Hütten-Käse: Mercedes-Benz 600 Limousine

Marktbeobachtung

Es waren einmal sechskommadrei Liter Hubraum. Sie wurden in die mächtige, prächtig gearbeitete schwarze Schatzkiste des Königs geladen und gut verschlossen. Damit jeder erkennen konnte, dass es sich hierbei um ein Heiligtum handelte, krönte man das Ganze mit einem silbernen Stern.

In den geweihten Hallen der königlichen Manufaktur hatte man vorher nichts ausgelassen, was von allerhöchstem materiellen Wert und handwerklichen Anspruchs war. Die manuelle Fakturierung der Karosse bedingte eine gezielte Auswahl und besondere Eignung der beteiligten Zünfte. Nur wer bereits seit mindestens 15 Jahren in den schaffenden Diensten des Königs tätig war, konnte zu den Auserwählten zählen, die zur besonderen Kaste der königlichen Karossiers gehörten. Diese Kaste bestand aus Berufenen des alten Schlages, aus vorzüglichen Sattlern, Spenglern, Schreinern und Polsterern. So bot sich das Interieur von des Königs Wagen in gedämpfter Pracht dar. Dazu gesellten sich die erfahrensten und wagemutigsten Maschinisten, die in Form des Siegeszeichens dem königlichen Gefährt sein V8-Triebwerk einsetzten. 

Des Königs bereiftes Geschmeide wurde darob auf ein Schiff geladen und über den großen Teich gefahren. In der neuen Welt angekommen, brachen neue Zeiten für die edle Karosse an. Des Königs Geschmack und sein ästhetischer Herrschaftsanspruch galten wenig in den transatlantischen Ländereien. Hier wurde grob geholzt und meistens nicht nur geradeaus geguckt, sondern auch gefahren. Bei dieser einfachen Aufgabenstellung verkümmerte alsbald das hochfeine Technikum, und aus der Karosse war schnell die Luft raus. Und dies im Wortsinne, bereitete doch die versagende Luftfederung und das sensible maschinelle 6.3-Herz den Statthaltern des Königs regelmäßig Unbill. Doch die Vasallen fanden eine Lösung: Sie entrissen der schlichten schwarzen Limousine ihr Herz und tauschten es gegen ein koloniales aus. Nun besaß dies Aggregat wiederum acht Zylinder und Dauerläuferqualitäten, ansonsten aber herzlich wenig Kultur. Um das Prachtgefährt auch innen den neuen maschinellen Tatsachen entsprechend zu konfigurieren, entfernte man die hintere Lederbank, die man gegen eine mit elektrischem Strom betriebene Sitzgelegenheit aus dem verfeindeten Herzogtum München wechselte. Damit nicht genug: Das trutzig-stählerne Dach erhielt im Zuge eines politischen Kuschelkurses eine Unterfütterung nebst flexibler Außenhaut. Unter dieser weichen Hülle jedoch blieb man hart. Eine Öffnung nach außen ward nicht vorgesehen.

Die Innenpolitik geriet weiterhin verheerend: Neben der erwähnten Fauteuil-Frevelei im Fond betrieb man fortan alle Fenster, auch die der royalen Trennwand, elektrisch. Man wechselte auch die Tapeten, vulgo Lederbespannung des Innenraums, gegen solche der freien amerikanischen Lesart. Zu schlechter Letzt alternierte man auch die kostbar gearbeiteten und mehrfach versiegelten Hölzer gegen solche mit grundehrlichem Blockhaus-Charme, was zu den neuen Fahrgepflogenheiten des Rüpels auf Rädern passte: Rechts rum fährt er wie ein Gabelstapler, links rum wie ein Kenworth-Truck auf Felgen ohne Gummimantel. Die kolonialen Urwaldschmieden, so pragmatisch sie auch den Buschverkehr aufrecht erhalten, hatten die Feinheiten einer massiv veränderten Achsgeometrie schlicht vergessen.

Unvergesslich hingegen dürfte eine Begegnung des nach Jahrzehnten zufrieden stellenden Geradeauslaufs ins Königreich zurückgekehrten Gefährts mit der obersten königlich-technischen Prüfstelle ausfallen. Trotz ehemals allerhöchster Weihen, Boucléauslagen im Kofferraum und von durchgescheuerten Gummimatten kaschierten Aldi-Perserteppichen sollte man eine solche Provokation vermeiden.

Auch wenn das neue Herz sich fast so anhört wie das originale, die hinteren Lederpolster, die Laubsägearbeiten am Armaturenbrett und das wattierte Dach im Vorbeifahren nicht auffallen: Dem Hofmeister der herrschaftlichen Maschinenanstalt würden sämtliche Plaketten aus der Hand fallen und sein Fallbeil sich senken über diese Reste feinster Karosseriekunst. Da kann die Blechstruktur des Königswagens noch so gut erhalten, der Lack noch so unkorrodiert sein – hierzulande pflegt man andere Gewohnheiten: Krieg den Hütten – Friede den Palästen. Schließlich sind wir hier nicht im Märchen.