Im Dutzend billiger – Mercedes-Benz W 116

Im Dutzend billiger – Mercedes-Benz W 116


Marktbeobachtung

Ein Scheunenfund? Sleeping Beauties in Deutschland, mitten im Ruhrpott? Nee. Ein Autohändler. Aber was für einer. Keine Karosse unter 20 Jahren auf dem Hof. Das spricht Bände. Hören Sie mal:

Dortmund-Marten, an einem kühlen Spätsommermorgen. Etwas verkatert entsteige ich meinem fjordblauen BMW 2500 Automatic, fast vier Stunden Fahrt habe ich hinter mir, um einen inserierten Mercedes-Benz 450 SEL W 116 in Augenschein zu nehmen. Mitten in meinem von herzhaftem Gähnen begleiteten Dehnen und Strecken gefrieren mir jedoch sämtliche Glieder wie ranzige Hydraulikflüssigkeit in einem Boge-Bein: Bin ich jetzt beim Gebrauchtwagenhändler oder auf dem Werksparkplatz von Sindelfingen im Jahre 1978 gelandet?

Tür an Tür. Kühler an Riffelheckleuchte. Flosse an Ponton. Augenreib. Alle noch da. Wem ein Farbfächer mit Benz-Originallackierungen fehlt, muss einfach nur auf diesen Platz schauen: Alles da. Mir fällt die Geschichte von Jörg ein, der seinen roten Golf nach Schichtende in Wolfsburg nie auf Anhieb finden konnte. So geht es mir gerade. Kleiner Unterschied: Ich suche einen lapisblauen W 116. Hm-hm. Sicher. Seufz. Erst mal einen Weg zum Büro bahnen.

Aber nicht nur Daimler liegen hier. Lokalpatriotismus parkt einen an jeder Ecke in Form von seltenen Opel-Fahrzeugen an. Besonders schön: Diplos, Commos und Admiräle. In jeglicher Fasson. Von aus dem Rahmen fallend (trotz selbsttragender Karosse, aber wie kann sich etwas selbst tragen, was nicht mehr vorhanden ist?) über schön original mit Patina bis zu geleckt – alles da.

Dann das Büro. Cheffe am Telefon. Farblich eingetönte Sonnenbrille. Lederjacke. Schnauzbart. Eine Stimme, die klingt, als habe ihr Besitzer heute morgen mit Manta-Einstiegsleisten und Mercedes-Sternen gegurgelt: "Ja-aah. Dat versteh' ich. Wenn se vom Vectra aufnen Diplo umsteijen wolln, dar is ne andere Hausnummer. Nee. Dieses Auto kostet 700 Euro und hat keinen TÜV. (Man winkt mich augenrollend ins Büro hinein) "Ja, klar habe ich auch welsche mit TÜV. Isch kriege nächste Woche welche ausm Opel-Museum, dat hamse nämlisch aufjelöst." (Die deutsche Synchronstimme von Kirk Douglas klingt wie Balsam gegen das hier. Mühsam beherrscht folgt dann noch die Preisauskunft:) "Fünfundzwanzischdausend kosded so einer. Ja. Ja. Überlejen se sisch dat noch mal jenau. Tschö!"

Krachend und Bakelit zermahlend landet der Hörer oberhalb der Wählscheibe auf der Gabel. Zippo klängt, Glut entflammt, Atem entweicht hörbar aus der Kehle, die nun spricht: "Na, Jungen, un watt willst Du?" 

Das ist leicht gesagt. Dachte ich zumindest bis zum Anblick der versammelten Fahrzeuge. Und bis zur Bekanntschaft mit dem Menschen hinter dem Schreibtisch, der einer optischen Mischung aus dem alten Vincent Price und dem sehr jungen Uwe Ochsenknecht entspricht. Sätze wie: "Tjaaah ... ich wollte mich nur mal umschauen ..." würden aus meinem Körper per rotfunkelndem Hitzeblick wahrscheinlich in Sekundenschnelle ein Häufchen Asche machen, die der Typ mit einer lässigen Handbewegung in einem der Limousinen-Chromascher verschwinden lassen würde. 

"450", schleudere ich lässig und wissend in die elektrisierte Raumluft. "Dafür kriegste aber nich viel", brummt es hinter der Tabakwolke. "Ähm, nein – 116!", versaue ich endgültig meinen Auftritt, den eine routinemäßig heraufgezogenen Augenbraue und ein gebrummtes "Nun wern se mal nich' unverschämt" bereits für erledigt anzeigen. "Also, ich meine das Auto, nicht den Euro." Aha. Eine Regung in Form eines Lungenzuges signalisiert die Wiederaufnahme meiner Erscheinung in den Bereich des Würdigen. "Und welschen willsde?" "Im Netz war ein lapisblauer. Mit Schiebedach", füge ich noch hastig hinzu. "Soso. Blau mit Schiebedach." Ein Quietschen des betagten Chromdrehstuhls, ein vielsagender Blick über die unzähligen Limousinendächer in Blau. Mit Schiebedach. Ich bin in der Hölle. In der Hölle der Kommunikation. Gleich wird das Ding in Menschengestalt, die es zu meiner Täuschung angenommen hat, lauthals lachend mit Opel-Blitz und M 110-Donner um sich werfen, Salpetergeruch und ein Loch im Boden hinterlassen. Und mich in einem Haufen geschmolzenem Buntmetall aus Untertürkheim. Ächz.

"Na, dann wollnwa mal. Guck Disch in Ruhe um, un wennde 'ne Frage hast, fragste misch." Klar. Super. Danke, Wesen! 

Um es kurz zu machen: Ich habe nicht einen W 116 für den heutigen Netzfang gefunden. Ich fand ungefähr 30. Eine kleine Fotoausbeute streue ich hier in den Artikel ein. In das Büro bin ich nicht zurück gegangen. Und Kirk-Douglas-Filme schaue ich auch nicht mehr.

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