GAZ Wolga M 24

GAZ Wolga M 24


Marktbeobachtung

Wer meint, dass nichts so lange währt wie die Laufbahn eines Parteifunktionärs der ehemaligen Sowjetunion, der kennt deren Dienstwagen nicht. Den Rekord des GAZ Wolga M 24, seit 40 Jahren im Amt zu sein, hat bisher jedenfalls keiner der Genossen gebrochen. Seit 1968 ist der M 24 wahrscheinlich öfter geliftet worden als die Creme-Mumie Lenin's in ihrem Mausoleum am Roten Platz. 

Ausgerechnet im Unruhejahr 1968 erschien dieser Wagen, der ungefähr so revolutionär war wie der neueste Fünfjahresplan der UdSSR. Immerhin hatten sich mit dem Wolga M 24 nach dem Ende der Kuba-Krise und dem Weltraumwettrennen mit den politischen Wogen auch die Blechkleider geglättet. Nichts erinnerte mehr an den Vorgänger M21, der die imperiale Phase Moskaus durchfahren hatte. Noch ahnte niemand, dass der M 24 das erfolgreichste und am längsten produzierte Modell des Werkes in Nischni Nowgorod werden sollte.

Doch genau das wurde es. Der Wolga M 24 überlebte (wenn auch innerlich und äußerlich entstellt und unter neuer Identität) bis heute sieben russische Staatsoberhäupter, den Fall des Eisernen Vorhangs und sogar die Einführung des bleifreien Benzins. Aktuell zieren den M 24 die Scheinwerfer des Opel Astra und die Heckleuchten des Tigra. Dazu gesellt sich ein Turbodiesel von Peugeot unter der Haube. Ansonsten hat sich nicht viel geändert. Das hat viele Vorteile. So kann man beispielsweise in einer verlassenen Nebenstraße Moskaus ohne Risiko die Scheibe eines 2007er Jahrgangs klauen und in den eigenen 1975er verbauen. Passt immer. Und Angst haben vor polizeilicher Verfolgung muss man dabei auch nicht. Wobei diese Behauptung nicht der nachlässigen Moskauer Polizei geschuldet ist, sondern deren Streifenwagen. Dem M 24. Denn selbst mit Werkzeugkasten und Frontscheibe unter dem Arm läuft man schneller, als der Wolga beschleunigt: Über 25 Sekunden brauchen die 109 PS des genügsamen Benziners, um die 1.400 Kilo der Karrosse auf 100 KM/H zu beschleunigen. Da war selbst so mancher Ausreiseantrag in den Westen schneller bewilligt.

Vorsehen musste man sich nur vor dem Gerücht, der KGB habe 280 PS starke Wankelmotoren in seine Dienst-M 24 eingebaut. Aber – auch wenn die Herren ihre Verdächtigen mittels dieser Rakete eingeholt haben dürften, werden sie in 99,8 Prozent der Einsätze stumpf an Ihrem Ziel vorbeigerauscht sein – denn niemand hatte es für nötig befunden, die serienmäßigen Trommelbremsen der Wankel-Wolgas durch tatsächlich verzögernde Bauteile zu ersetzen. Man begann also, am Roten Platz zu bremsen und kam kurz vor Berlin-Schönefeld zum Stehen. Wozu noch Iljuschins bauen?

Westler sahen den Wolga M 24 bis 1987 nur im Fernsehen. Ob Michael Caine als britischer Agent sich durch Ost-Berlin kämpfte, der legendäre George Smiley nach erfolgreicher Jagd zum Agentenaustausch auf die Glienicker Brücke trat oder Lee Marvin William Hurt in "Gorki Park" chauffiert – stets ist der M 24 nicht weit. Er ist so etwas wie der Prototyp der klassischen Limousine – irgendwo angesiedelt zwischen Opel Rekord C und Mercedes /8 des Ostens. Er ist das Auto, das aus der Kälte kam. Und er ist, wie seine erwähnten BRD-Artgenossen, im Prinzip unzerstörbar – wenn man ihn pflegt. Vor allem aber ist dieses am längsten gebaute Wolga-Modell ein Auto für Individualisten.

Erst mit Einsetzen von Perestroika und Glasnost wurde der Ostblock erkundbarer. So fand ich mich 1988 glückselig auf der Rückbank eines schwarzen Moskauer M 24-Taxis wieder, mit Händen und Füßen dem Fahrer seinen völlig unverständlichen Mercedes-W 124-Wunsch ausredend. Zehn D-Mark kostete die zweistündige Rundfahrt. Ich Idiot. Für 50 mehr hätte ich den M 24 wahrscheinlich gleich mit dazu bekommen. Und ein Buch über die Rücktour nach Hamburg schreiben können.

Aber zum Glück gibt es unseren Netzfang von heute. Wer also eine solide konstruierte und gebaute Limousine mit dem Charme von knarzendem Plastikleder und Bandtacho sucht, muss nicht zwangsläufig beim Ford 17m landen. Der Wolga M 24 tut's auch, er ist genau so krude-liebenswert, aber dazu eben noch viel eigener und anders als seine Westbrüder. Mit 2.500 Euro ist die aktuell angebotene M 24-Limousine angemessen bewertet. Wer das gepflegte Auto weiterhin gut behandelt und vielleicht mit dem Anbieter während des Handelns noch den ein oder anderen Wodka hebt, dürfte einen schönen Klassiker mit nach Hause nehmen und einen Freund und Ersatzteilbeschaffer fürs Leben gewonnen haben.

Na sdarowje. 

Autor: Knut Simon