Fiat 130 Coupé

Fiat 130 Coupé


Markttbeobachtung

Ein Oberklassecoupé hatte vor 40 Jahren ungefähr so auszusehen: Rundlich geschwungene Motorhaube, sanft oder keck ansteigende Seitenlinie, gern eine mehrfach eingewölbte Heckscheibe und ein knackiges Entenbürzel als Heck. Fiat macht es ganz anders – und viel einfacher: Mit massiver Hilfe von Pininfarinas begnadeter Blechschere und vielen Kilo feinstem Airo-Spachtel werden dem Entwurf des Ford Granada II die Fondtüren geraubt sowie dessen Scheinwerfer und Rückleuchten geändert. Fertig ist die kantige Variante des Fiat 130. Genannt Coupé.

Sicherlich: Das soeben aufgetischte Szenario ist für Puristen ungefähr so bekömmlich wie Spaghetti à la Miracoli, so ungeheuerlich wie Caruso ohne Schellack-Knistern und so appetitlich wie Cappuccino mit Sprühsahne. Mit einem Wort: Degutant. Zu deutsch: Igitt. Aber eben nicht ganz unwahr. Sondern nur umgekehrt:

Man kann von den Kölnern halten, was man will: Schlecht war das Design des Granada '78 nun wahrlich nicht – und die Linien desselben nicht uninspiriert vom 130 Coupé, welches ab 1970 bei Pininfarina in Kleinserie entstand. Somit sei der Beau, der tatsächlich aus mediterranen Gefilden stammt, während der Kölner Dicke sich den sonnengegerbten Namen nur entlieh, rehabilitiert.

Gerade einmal 5.000 Käufer fanden sich für das 130 Coupé, das so unvergleichlich atemberaubender gezeichnet war als sein Limousinen-Bruder gleichen Zahlenspiels. Dieser musste sich oft als "S-Klasse-Lada" beschimpfen lassen, trotz seiner unzweifelhaften Vorzüge, die ihn sogar die Sechszylinder-Konkurrenz von BMW, Mercedes-Benz und Jaguar im Test besiegen ließen.

Niemand jedoch dachte im Ernst daran, das 130 Coupé einem Vergleich zu unterwerfen – außer einige Autojournalisten, die angesichts einer solchen Manifestation von automobiler Avantgarde jedoch schlicht nicht Ernst genommen werden dürfen. Jawohl, die Nennung von Fiat und außergewöhlichem Automobilbau in einem Satz ist mehr als reine Provokation und nicht weniger als die Wahrheit – die niemand hören wollte. Oder, wenn er sie denn vernahm, nicht glauben konnte. Zu sehr hatte sich die Übersetzung FehlerInAllenTeilen für den Turiner Massenhersteller festgefressen, dies meist in den rostbehangenen Karrossen der schlamperten Südländer, die, wenn sie nicht gerade streikten, Pasta aßen und dem Frascati zusprachen. Wobei die Unterschiede hierbei für den bundesdeutschen Autokäufer bald schon nicht mehr sichtbar waren.

So hatte ein Fiat in der deutschen Wahrnehmung von automobiler Oberklasse schlicht nichts zu suchen – eine schmerzhafte Erfahrung, die der 130 mit dem Peugeot 604 und dem Renault 30 teilte. Dabei hätte das 130 Coupé  gut und gern als die elegante Variante des großen 604 durchgehen können – dem sah der ellenlange Zweitürer sogar noch ähnlicher, als dem Granada II ...

Sei es, wie es sei: Heute sind 130 Limousine und Coupé bei formal völlig verschiedenen Ansätzen längst etablierte Klassiker. Die Limousine fährt als Deko-Fahrzeug im Ludwigshafener Tatort mit, das Coupé besitzt im Jahre 2008 fast die gleiche Klientel wie bei seinem Erscheinen vor knapp 40 Jahren: Freiberufler, Architekten, Ingenieure, Journalisten. Allesamt Menschen, denen man eine Grundportion Feinfühligkeit und Anderssein unterstellen darf.

Am aktuell angebotenen Fiat 130 Coupé dürften sie besonders die rare und extrem charmante Farbe der Innenausstattung goutieren, die ihr saftiges Blutorange in einem weiten Spektrum versprüht. Fast neuwertig wirkt dieses Interieur, das bis auf die nachgerüstete elektrische Verstellung der (nicht originalen) Außenspiegel authentisch belassen wurde. Auch der massive Zuggriff unweit des Fahrersitzes funktioniert noch – das galante Beifahrertüröffnen für Madame bleibt also gewährleistet. 

Mechanisch befindet sich das preislich sehr attraktive Angebot in guter Verfassung. Dieses Fiat 130 Coupé ist alltagstauglich. Lediglich bei der Karrosse müssen einige Abstriche an die Note 1 gemacht werden: Der Anbieter vermutet einen ehemaligen leichten Seitenschaden, der sich jedoch weder nachweisen noch dementieren lässt. Es handelt sich um eine nicht sofort sichtbare Reparatur, dem geschulten Auge jedoch entgeht sie nicht.

Allerdings befindet sich dieses Angebot auch im mittleren Segment der 130-Coupé-Preise, so dass man nicht zu streng sein darf – oder eben doch, mit Blick auf Schwetzingen und Villa d'Este, ein Exemplar für 25.000 Euro in Betracht ziehen muss. Für 7.900 Euro erhält man ein grundehrliches Touring-Coupé mit einmaliger Anmutung, außergewöhnlicher Innenausstattung, solidem Zustand von Mechanik und Karrosse und dem Nimbus zeitloser Eleganz durch formale Reduktion.

Die Teileversorgung beim 130 Coupé ist durchwachsen: Während Großserienkomponenten wie Bremsen und Achsen unproblematisch sind, repräsentieren zerknitterte Blechpartien wie Kotflügel, Heckblech und weitere Anbauteile sowie vor allem zersprungene Scheinwerfer schnell den finanziellen GAU. Scheinwerfer gibt es nicht. Und wenn doch, ab 1.000 Euro pro Stück.

Aber soweit muss es ja nicht kommen. Man will mit seinem 130 Coupé schließlich nicht rasen, sondern reisen. Und auf der Hotelterrasse von Amalfi bei einem wirklich guten Roten die Sonne untergehen sehen. Und dazu knistert aus dem Autoradio leise Caruso.

Das Angebot finden Sie hier.