Fiat Ritmo 60

Fiat Ritmo 60


Marktbeobachtung

Ende der 70er Jahre hatte Fiat für jeden Geschmack etwas in der Modell-Tüte. Für Menschen mit Ecken und Kanten gab es den 131 als automobiles Pendant, der ewig jugendliche 127 tourte mit ergrauten Schläfen in seine letzten Produktionsjahre und für Autofahrerchen hielt sich der Bambino tapfer im Programm. In dieses bereits etwas angetaute Tutti Frutti brachte ab 1978 der Ritmo eine neue Geschmacksnote.

Gäbe es den Coppa Palla, also den Pokal für das kugelförmige Auto, der Fiat Ritmo der ersten Generation hätte gute Chancen auf einen angemessenen Platz auf dem Siegerpodest. Und dies ausgerechnet als Gegenspieler des Golf I.

Komisch, oder? Denn eigentlich gerät der Ritmo nicht in den Verdacht, dem Schattenwurf des Käfers Konkurrenz zu machen. Aber der Blick der neuen Kompaktklasse aus Turin, der über zehn Jahre später vom Renault Twingo (schlecht) kopiert werden sollte, dieser Blick aus treuen Kugelaugen war es, der so manche am Ritmo tatsächlich vorhandene Kante im Auge des Betrachters weich zeichnete.

Neben den Augen, die aus einer stupsnasigen Frontschürze in ungewisse Verkaufszahlen schauten, waren es die kreisrund gestalteten Türgriffe sowie das Styling der Serienstahlfelgen, die den beschriebenen Eindruck vermittelten. Nur hinten eckte der Ritmo an, mit schmalen Schlitzrückleuchten, die aus dem GFK-Heck linsten. Die bündig mit der Karosserie abschließenden Stoßfänger wurden damals heiß diskutiert – was im Prinzip wundert, hatten Renault 17 und Seat Bocanegra das Thema doch bereits vorgegeben.

Lackiert in poppigen Farben und ausgestattet mit dem Temperament eines Neapolitaners eroberte der "kleine" Ritmo, der in den USA und in Großbritannien übrigens als Fiat Strada verkauft wurde, im Sturm die Käuferherzen. In der Realität gewann jedoch der Verstand und damit der Golf die Oberhand. Der rostete zwar auch nicht schlecht, aber verglichen mit den Orgien, die die Oxidation im Blechkleid des Ritmo feierte, hielt sie sich beim Gammel-Golf nur zum Kurzbesuch mit leichtem Knabbergebäck auf. Dennoch gehörte der "Rottmo" bald ebenso zum vertrauten Bild auf deutschen Straßen wie der Rost an seinen Radhäusern. 

Jeder, der einmal die federleichten Türen des Ritmo geöffnet, den zierlichen Schlüssel in das links (!) platzierte Zündschloss gesteckt und die südländisch röhrenden Vergasermotoren (Einspritzer gab's dann auch, das waren aber schon moderne Zeiten) gestartet hat, wer die fünf Gänge des knackigen Getriebes genossen und die singenden Vierzylinder munter auf Touren gebracht hat, der wird verstehen, warum manch einem lebender Rost aus Turin lieber war als Vollwächsernes aus Wolfsburg.

Ausschließlich die erste Serie des Ritmo ist prädestiniert für Youngtimer-Weihen. Aktuell im Netz angeboten wird das ehemalige Einstiegsmodell Ritmo 60 als Dreitürer. Wenige Besitzer und eine längere Standzeit kennzeichnen das Angebot ebenso wie erstaunlicherweise fehlende rostbraune Verfärbungen des Blechkleids. Der Innenraum bedarf lediglich einer Reinigung, bedeutsam ist die Tatsache, dass dieser Ritmo ein Armaturenbrett der allerersten Version besitzt, inklusive des Lenkrades mit V-förmigen Speichen. Als einer der letzten seiner Art trug der Ritmo, das Auto für die Achtziger, die typischen Merkmale voriger Jahrzehnte: Ausstellfenster vorn und hinten. 

Für den funktionstüchtigen Ritmo werden knapp 2.000 Euro aufgerufen. Das ist, vorsichtig ausgedrückt, eine optimistische Preisvorstellung. Denn die Nachfrage nach dem flotten Turiner ist noch geringer als die Anzahl der zum Kauf angebotenen Fahrzeuge. Leider. 

Mehr als alle Worte sagt dieser Werbespot, in welche Zeit der Fiat Ritmo hineingeboren wurde und warum man ihm gern erlag.