Edgar Friedrich: Der Starthelfer für Audi in Bayern

Edgar Friedrich: Der Starthelfer für Audi in Bayern

Nicht immer war Audi eine bayrische Marke, ihre Entstehung und ihre ersten Erfolge feierte die Marke mit den vier Ringen in Sachsen.

Das Manchester Deutschlands

Die Auto Union war vor dem Zweiten Weltkrieg zu einem der bedeutendsten Automobilhersteller Deutschlands herangewachsen und hatte die Gegend um Chemnitz zu einer der bestimmenden industriellen  Produktionsorte Europas gemacht. Es wurde gar vom Manchester Sachsens gesprochen, laut Carl H. Hahn, dem späteren Volkswagen-Vorstand sei das dortige Industriepotenzial dem von England oder Belgien nahe gekommen! Doch nach dem Krieg lagen die modernen Produktionstätten in der sowjetisch besetzten Zone und über deren Zukunft hing ein düsterer Schleier schlimmster Erwartungen. Gerüchte waren im Umlauf, die Produktion solle komplett in die UdSSR verlegt werden und über ihr eigenes Schicksal machten sich die Angestellten ebenfalls grosse Sorgen. Ein möglicher Ausweg schien die Flucht in die von den Alliierten besetzte Westzone zu sein, die Grenzen waren noch nicht vollständig gesichert und in der Nähe von Hof konnte mit kundiger Führung ein Überschritt über die grüne Grenze gelingen.

Edgar Friedrich: Der Starthelfer für Audi in Bayern

Mit Edgar Friedrich über die grüne Grenze

Der DKW- und Auto Union-Vertragshändler Hans Friedrich in Hof spannte seinen eben aus dem Krieg heimgekehrten Sohn Edgar für diese gefährliche Aufgabe ein. In den Jahren von 1945 bis 1947 wurden rund 600 Führungspersönlichkeiten, Ingenieure und Facharbeiter in den Westen geschmuggelt, bedroht von schiesswütigen russischen Patrouillen, entflohenen Gefangenen und Fremdarbeiter-Kolonnen. Des Nachts schlichen die Flüchtenden durch dunkle Wälder, krochen durch Morast und Unterholz und bangten dabei um ihr Leben. Hatten sie das sichere Hof erreicht, wurden sie gastfreundlich von der Familie Friedrich aufgenommen, die für erste Unterkunft und Verpflegung sorgten. Einer der Glücklichen war auch der geniale Autokonstrukteur und Ehrenvorsitzende der Auto Union, August Horch.

Edgar Friedrich: Der Starthelfer für Audi in Bayern

Mit 77 ein neuer Anfang?

Doch der 77-Jährige war als ein gebrochener Mann nach Hof gekommen, alles hatte er verloren. Dank der fürsorglichen Aufnahme durch die Friedrichs siedelte er sich in Hof an, ins heimische Winningen züruck zu kehren konnte er sich nicht mehr leisten. In Hof wurde er nicht nur als "Papa Horch" in die Familie aufgenommen, auch zeigte er dem jungen Edgar Friedrich in der väterlichen Werkstatt noch einiges von seinem Können als Konstrukteur und Mechaniker. Über fünf Jahre ging Augut Horch noch seinen Entwicklungen nach, einen Erfolg konnte er auch mit seinem Sparmotor allerdings nicht mehr verbuchen. Erfolg hatte aber seine Auto Union, die in Ingolstadt Fuss fasste. Zunächst  kümmerte sich die neugegründete Auto Union um die vielen von der Wehrmacht wegen ihres Frontantriebs verschmähten Fahrzeuge DKW, Wanderer, Horch und Audi, die noch zahlreich auf den Deutschen Strassen fuhren. Edgar Friedrich: Der Starthelfer für Audi in Bayern

In Ingolstadt angekommen

Bald wurden auch wieder eigene Fahrzeuge gebaut und verkauft, doch blieb das Unternehmen den Zweitaktmotoren treu, was von den Kunden nicht honoriert wurde. Selbst die berühmte "Frischölautomatik", die dem Fahrer das Anmischen des Zweitaktgemisches abnahm, änderte daran nichts. 1958 stieg die Daimler-Benz AG bei der darbenden Union ein und veranlasste die Entwicklung von revolutionären Viertaktmotoren, doch noch ehe ein Auto mit dem neuen Mitteldruckmotor die Bänder verlassen hatte, reichte der Stuttgarter Konzern die Auto Union an die Volkswagen AG weiter. Doch zu dieser Zeit war August Horch längst schon im heimischen Winningen beigesetzt worden. Den furiosen Einstand des Audi 60 1965 erlebte er nicht mehr, der eine beispiellose Erfolgsgeschichte für seine zweite Markengründung in Gang setzte. Sicherlich hätte er sich über den Wagen gefreut, der den von ihm propagierten Frontantrieb nutzte und auf dem letzten eigenständigen DKW F102 basierte. Unter seiner Motorhaube sorgte ein Mitteldruckmotor für den Vortrieb, natürlich im zeitgemässen Viertakt-Rhythmus. Edgar Friedrich: Der Starthelfer für Audi in Bayern

August Horchs letzter Lehrling

Edgar Friedrich aber blieben die fünf Jahre an der Seite des berühmten Lehrmeisters in steter Erinnerung. In seinem Haus hortete er die Hinterlassenschaft des großen August Horch und bewahrte sie für spätere Generationen. Ohne ihn wäre nicht nur der erfolgreiche Neustart der Auto Union in Westdeutschland sicherlich gescheitert, sondern auch das August Horch Museum in Zwickau verdankt ihm und seinen Bemühungen um das Erbe von Horch viel. Noch heute setzt sich der rüstige Mann , der schon weit über 80 Lenze zählt, für das Gedenken an den Markengründer ein und organisiert Fahrten in das August Horch Museum Zwickau. Schön, dass auch Audi sich der Bedeutung Edgar Friedrichs bewusst ist und ihn  zum hundertjährigen Bestehen der Marke letztes Jahr bei den Feierlichkeiten in Ingolstadt entsprechend würdigte. Edgar Friedrich ist immer noch aktiv. Auf Rundgängen mit ihm durch das August Horch Museum Zwickau bietet sich den Besuchern eine letzte Möglichkeit, dem Meister Horch über die Schulter zu blicken.