Fast ein Coupé – Audi 100 Avant

Fast ein Coupé – Audi 100 Avant


Marktbeobachtung

Dieses Auto hätte es eigentlich gar nicht geben sollen, jedenfalls nicht in seiner finalen Serienform. Je nach Sichtweise hat Audi mit seinem ersten 100 Avant ein elegantes Kombi-Coupé gewonnen oder einen vollwertigen Kombi sowie einen Nachfolger des Coupé S verloren.

Als der erste Audi 100 sich in seiner besten Verkaufsphase befand, liefen in der geheimen Forschung und Entwicklung der Ingolstädter längst die Vorbereitungen für einen Nachfolger auf Hochtouren. Rudolf Leiding hatte zwei Entwicklungsteams unabhängig voneinander mit dem Entwurf des Audi 100 Typ 43 beauftragt, aus den präsentierten Prototypen wurden abschließend die Rosinen heraus gepickt und zum endgültigen neuen großen Audi zusammen gefügt. Die Limousine war stattlicher geworden, im Innenraum dominierten bunter Stoff und ausgeprägte Formteile für Türverkleidungen und Armaturenbrett, erstmals sollten die Motoren auf fünf Zylinder erstarken, ein probeweise verbauter, aus dem NSU Ro 80 weiter entwickelter Kreiskolbenmotor kam über einige Vorserienfahrzeuge nicht hinaus.

Analog zum Vorgänger wollte man den neuen Audi 100 wieder als zwei- und viertürige Limousine anbieten. Darüber hinaus jedoch tauchten in internen Modellfamilien-Stammbäumen zwei weitere Varianten auf: ein viertüriger Kombi à la Passat Variant sowie ein zweitüriges Fließheck-Coupé. Während der Variant bis zu den hinteren Türen der viertürigen Limousine entsprach, zeigte das Fließheck-Coupé enge Verwandschaft mit der Zweitürer-Variante, deren breite Türen es aufwies. Kenner müssten an dieser Stelle anerkennend pfeifen: Nicht nur, das der aktuelle 100 Audi gehörig in die Mittelklasse katapultiert hatte, das Coupé S mit seinen italienischen Designanklängen bewies, dass Audi auch gediegene Tourenwagen bauen konnte und der neue 100 nochmals deutlich an Format und Klassenanspruch gegenüber der Konkurrenz gewonnen hatte – nein, darüber hinaus dachte man bei Audi auch über eine spürbare Ausweitung der Karosserievielfalt nach. Und dies ziemlich konkret.

Allerdings kollidierten diese Pläne mit einer zunehmend extremen Hauhaltssituation, die den Volkswagen-Konzern zu Beginn der 70er Jahre an den Rand des wirtschaftlichen Abgrunds führte. Weil keine europäische Bank mehr Kredite an VW vergab, reiste der Finanzvorstand höchstpersönlich nach New York,  um gemeinsam mit einigen Kollegen die Dollars kofferweise in bar nach Wolfsburg zu schaffen. Nur so konnten Löhne und Gehälter weiter gezahlt werden. Und nur so ist es zu erklären, dass Rudolf Leiding an einem bestimmten Zeitpunkt seinen Rotstift zückte und den Audi 100 Kombi durchstrich, dem Fließheck-Coupé jedoch zwei zusätzliche Türen in die Flanken zeichnete. Es war dies die Geburtsstunde des Audi 100 Avant. Er teilte das zweischneidige Schicksal seiner Artgenossen: Ebenso wie  kurz zuvor der BMW 02 Touring versagte ihm der zeitgenössische Markt die Gefolgschaft – um so begehrter sind Avant-Modelle der ersten Stunde heute als Klassiker.

Dabei hätten die schnittig gezeichneten 100 Avant  das Zeug zum Bestseller gehabt, aber  noch verstanden die Autokäufer diese ersten Crossover-Fahrzeuge aus Coupé und Kombi nicht. Ab einer gewissen Fahrzeugklasse ziemte sich eher die klassische Limousine.

Besonders gesucht, jedoch extrem selten ist das Topmodell namens Audi 100 Avant CD 5E  – gut, dass die Heckklappe breit genug selbst für derart lange Modellbezeichnungen war!  Der CD bestach durch hochwertige Velourspolsterung, Zentralverriegelung, elektrische Fensterheber, Servolenkung, Colorverglasung. Alufelgen, Nebelscheinwerfe, Waschhörnern für die Scheinwerfer und Kopfstützen auch im Fond, dies alles meist in Kombination mit einem Schiebedach und nicht selten mit einem Dreigang-Automatikgetriebe. Noch seltener als ein Avant CD 5E ist ein Avant CD 5E der ersten Modellgenartion vor dem Facelift, welches allen Typ 43 herumgezogene Chromstoßstangen, Klarglas-Blinker und geänderte Leuchten bescherte. Innen wurde ebenso behutsam renoviert.

Dahingerafft wurde der 100 Avant vom Rost, der sich ohne Hemmungen durch jeden Avant fraß, den er kriegen konnte. Wie das aussah, zeigt unten stehendes Foto, übrigens erst vor einem Vierteljahr in Hamburg aufgenommen. Längst haben Liebhaber daher gut erhaltene Exemplare gerettet oder wieder aufgebaut, und selbst einfache L- oder GL-Varianten sind heute beliebt. Die Preise sind auf unterstem Klasssiker-Niveau angesiedelt, der Kreis der zahlungswilligen Enthusiasten ist überschaubar. Dies tut dem ersten Vertreter der „Schöne Kombis heißen Avant“-Gattung indes keinen Abbruch: Wer einen familientauglichen Klassiker sucht (hallo Wiebke!), der findet ihn beispielsweise im Audi 100 Avant.

Dieser Artikel erschien am 04.07.2008