Hosenträger reloaded – VW Santana

Hosenträger reloaded – VW Santana


Marktbeobachtung

Irgendwann Ende der 70er Jahre murmelte VW-Entwicklungschef Prof. Dr. Ernst Fiala seine santanischen Verse. Heraus kam ein Auto, auf das sich niemand einen Reim machen konnte.

Die Frage scheint aus dem hier und jetzt bekannt: Wozu braucht Volkswagen, Herr über Audi & Co., eine eigene Oberklassenlimousine? Antwort: Als buchhalterischen Ausgleichsposten für die ansonsten erfolg- und ertragreich verkauften Modelle. Sei es, wie es scheint: Das Hosenträger-Auto wurde meist nur von Anzughosen- und Hutträgern (gefühltes Alter 75 plus) honoriert.

Volkswagens Angebot für Best Ager kam ungefähr 25 Jahre vor diesem sozio-analytischen Anglizismus auf den Markt und traf die erwähnte Zielgruppe mitten in ihr Doppelherz. Und nun ginge die übliche Mär los vom unverkäuflichen Stufenheck-Urmel, der kein Prinz wurde – aber halt: Denn die Geschichte von der verschmähten Stufenheckbox auf Rädern namens Santana trifft so nicht zu. Nicht erst seit der zulassungstechnisch geschickten Umwidmung in das sprachlich schauderöse, formal jedoch treffende "Passat Stufenheck" machte die Kante namens Santana zulassungsmäßig eine gute Figur. Addierte man noch die in China lange nach dem heimischen Santana-Exitus weiterhin produzierten Exemplare hinzu, es würde einem schwindlig zumute.

So besehen trifft der teils gehässige Ausspruch, der Santana sei der Phaeton der 80er, nicht ganz zu, aber dann doch wieder. Als GX 5 mit blubbernden Fünfzylinder unter der Haube und einer Veloursplüschorgie im Innenraum war der Santana für damalige Verhältnisse schon verdammt nah dran an der oberen Klasse. Dazu kam die interne Weisung von VW-Chef Carl H. Hahn ("Charlie Chicken"), alle leitenden Mitarbeiter Volkswagens hätten ab sofort Santana zu fahren, statt sich, wie bis dahin üblich, bei Audi zu bedienen. VW sei eine eigene Marke, und diese sei auch in Sachen Außenwirkung glaubhaft zu präsentieren. Wer als Abteilungsleiter in Wolfsburg vom vielen Arbeiten eh schon Ringe unter den Augen hatte, brauchte diese nicht auch noch im Kühlergrill seines Dienstwagens als öffentliche Anklage mit sich zu führen.

In jedem Fall bedurfte es schon eines besonderen Geschmacks, um einen VW Santana zu mögen, geschweige denn, ihm das Attribut des Aufregenden zu verleihen. Heute kommen in den bekannten Netzbörsen die letzten Rentnerlimousinen aus der Designerhand von Herbert Schäfer unter den Hammer. Wer den Zuschlag erhält, bekommt einen soliden Dauerläufer ohne Sprinterqualitäten mit der gestalterischen Anmutung einer Hochsprungmatratze. Einzig dem Kofferraumvolumen könnte man einen Hauch Spannung verleihen: Es besitzt echte Mafia-Qualitäten. Passen bequem mehrere Delinquenten hinein.

Aber auch als Limousine von staatlichen Würdenträgern machte der Santana im Sinne der Völkerverständigung heute eine gute Figur. Denn fahren Sie mal mit einem Santana vor einem Chinarestaurant vor – wann jemals hat man Ihnen in Ihrem Santana derartige Sympathien entgegen gebracht? Vielleicht sollte Carl H. Hahn es nochmal mit der Bundesregierung versuchen ...