In eigener Sache, Teil 2 – Mercedes-Benz 280 SEL W 126

In eigener Sache, Teil 2 – Mercedes-Benz 280 SEL W 126


Marktkauf

Sie erinnern sich? "Weil der Audi noch so schön ist, soll er keinen Salzwinter erhalten. Eine Winterkarre muss also her. Der Fünfer fällt aus, weil demnächst vier Kinder transportiert werden müssen, und die gehen in den eta schlicht nicht hinein. Auf dem Hof steht noch ein alter Mercedes 280 SEL für 600 Euro. Perfekt!" Perfekt? Ich habe mir den Burschen heute noch einmal zur Brust genommen, objektiv und nüchtern, sozusagen. 

Und da sage noch mal jemand, es komme nicht auf die Länge an. Ja, natürlich ist das auf den ersten Blick der wirklich unterirdischste Beginn für einen Limousinenartikel – aber eben nur auf den ersten Blick.

Wissen Sie noch, wie das war, so vor 15 Jahren? Man hatte extreme Lust auf eine neue Sänfte, mangels Internet lauerte man montags abends in der Eckkneipe, weil dort um 22 Uhr der Verkäufer mit der Dienstagsausgabe der Kleinanzeigenzeitung "Der Heiße Draht" aufschlug – ein derartiger zeitlicher Vorsprung hatte mir einst eine Peugeot 404-Limousine aus erster Hand für 1.500 Mark eingebracht – und eine Fluchkanonade des um 23 Uhr 30 angerufenen Noch-Besitzers. Es war wie in einem Fellini-Film: Villa bei Nacht, 0.15 Uhr, im Schein der Gartenbeleuchtung schlurft Michel Piccoli alias Peugeot-Eigner H.B. in gestreiftem Pyjama und Pantoffeln über den Kies, der die Garage umgibt, und beantwortet Fragen wie: "Würde es Ihnen etwas ausmachen, eben kurz im Keller nach der erwähnten Original-Betriebsanleitung zu suchen?" Wer daraufhin nicht beginnt, mit alten Wagenhebern nach den Interessenten zu werfen, verkauft seinen Wagen auch fast für umme.

Sagen will ich damit, dass man "damals" für 600 Mark einen C-Rekord hinterhergetragen bekam, für 800 gab's einen frisch getüvten Capri III 2.3 S und einen passablen /8 von Mercedes-Benz für 800 – 1.200 Mark. Und nun beamen Sie sich mal in das Jahr 2008. Sie suchen nach längerer Abstinenz (die Eckkneipe hat Dank des Rauchverbots für immer dicht gemacht, der Zeitungsausträger hat sein Studium mittlerweile beendet und das Internet erfunden, der Heiße Draht ist demnach zum lauen publizistischen Glimmstengel erkaltet) eine Karre. Ne coole Limo für, naja, 500 Euro. Waren mal 1.000 Mark, also mehr als genug für einen C- oder D-Rekord, für einen abgeranzten Granada allemal. 

Tja. Denkste. mobile.de lacht Dich aus und sagt: "Junge, komm wieder, wenn Du groß bist. Verdiene erst einmal Geld." Denn für 500 neumodische Euro-Piepen laden sie Dir gerade einmal einen grauenhaften Golf II vor der Tür ab. Oder einen 95er Ford Fiesta. Noch nicht einmal ein übler Citroën Visa ist darunter, ein halb kompostierter GSA Break oder ein Simca 1100. Kein Rover P6 3500, kein Ford P7b, kein VW Typ 3. Das ist der Punkt, an dem ich diesen bescheuerten Youngtimer-Hype verfluche: Jeder halbhippe Pseudo-Art-Director muss Taunus Ghia oder Golf 1 fahren, so dass sich die Touareg chauffierende Geschäftsführung schon beinahe frühergreist und trendmäßig völlig hinter dem Mond lebend vorkommen muss. Diesen Typen habe ICH es zu verdanken, dass ein völlig verbastelter, hinter dem Ural zusammengeschmiedeter 220 Diesel /8 mit sich zersetzenden Rosshaar-Kopfstützen und bröckelndem Unterboden 2.000 Euro kosten soll. "Iss Olltimer, mein Freund!", ermahnt mich der Onkel des Schwagers des Gebrauchtwagenhändlers mit Migrationshintergrund, als ich eben diesem verklickere, dass er sein Altmetall-Potpourri gern unter seinen schlecht klimatisierten Verkaufscontainer fegen darf.

Gut, dass er nicht auf meine gebotenen 300 Euro eingegangen ist. Gut, dass ich meine Zweifel an diesem Restautomobil habe wachsen lassen wie die blauschwarze Wolke aus dem Auspuff dieses automorbiden Klassikers, die mir gehörigen Abstand zum Hintermann und dessen Lichthupe einbrachte. Denn ich habe ihn gefunden. Den typischen Ramsch-Ecken-Benz für eine Hand voll Petro-Dollar: 280 SE. Lang. Für 400 Euro. Mit ohne TÜV konkret. Weissu?

Das Klischee stimmt: Dorfwerkstatt mit Stammkundschaft, über viele Jahre kehrt man hier ein, und wenn das Schätzchen vermeintlich die nächste TÜV-Hürde nicht mehr zu schaffen droht, bleibt es schließlich abgemeldet hinter der Werkstatthalle stehen, bis einer drüber stolpert. Heute hatte ich diese Gleichgewichtsschwäche. Auch das Herz wurde weich, die Birne muss es eh schon gewesen sein.

Statt meinen BMW für 180 Euro sanieren zu lassen, lasse ich meinen BMW für 180 Euro sanieren und kaufe mal eben so einen Audi 100 CD 5E. Und für den Ganzjahreseinsatz eben besagten Mercedes-Benz 280 SEL. Dies ist er, der klassische Fang aus meiner ehemaligen Lieblingsrubrik "Alle Marken bis 1.500 D-Mark": Handel ihn von 800 auf 400 herunter (O-Ton des gestreng schauenden Kfz-Meisters: "680 mit TÜV, okay?"), investiere neue Reifen, ein Traggelenk und 20 Quadratzentimeter Blech zum Einschweißen – fertig. Fahren, bis der Tankwart kommt. Oder der nächste Besitzer. Irgendwann. Nach fast vier Jahren Kaufabstinenz beginnt mein persönlicher Wagen-Zähler wieder zu klettern: auf Nummer 72.

Dazu hat die mittlerweile existente Familie in dieser klassischen Limousine mehr Platz als im ICE-Kinderwagenabteil. Meine drei bis vier Sprösslinge werden auch in zehn Jahren noch, wenn sie 15 Jahre alt und ebenso an die zwei Meter lang sein werden wie ich, entspannt in diesem Wagen mitreisen können. Ihr Taschengeld wird natürlich zum Sprit nachfüllen konfisziert. Das hält sie immerhin von solchem Mumpitz wie Handyverträgen oder Lebensversicherungen ab. Nein, sie werden später einmal mit mir feiern, wenn die extralange Garage für den 280 SEL abbezahlt ist. Und liebevoll das abgewetzte Stoffbärchen am glattgegriffenen S-Klasse-Schlüssel knuddeln, was die Gattin des Erstbesitzers 1982 erworben hatte. Und sich an die vielen tollen Reisen mit diesem Auto ihrer Jugend erinnern. Und sich sprachlos anhören, dass es einmal Annoncenblätter aus Papier gab. Und Dorfwerkstätten, in denen man billig klassische Autos schnappen konnte. Und Menschen, die so etwas kaufen wollten.

Diese S-Klasse werde ich eine ihrem Radstand angemessene Zeitspanne lang fahren. Schauen Sie wieder auf dem Marktplatz von carsablanca.de vorbei, so ab 2015. Dann könnte ich vielleicht anfangen zu überlegen, ob ich den Benz nicht doch eventuell ... 

Wie? Den Audi? Vergessen Sie's!