French Landei – Renault 4

French Landei – Renault 4


Maktbeobachtung

Kastig, knuffig, komfortabel – letzteres zumindest zu seiner Zeit – war der pfiffige Renault 4 eine wahre Größe im Kleinwagensegment. Und sogar einen cw-Wert besaß er!

Es gab vieles, was der R4 seinen Zeitgenossen voraus hatte. Zum Beispiel dem Käfer eine große praktische Heckklappe. Der Ente einen Vierzylinder-Motor. Und Lancia Fulvia und Ford Mustang einen cw-Wert von 0,39. Toll, oder? Darüber hinaus wurden vom R4 in etwa so viele Exemplare gebaut, wie vom Golf I. Und mit 8,1 Millionen Exemplaren ist der R4 sogar das meistgebaute Auto Frankreichs.

Bleiben einige Fragen: Wo sind sie hin, die acht Millionen R4? Wieso war die Fulvia trotzdem schneller? Warum baute sich niemand, trotz der unübersehbaren Nähe zum R4, ein Faltdach in seinen Mustang? Denken Sie mal drüber nach. Die Antoworten auf die beiden ersten Fragen sind schnell gefunden. Die letzte wissen wir selber nicht.

Und so gerät der R4 zum Übergang von der Ente zum Auto. Ein universal nutzbares Kastending, dem bei Markteinführung allerdings nur wenig Ertfolg prognostiziert wird. Aber Renault ist bekannt für sein feines Marktgespür: 25 Jahre nach der R4-Präsentation bringen die Franzosen den Espace. Das Raumwunder, welches Peugeot sich nicht zu bauen getraut hatte – aufgrund der gleichen Markteinschätzung wie einst beim R4. Bevor der R4 zum klassischen Studententransporter wird, tritt er seine Karriere als vielfältig benutzbares Familienauto an. Wahlweise finden Kinder, Haustierie oder Urlaubsgepäck in ihm Platz, er wird ruckzuck zum Möbeltransporter oder zum Mini-Camper mit Einschränkungen. Der R4 und sein Konzept (wer, bitteschön, bot 1962 eine verstellbare Rücksitzbank an?) setzen Maßstäbe und werden Trendsetter in dieser Klasse.

1968 ist das Jahr mit der höchsten R4-Produktion. Simca mit dem 1100 und Fiat mit dem 127 evolutionieren das R4-Konzept, in dem sie dessen Grundzüge ganz oder teilweise aufgreifen und mit höherem Komfort verbessern. Mit dem moderner gestylten, komfortbetonten R6, der auf dem R4-Rahmen aufbaut, versucht Renault, die R4-kundschaft sanft in eine höhere Fahrzeugkategorie unterhalb des R16 zu bugsieren. Ab da übernimmt der Renault 4 die Einsteiger-Rolle im Programm der wandlungsfähigen Renault-Rypen.

Als 1973 der R5 debütiert, wirkt der R4 bereits antiquitiert, hält aber als klassisches Laissez-faire-Auto (als bunt bemalter Anti-Atomkraft-Gebrauchtwagen) und beginnendes Liebhaberstück (denn Liebhaber musste man sein, gab es doch längst für annähernd gleiches Geld wesentlich modernere Fahrzeuge) noch bis 1988 in Deutschland durch. Um in den Genuss investitionshaltiger technischer Neuerungen (Abgasreinigung!) zu kommen, ist  genau dieser Liebhaberkreis zu klein. 1992 endet die Produktion des R4 generell. Die kriegsbedingte Zerstörung der jugoslawischen R4-Produktionsanlagen setzt einen endgültigen Schlussstrich unter dieses erfolgreiche Kapitel Automobilgeschichte.

Ein französisches Exemplar, aus ländlichen Gefilden stammend, hat mit unverrostetem Kastenrahmen und im akzeptablen Zustand überlebt und den Weg auf den deutschen Markt gefunden. Verstohlen nach den ersten grauen Haaren forschend nehmen Interessierte den Preis von 2.300 Euro zur Kenntnis – ist denn wirklich schon so viel Zeit vergangen, seit man als Student seine diversen R4 mit zwei Jahren TÜV für jeweils 600 Mark (!) kaufte?

Es ist. Denn schon damals registrierte man naserümpfend die neumodischen Lehramtsstudentinnen, die plötzlich im Seat Ibiza oder Ford Fiesta auftauchten. Und einen BH trugen sie wahrscheinlich auch.