Jan Wilsgaard, Vater des Amazon

Jan Wilsgaard, Vater des Amazon


Porträt

Seine Schöpfungen sind bekannt: Volvo Amazon, die 140er Serie, der 1800ES "Schneewittchensarg", der 164, die 700er Serie. Seinen Namen kennt fast niemand, obwohl der fast ein halbes Jahrhundert lang das Image von Volvo formte.

Der Mann war jung, hatte keine abgeschlossene Ausbildung und konnte froh sein, den Job überhaupt bekommen zu haben. So ein Grünschnabel würde bestimmt keine Zicken machen, sondern brav denn Anweisungen folgen.
Ein einfaches Kalkül, und doch ging es nicht auf. Mit Jan Wilsgaard, der 41 Jahre lang Chefdesigner bei Volvo bleiben würde, tat der damalige Volvo-Chef Gabrielsson einen Glücksgriff – wenngleich nicht so wie er es sich vorgestellt hatte. Wilsgaard hatte trotz seiner Jugend sehr klare Vorstellung von guter Gestaltung, er wusste sie umzusetzen und ließ sich von den Einwänden der Altvorderen nicht beirren.

Zwei Kraftfelder

Als er bei Volvo anfing, war Jan Wilsgaard 20 Jahre alt, in New York geboren, norwegischer Abstammung und nach Göteborg gekommen, um an der Fakultät für Angewandte und bildende Künste Bildhauerei zu studieren. Sein bildhauerisches Gespür prägte das öffentliche Bild von Volvo fast ein halbes Jahrhundert lang.

Während seiner schöpferischsten Phase, 1950 bis 1968, arbeitete Wilsgaard in einem Spannungsfeld zweier starker Kräfte: den Vorstellungen eines eher konservativen Managements und dem eigenen Instinkt für die gute Form. Dieses Spannungsfeld kennt jeder Autogestalter bis heute – Wilsgaard hatte das Glück, in einem anfangs noch recht kleinen Apparat zu arbeiten. Da er nicht nur gestalterisches, sondern auch diplomatisches Gespür besitzt, gelang es ihm oftmals durch gefühlvolle Präsentation, seine Ideen am Ende durchzusetzen, wie bei der Entstehung von Amazon und 140.

Der Patriarch und der Grünschnabel

Vor 1950 hatte Volvo keine eigenständige Design-Abteilung. Die Gestaltung von Autos orientierte sich an externen Vorbildern (zumeist amerikanischen) und oblag einer Unterabteilung des Technischen Zeichenbüros. Was genau Firmenchef Assar Gabrielsson dazu bewegte, 1950 eine richtige Designabteilung einzurichten, ist nicht überliefert. Möglicherweise steckt auch hier amerikanischer Einfluss dahinter, denn seit 1948 produzierten die US-Hersteller Autos, deren Aussehen nichts Zufälliges mehr hatte. Es war sehr deutlich: Design würde Autos verkaufen.

Gabrielsson, Mitbegründer und seit den Anfängen der Kopf von Volvo, blieb zeit seiner 30-jährigen Präsidentschaft stark in die inneren Prozesse seiner Firma involviert. Es war eine kleine Firma, 1950 kam Volvo auf einen PKW-Jahresausstoß von nicht mehr als 8706 Stück – da redete der Chef öfter mal bei Detailentscheidungen mit. Dass er damit nicht immer richtig lag, änderte nichts an seinem unangetasteten Status als Volvo-Patriarch.

Der alltägliche Frust des Designers

So wandte er sich 1950 an die Universität Göteborg und holte den Studenten Jan Wilsgaard, der noch nicht einmal einen Abschluss in der Tasche hatte. Aber Wilsgaard brauchte kein Zertifikat, er stürzte sich in die Arbeit und zeigte mit dem Prototypen Philip, was er drauf hat.

Es gehört zum Arbeitsalltag eines Designers, dass er einen Entwurf Gestalt annehmen, vielleicht sogar auf der Straße fahren sieht – nur um den überraschenden Stopp zu erleben. So ging es dem Philip ebenso wie Wilsgaards zweitem Entwurf, dem bezaubernden P179. Erst mit dem Volvo Amazon schaffte es ein Entwurf 1956 tatsächlich auf die Fließbänder, jedoch nicht ohne zuvor einen verschlungenen Weg zu gehen.

Die Enstehung des Amazon zeigt die seltsame Entscheidungsstruktur bei Volvo damals: Zwar wollte Chef Assar Gabrielsson überall mitreden, vertraute aber seinem eigenen Urteil nicht recht. Er verlangte Alternativ-Entwürfe, konnte sich dann doch nicht entscheiden und holte externe Ratgeber hinzu, wie etwa den Mann, der den P179 zu Fall gebracht hatte – nur um dessen Empfehlung auch wieder nicht zu vertrauen.

Ein geisterhaftes Leitmotiv

Zwischen 1950 und 1968 entfaltete Jan Wilsgaard seine größte Schaffenskraft. Während dieser Jahre begleitete ihn ein gestalterisches Motiv … oder sollte man eher von sagen: Es verfolgte ihn? Es ist der prachtvolle Kühlergrill, der zuerst beim P179 Gestalt fand.

Dieses erste Haifischmaul ging mit dem P179 unter, aber in den folgenden Jahren erscheint es immer wieder in Wilsgaards Entwürfen – mal elegant wie beim Prototypen P358, mal in ziemlich bizarrer Konfiguration wie bei der Buckel-Weiterentwicklung PV644. Das Haifischmaul geisterte durch Wilsgaards Phantasie, erst mit dem Typ 164 ging es 1968 endlich in Produktion. Als es dann den Sprung vom Modellierton zum Blech gefunden hatte, war es aus Wilsgaards Formenkanon verschwunden.

Senior Designer

Gegen Ende der Sechziger widmete sich Wilsgaard der Aufgabe, den alternden 1800 zu modernisieren. 1968 modelte er dem Coupé ein kombiartiges Heck an, das sich schließlich in den 1800ES verwandelte. In dem Jahr war Jan Wilsgaard noch keine 40 Jahre alt und hatte schon 18 Jahre Erfahrung als Chefdesigner.
Nicht dass die Luft draußen war.

Aber es mutet so an, als hätte er sich ein wenig zurückgezogen und eher um die Leitung des wachsenden Design-Teams gekümmert als täglich den Tonspatel in die Hand zu nehmen. Er leitete die Verwandlung des 164/264 in ein Zweitür-Coupé, ab 1975 die Entwicklung der 700er Baureihe, schließlich die Gestaltung des 480ES, des ersten frontgetriebenen Volvo.

1991 übernahm der Brite Peter Horbury die Leitung des Volvo-Designs. Jan Wilsgaard zog sich zurück als wichtiges Mitglied der Riege großer Autogestalter, deren Namen niemand kennt.

Autor: Till Schauen