Fullers Dymaxion Car: Luftschiff auf  drei Rädern

Fullers Dymaxion Car: Luftschiff auf drei Rädern


Portrait

Viel zu gut für diese Welt oder einfach nur irre? R. Buckminster Fuller  war gewiss ein Architektur-Genie - aber mit seinem dreirädrigen Automobil setzte er sich zwischen alle Stühle

Schweißperlen. Der Manager der New Yorker Auto Show 1933 kommt ins Schwitzen. Die Frühsommersonne sticht ordentlich, aber der Mann schwitzt nicht wegen des Wetters. Er schwitzt, weil er in der Klemme sitzt: Vor ihm steht ein Exzentriker, der sein Auto ausstellen will. Hinter ihm steht, oder besser dräut eine Wolke hochrangiger Automobilfunktionäre, und die wollen verhindern, dass der Exzentriker   sein Auto ausstellt. Die Besucher werden langsam aufmerksam, und einen Skandal kann der Manager für seine Veranstaltung in den noblen Hallen am Madison Square Garden nicht brauchen.

Er tupft sich die Stirn ab. Das Problem ist – er kann den Exzentriker verstehen. Was der da am Bordstein vor dem Haupteingang geparkt hat, sieht aus wie von einem anderen Stern. Oder wie ein geschrumpftes Luftschiff auf Rädern, jedenfalls nicht wie ein Auto normalerweise aussieht. Und das ist genau das Problem: Neben diesem … Ding wirkt alles, was hinter den hohen Glastüren zur Ausstellung steht, wie aus dem letzten Jahrhundert – der automobilen Steinzeit. Darum bilden die Industriefunktionäre in seltener Eintracht ihre Ablehnungsfront.

"Verstehen Sie doch, guter Mann, ich kann Sie nicht reinlassen." Zum ungezählten Mal sagt der Manager das jetzt, und langsam reichts ihm, er will jetzt Ruhe haben. Sein Publikum strömt nicht mehr in die Halle, sondern bildet eine Traube um diesen Mann und sein Auto. Das grenzt an Geschäftsschädigung. Der Manager wird jetzt deutlich:   "Verschwinden Sie oder ich rufe die Polizei!"

Die Polizei kommt auch ungerufen. Ein Streifenpolizist bahnt sich einen Weg durch die Traube – doch anstatt diesen Spinner zu verscheuchen, ergreift er auch noch Partei für ihn! Na klar gehöre das Auto in die Ausstellung, das sehe doch jeder, sagt der Cop und das Publikum stimmt lautstark zu. 120 Meilen die Stunde laufe es, sagt der Spinner, ein Raunen geht durch die Menge – kein skeptisches Raunen, man glaubt es ihm. Der Auflauf breitet sich auf die Straße aus, aber überfahren wird niemand, denn der Verkehr ist zum Erliegen gekommen, aus allen Autos hängen Menschen und gaffen auf den Straßenzeppelin …

Wahrlich aufsehenerregend 

Oft genug wird von einem aufsehenerregenden Debüt gesprochen, das ein Auto gehabt habe – dieses hatte wirklich eins. Der Exzentriker war R. Buckminster Fuller, das Auto hieß Dymaxion Nr. 1 und hätte, wenn es nach seinem Schöpfer gegangen wäre, das Wesen des Straßenverkehrs revolutioniert.

Nachdem Fuller aber bei der Auto Show abgeblitzt war, sah es eher so aus, als würde ihn sein Auto ruinieren. Neben diesem Gefährt hatte er nicht viel vorzuweisen, außer der Idee für ein Haus, das keiner bauen konnte, und einem technischen Gesamtkonzept, das zur Lösung vieler, vielleicht gar aller technischen Aufgabenstellungen geeignet sein sollte. Das jedenfalls behauptete Fuller. Er nannte es das Dymaxion-Prinzip, kurz für dynamic maximum tension, dynamische Maximalspannung.

Auch wenn all das nach einem argen Wirrkopf klingt: R. Buckminster Fuller gilt heute als einer der großen technischen Visionäre des vergangenen Jahrhunderts. Sein Dymaxion-Prinzip fand durchaus sinnvolle Anwendung, uns vor allem geläufig in Gestalt von großen Kugelhüllen um Funk- und Radarantennen. Dies sind geodätische Kuppeln, sehr leichte und extrem stabile Bauwerke. Das Dymaxion-Auto entsprang derselben Formel, es war Fullers erstes verwirklichtes Projekt: Ein Auto möge nicht schlapp zwischen den Rädern hängen, die es an seinen vier Ecken hat, sondern eine eigene Grundspannung haben, wie ein sprungbereiter Athlet. Dies bedeutet: drei Räder (mehr braucht es nicht, um kippsicher zu stehen), aerodynamische Form, perfekte Balance (tatsächlich ist die Gewichtsverteilung nahe bei 50:50).

Sowas kann sich nur ein Architekt ausdenken 

Im Januar 1933 hatte Fuller zwar sein Dymaxion-Konzept im Kopf, dazu die Pläne für ein Haus und ein Auto in der Schublade, aber nichts Handfestes. Umso glücklicher war er, als er von einem Freund eine vierstellige Summe zur Verwirklichung seiner Dymaxion-Idee erhielt. Fuller mietete eine leerstehende Fabrikhalle, heuerte einen erfahrenen Flugzeug- und Schiffskonstrukteur sowie sechs qualifizierte Handwerker an und legte los. Auf Henry Fords persönliche Initiative hin erhielt Fuller einen Ford-V8 mit 85 PS, und im April war das erste Chassis fahrbereit.

Es war eine außergewöhnliche Konstruktion. Die Vorderachse war angetrieben, aber nicht steuerbar; das einzelne Hinterrad saß an der Spitze eines V-förmigen Rahmens, dessen Beine an der starren Vorderachse angelenkt waren. Das Hinterrad war frei lenkbar – man konnte es vollständig um die senkrechte Achse drehen.

Die Vorderachse, ursprünglich die Hinterachse eines Ford, war mit der Unterseite nach oben installiert, damit die Antriebs-Laufrichtung stimmt. Auf dieser Achse saß der Hauptrahmen, im Heck federnd mit dem V-Rahmen verbunden. Der Hauptrahmen trug die Kabine, die weit über die Vorderachse hinaus ragte. Am hinteren Ende des Hauptrahmens war der Motor installiert, die Kardanwelle zog sich nach vorn zur Vorderachse. Damit ist der Dymaxion-Wagen das wahrscheinlich einzige Auto der Geschichte mit Heckmotor und Frontantrieb.

Lenkt sich wie ein Gabelstapler 

Entsprechend fuhr es sich – vergleichbar höchstens mit einem Gabelstapler. Das Auto mit einem Rad im Heck zu steuern war extrem gewöhnungsbedürftig, und anfangs war die stromlinienförmige Karosserie sehr seitenwindempfindlich. Erst nach einer gründlichen Überarbeitung durch den Bildhauer Isamo Noguchi und einigen Tests im Windkanal lag der Dymaxion ruhig. Schnell war er auch – viel schneller als irgendein Ford mit demselben Motor. Offizielle Tests gab es nicht, Fuller sprach von 200 km/h.

Im Juni 1933 war das Auto präsentationsreif, rechtzeitig für die einflussreiche New York Auto Show. Fuller blitzte jedoch ab (wie eingangs geschildert) und musste sich seine Öffentlichkeit woanders suchen. Das war nicht schwierig, weil das Auto die Massen anzog, wo es aufkreuzte. So beschloss Fuller, es ab Oktober auf der Weltausstellung in Chicago zu zeigen. Dort bewährte es sich zunächst als VIP-Shuttle - auf einer Fahrt allerdings kollidierte es mit einem anderen Fahrzeug und überschlug sich, der Fahrer kam ums Leben.

Glücklos 

Der Unfall brachte das Auto in die Schlagzeilen, leider nicht in Fullers Sinn. "FREAK CAR ROLLS OVER AND KILLS RACE DRIVER" tobte die Presse, ungefähr: "Monsterauto überschlägt sich – Rennfahrer tot". Potentielle Investoren zogen sich zurück, das Auto musste aufwendig repariert werden. Trotz des Rückschlags arbeitete Fuller weiter an Dymaxion Nr. 2, außerdem bestellte der prominente Dirigent Leopold Stokowski ein drittes Auto. Die zwei späteren Wagen sind in mancher Hinsicht verbessert – der Rahmen ist leichter, die Kabine etwas geräumiger – weichen jedoch in den Grundlagen nicht von Nr. 1 ab.

Ohne Förderer oder Auftraggeber ging Fuller jedoch das Geld aus. Um die begonnenen Autos fertig zu bauen, verflüssigte er sein Erbe. Im Frühjahr 1934 versah Auto Nr. 3 Fahrdienst auf der Weltausstellung, doch es half nichts – weder Käufer noch Investoren trauten dem Dymaxion-Auto. Ende März beendete Fuller den Mietvertrag der Fertigungshalle, entließ seine Belegschaft und schenkte Auto Nr. 2 seinen wichtigsten Handwerkern, als Ausgleich für ausstehenden Lohn. Fuller widmete sich fortan vor allem architektonischen Fragen, die ihm deutlich mehr Erfolg brachten.

Seinen Autos war auch später kein Glück beschieden. Stokowski verkaufte Nr. 3 noch 1934, der Wagen ging durch viele Hände und endete in den frühen Fünfzigern auf dem Schrott. Nr. 1 ging 1943 bei einem Hausbrand unter, einzig Nr.2, das Auto der Handwerker, überstand die Jahrzehnte einigermaßen unbeschadet und ist jetzt ausgestellt im Nationalen Automobilmuseum in Reno, Nevada.

Mehr zu Buckminster Fullers Dymaxion-Autos 

Sie kennen auch eine Heldengeschichte? Schreiben Sie der Redaktion!