Dornröschen mit Namen Isabella: Nach 45 Jahren wieder auf der Straße

Dornröschen mit Namen Isabella: Nach 45 Jahren wieder auf der Straße

Der Reporter dachte, sein Laurel hätte mit 20 Jahren Garagenschlaf eine Art Langzeitrekord aufgestellt. Ha - Kinderkram! Die 57er Isabella in dieser Geschichte bekam 45 Jahre lang keinen Asphalt unter die Reifen.

Wir schreiben das Jahr 1962 – Die Kuba-Krise droht, die Spiegel-Affäre zwingt Franz-Josef Strauß zum Amtsverzicht als Verteidigungsminister, der Verfasser dieser Zeilen wird geboren, und in Aachen kommt eine knapp sechs Jahre alte Isabella TS Limousine nicht durch die fällige TÜV-Prüfung, weil die Lenkung ausgeschlagen ist.

Kuba existiert heute noch als einer der letzten Staaten sozialistischer Prägung, Strauß wurde erst Bundesfinanzminister, dann erfolgloser Kanzlerkandidat und schliesslich bayerischer Landesvater, und die Isabella verschwand in einer Garage: Ihr Eigentümer mochte sie weder reparieren noch verschrotten, er stieg lieber auf das Mittelklassemodell eines bis heute existierenden Herstellers um.
Im Lauf der Jahre wechselte die ursprünglich hellblau-metallic lackierte Limousine zwar mehrfach den Besitzer und Standort, aber sie blieb ihrem Heimatkreis Aachen stets treu. Zugelassen hatte sie niemand mehr, bis sie im Frühjahr 2007 wieder einmal im Weg war und deshalb von ihrem damaligen Eigentümer mittels Kleinanzeige zum Verkauf angeboten wurde.

Als Dirk aus dem Bergischen Land diese Offerte las, zögerte er nicht lange: „Ich habe angerufen, einen Besichtigungstermin vereinbart und bin hingefahren. Der Wagen war von guter Substanz, aber er brauchte natürlich etwas Liebe und Zuwendung. Doch das war die Mühe allemal wert, denn er war absolut unverbastelt.“ So zahlte Dirk den geforderten Kaufpreis, erhielt gegen ein moderates Aufgeld noch die bereits vom Verkäufer besorgten neuen Zierleisten und lud seine Neuerwerbung auf einen Trailer. Die Bestandsaufnahme zu Hause ergab eine solide Grundsubstanz mit verblüffend wenig Rost und weitgehend unberührter Technik. Dennoch entschloss sich Dirk zu einer gründlichen Überholung. Die ausgeschlagenen Lenkungsteile tauschte er selbstverständlich aus. Außerdem zerlegte er den Motor, dichtete ihn neu ab und  kontrollierte auch den Antriebsstrang. Die Bremsen überholte er komplett, die Kupplung wurde sicherheitshalber ebenfalls gewechselt. Neue Reifen und eine frische 12 Volt Batterie waren obligatorisch.

Als es um die Frage des neuen Lacks ging, ließ Dirk Geschmack vor Originalität den Vorzug: „An Stelle des blauen Metallic-Lacks, der mich sehr an einen Werkzeugkasten erinnerte, habe ich mich für einen Blauton ohne Metall-Effekt entschieden, der für dieses Modell ebenfalls lieferbar war. Das weiße Dach passt dazu; diese Zweifarb-Kombinationen waren damals sehr angesagt.“ Im Innenraum mussten die originalen Polsterbezügen Nachfertigungen weichen: „Der Stoff war, obwohl er kaum jemals Sonnenlicht abbekommen hatte, sehr spröde und zerbröselte regelrecht“, bedauert der Borgward-Fan. „Aber der vom Sattler verwendete Bezugsstoff kommt dem Original sehr nahe“. Das alte Radio ist vermutlich ab Werk verbaut gewesen, es muss noch ohne UKW-Empfang auskommen. Den Besitzer stört es wenig: „Ich lausche ohnehin lieber dem gesunden Motorsound des Anderthalb-Liter Aggregats“, gibt er zu.

Unterwegs ist Dirk mit seiner Isabella, die unter anderem durch ihre kleinen Rückleuchten als Exemplar der ersten Serie erkennbar ist, in der Saison hauptsächlich zu Oldtimer-Veranstaltungen. Übernachtungssorgen kennen Dirk und seine Frau dabei nicht: Zumeist nehmen sie einen zeitgenössischen Faltwohnwagen an den Haken. Auch damit wird die 75 PS starke Isabella TS nicht zum Verkehrshindernis: „Gerade die TS-Version mit den 15 Mehr-PS war für ihre Zeit ziemlich flott unterwegs und muss sich mit ihren Fahrleistungen auch heute noch nicht verstecken“, berichtet Dirk stolz. Wenn damals nicht die Zahlungsunfähigkeit des Firmengründers, gepaart mit einer ordentlichen hanseatischen Dickschädeligkeit, für das politisch offenbar gewollte Ende des Borgward-Konzerns gesorgt hätte – was hätte aus der Isabella und ihrer bereits in Planung befindlichen Nachfolgerin werden können…

Diese Heldengeschichte über den Borgward Isabella entstand mit freundlicher Unterstützung des Carsablanca-Mitglieds Bella57.

Mehr Informationen zur Borgward Isabella

Fotos von der Borgward Isabella

Borgward Isabella im Carsablanca-Lexikon