Die Form – Porsche 904

Die Form – Porsche 904


Marktbeobachtung

Kleiner Test. Ich sage: "Porsche". Sie denken: "911". Hm. Noch ein Versuch: "Der Klassiker von Porsche, kein 911?" "356!" Okay. Ich geb's auf. Fast hätte ich gedacht, ich könnte für heute Feierabend machen. Stadttdessen also: Porsche Carrera GTS. Der 904 unter den Sportwagen.

Es brauchte nicht lange. Nur etwa 0,8 Sekunden und acht Meter Fallhöhe genügten, um in Kombination mit Schwerkraft und gelöstem Kranhaken aus 800.000 Euro einen 1,8 Meter hohen Schrotthaufen zu fabrizieren. Porsche hatte seinen ersten Crashtest vollzogen, auf dem eigenen Firmenhof und in Anwesenheit ranghoher Betriebsangehöriger. Und die Welt war um einen Carrera GTS ärmer. Das schmerzte schon damals wie ein zehn Zentimeter tief sitzender Polyesterharzkeil unterhalb der vierten Rippe. Autsch.

Und dennoch war dieser Akt der mut- wenn auch nicht böswilligen Zerstörung nötig, um weiterhin auf der Rennstrecke mitmischen zu können. Exakt 100 Fahrzeuge des neuen Typs hatte jeder Hersteller als Homologationsserie zu fertigen, um bei den prestigeträchtigen GT-Rennsportveranstaltungen antreten zu dürfen. Porsche baute die 100 Stück, die sich im Handumdrehen verkauften. Die Leute wollten mehr. Porsche baute noch einmal 20 Stück. Verkaufte davon 16, behielt vier komplette Fahrzeuge als Ersatzteillager. Das waren allesamt gute Ideen, wie sich bald herausstellen sollte.

Vieles war neu an diesem Porsche. Allem voran die selbsttragende Kunststoff-Karosse, die mit dem Kastenrohrrahmen verklebt wurde. Beides sparte Gewicht, allerdings musste Porsche bald feststellen, dass der Kastenrahmen weniger verwindungssteif war, als ein Rohrrahmen. In Mitellage direkt hinter den Sitzen platziert fand sich der "Fuhrmann-Motor" mit seinen zwei Nockenwellen pro Zylinderbank und Königswellen. Der Vierzylinder-Boxer mit seiner Aufbauhöhe sparenden Trosckensumpfschmierung wurde zum Standardtriebwerk des 904, der vor allem in der GT-Klasse erfolgreich Pokale sammelte. Seinen Einstand feierte der neue 904 auf der Targa Florio, die er  als Gesamtsieger beendete. Kurzzseitig experimentierte Porsche mit Sechs- und Achtzylindern im 904, aber die Achter liefen nicht so recht und der Sechser brachte keine wirklichen Verbesserungen. Der Zwoliter stemmte immerhin 180 PS, das reichte für eine Spitze von 262 km/h.

Abseits dieser Erfolge und der Tatsache, dass der "kleine" Porsche gegenüber den weitaus stärkeren Ford GT 40 auf langstreckendistanzen keine Chance hatte, faszinierte der 904 allein durch seine gleichzeitig schlichte wie emotionale Form. Dazu gesellten sich die Kuriosität, dass zwar nicht die Polyester-Sitze, wohl aber die Pedalerie und das Lenkrad verstellbar waren. Keine Frage: Zum Spottpreis von seinerzeit knapp 30.000 Mark hatte Porsche ein Auto auf die Beine gestellt, dass das Zeug zu einem Großserienerfolg gehabt hätte.

Dies allerdings hätte dem 911 im Wege gestanden, zudem arbeitete man bei Porsche bereits an einem Nachfolger, der künftig die Rennmeriten nach Zuffenhausen bringen sollte. So blieb es bei der überschaubaren Anzahl der gefertigten 904, die übrigens aufgrund eines Protests seitens Peugeots (dreistellige Ziffernfolgen mit einer Null in der Mitte gehören der französischen Löwenmarke) offiziell unter dem verdienten Namen Carrera GTS vertrieben wurden.

Heute wacht eine internationale Fangemeinde über die verbliebenen 904-Exemplare. Sie weiß, welche Fahrgestellnummer mit welchem Motor welches Rennen gewann, wo die Fahrzeuge verblieben sind, welche verbastelt wurden und wann man angebotenen 904 gegenüber misstrauisch werden sollte. Zum Beispiel dann, wenn die einst durch Kraneinsatz verschrottete Fahrgestellnummer  plötzlich "restauriert"  angeboten wird ...

Wer heute 904 fahren möchte, hat mehrere Möglichkeiten. Er kann die derzeit einzige originale 904-Rohkarosse, die seit Jahrzehnten in einem Museum überlebte, für schlappe 48.000 US-Dollar kaufen. Oder den heutigen Netzfang für 800.000 Euro tun. Oder er schaut statt bei Heinz Heinrich, dem Netzfanganbieter,  mal bei Heinz Kurek vorbei. Das kostet – mit etwas Verhandlungsgeschick – nur die Hälfte. Ist aber fast genau so. Und auch fast genau so schön.

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