Frühblüher – Autobianchi Primula 65 C

Marktbeobachtung

In den Sechziger Jahren, es ist noch gar nicht so lange her, fuhren die meisten italienischen Autos rückwärts. So jedenfalls lästerten modernistische Zeitgenossen, die auf die massenhaft verbreitete Heckmotor-Garde mit ihrem Spott zielte. Fiat machte dem ein Ende.

Ausgerechnet Fiat! Na ja. Eigentlich auch nicht. Vorgeschickt hatten die umsichtigen Turiner wieder ihre eigene Testballon-Marke Autobianchi. Die durfte immer dann her halten, wenn den Fiat-Ingenieuren mal wieder etwas ganz Tolles eingefallen war, von dem man Angst hatte, dass die Welt – vulgo: die Kundschaft – es nicht verstünde. Und ergo nicht kaufen würde. Und so schubsten die immer etwas hasenfüßigen Fiat-Leute Autobianchi im Jahre 1964 nach vorn ins Rampenlicht der internationalen Automobilpresse. Im Scheinwerferlicht sonnte sich  – eine Revolution? Irgendwie ja. Zumindest für den Fiat-Konzern, der mit der Primula sein erstes Frontantriebsauto lancierte.

Die Primula bewirkte eine stille, aber unaufhaltsamen Umkrempelung im Automobilbau. Neu war nicht die Heckklappe des von Touring ansehnlich gezeichneten Fließheck-Coupés. Neu war auch nicht der Frontantrieb. Oder der quer liegende Frontmotor. Aber die Kombination der genannten Komponenten in dem Segment der unteren Mittelklasse war einmalig. Und tatscächlich ein Novum. Die Primula, die überdies Scheibenbremsen rundum besaß (!), war ein Meilenstein. Allerdings einer, den man am Wegesrand der Automobilentwicklung zunächst kaum wahrnahm.

Zehn Jahre, bevor sie bei Volkswagen begannen, Golf zu spielen, zeigte die Primula, wo es lang gehen sollte in Sachen „Volkswagen“. Irgendwie verstand das aber damals niemand – und die, die es taten, mussten erst einmal zusehen, ihre Kunden von der neuen Zeit zu überzeugen. Ironischer Weise ebneten hauptsächlich die Wettbewerber vom Schlage des Renault 4 und des R 16 den Weg – nicht für die Primula, aber für den neuen Typus des Kompaktwagens, heute unter der Bezeichnung „Golf-Klasse“ bekannt. Die Primula, sie blieb mit bis 1970 rund 75.000 verkaufen Einheiten ein Mauerblümchen – der Frühblüher eines neuen Mittelklasse-Zeitalters.