner. Jedenfalls nicht in dieser Kombination.

Außerdem ist der Rancho der Urvater gleich mehrerer Fahrzeuggattungen. Sämtliche Berlingos, Caddys und Kangoos besitzen (in der PkW-Variante) reine Rancho-Gene. Fun-Offroadern wie Suzuki LJ 80 hat der Fronttriebler mit seinem Rauhbein-Image ebenfalls den Weg geebnet. Und auch die SUV unserer Zeit lassen grüßen. Denn in der "X"-Ausstattung mit feiner Metallic-Lackierung, Alufelgen und Velourspolstern rückt der Rancho denen verdammt auf die Blechpelle – einzig der Allrad, den der typische SUV-Fahrer so sehr benötigt wie dessen Gattin eine Bergziege, fehlt dem Franzosen.

Philippe Guédon ließ den Zeichenstift nach dem Rancho übrigens nicht ruhen: Er evolutionierte dessen Raum- und GfK-Konzept, was Talbot/Peugeot jedoch nicht honorierte. Keine Marktchance habe solch ein Nachfolger, hieß es damals aus den Vorstandsetagen. Guédon klopfte bei Renault an – und die bauen den Espace noch heute.

Doch zurück zum Ursprung. Das Beste wäre demnach ein neuwertiger Rancho im Jahr 2008. Den gibt es. Das jedenfalls behauptet der Anbieter des heutigen Netzfangs und die Fotos und Informationen lassen den Herrn zunächst glaubwürdig erscheinen. Er bietet einen komplett restaurierten Rancho an – das allein lässt Kenner der Konstruktion anerkennend mit dem Kopf nicken. Liest man dann den angesetzten Preis von 4.500 Euro, schlägt das Nicken schlagartig in hecktisches Kopfschütteln um: Dieser bedauernswerte Franzose muss sich in arger Bedrängnis befinden – oder Monsieur haben den Rancho nicht selbst restauriert. Denn für derart viel Aufwand ist der genannte Preis unterirdisch. Und völlig gerechtfertigt. Sogar die raren Klebebuchstaben auf der Motorhaube wurden (wenn auch etwas schief und in falscher Reihenfolge) wieder angebracht.

Das Abenteuer ruft: Als Rancho-Infizierter sollte man schnellstens nachhaken und den Besitzer aufsuchen. Verdächtig wäre nur Eines: falls der Typ anfinge, von Ihrem Passat Variant zu schwärmen ...

Das Angebot finden Sie hier.