Die flotten Fünfziger, Teil VII: American Dream

Die flotten Fünfziger, Teil VII: American Dream

Grosse Autos für ein grosses Land; jedes Jahr schöner, besser und begehrenswerter, das waren die Richtlinien, an die sich Amerikanische Hersteller nach dem Zweiten Weltkrieg hielten. Der Erfolg gab ihnen recht.

Viel Platz für Autos

Während sich in Europa die Autoindustrie mit dem Problem des Wiederaufbaus konfrontiert sah, konnte davon in den USA keine Rede sein. Zwar hatten auch hier viele Hersteller ihre Produktion aussetzen müssen, aber die eigentlichen Anlagen blieben intakt. Nun setzte ein ungeahnter Ansturm auf Automobile jeglicher Art ein, die Amerikaner waren geradezu vernarrt in die Möglichkeiten des Individualverkehrs und sorgten damit für ausgelastete Fabriken. Die Nachfrage kam jedoch nicht ganz unerwartet, denn die jetzt entstehenden Siedlungen mit Einfamilienhäusern rund um die Kernstädte machte ein eigenes Fahrzeug obligatorisch. Die Distanzen zur Arbeitstelle, Schule oder Freizeitaktivität konnten weder zu Fuß, noch mit dem unzureichenden öffentlichen Nahverkehrsnetz überbrückt werden. Die flotten Fünfziger: American Dream

Alles beim Alten?

Da die Hersteller nur auf ihre Vorkriegsentwicklungen zurückgreifen konnten, gaben sie neuen Modellen den Anschein von Aktualität und Modernität durch ansprechende Karosserien. Technisches Neuland wurde nicht betreten, Heckantrieb mit vorne liegendem Motor war gängiger Standard. Da in den USA weder eine Besteuerung des Hubraums erhoben wurde, noch Treibstoff ein mangelndes Gut war, bestand für die Hersteller kein Entwicklungsdruck für effizientere Triebwerke, wie sie etwa die Europäischen oder Japanischen Hersteller spürten. Nach anfänglichen Experimenten mit Sechs- und Achtzylinder Reihenmotoren begann sich der V-8 als amerikanischer Standard zu etablieren. Die flotten Fünfziger: American Dream

Querdenker ohne Fortune

Nur wenige freie Geister wagten einen Ausbruch aus den von den "Big Three" vorgegebenen Konventionen, meist scheiterten sie jedoch kläglich, wie zum Beispiel Preston Tucker mit seinem ehrgeizigen Projekt. Weniger revolutionär, doch deshalb nicht weniger engagiert ging Henry J. Kaiser zu Werke, er wollte den Amerikanern ein günstiges und kompaktes Fahrzeug verkaufen. Die inzwischen jährlich wechselnden Karosseriemoden von Chrysler, General Motors und Ford wollte er aber nicht mitmachen. Damit schätzte er die Präferenzen seiner Landsleute grundfalsch ein, die waren an einen regelmässigen neuen Thrill am Anfang der Saison gewöhnt und stellten rationale Überlegungen hintan. Als einziges Produkt von Kaisers kleinem Automobil-Imperium konnte sich der Jeep behaupten, der nach seiner erfolgreichen Militärlaufbahn auch im zivilen Leben wegen seiner praktischen Vorzüge viele Käufer fand. Die flotten Fünfziger: American Dream

Amerikanischer Sportsgeist

Die Hauptgeschäfte machten die amerikanischen Hersteller mit Limousinen und Kombis, die in Amerika als Station Wagons bekannt waren.  Zwar wurde mit einem gewissen Unbehagen der große Erfolg von Europäischen und vor allem britischen Sportwagen verfolgt, die von den Truppen mitgebracht wurden, doch zu eigenen Ambitionen fehlten noch freie Kapazitäten in der Entwicklung und der Fertigung. Erst 1953 mit der Chevrolet Corvette wagte sich General Motors aus der Deckung. Der erste Amerikanische Sportler nach dem Zweiten Weltkrieg, der in einer Großserie hergestellt wurde, hatte ein inovative Kunststoffkarosserie. Die Anfangs eingesetzten Reihenmotoren mit sechs Zylindern enttäuschten aber mit geringer Leistung und das Fahrwerk hob sich nicht sehr von den tausendfach produzierten Standardlimousinen ab. Die flotten Fünfziger: American Dream

Antiquiert oder angemessen

Überhaupt schien die Fahrwerkentwicklung in den USA stillzustehen. Noch weit bis in die 90er Jahre waren hintere Starrachsen nicht die Aussnahme, sondern die Regel. Doch waren die Fahrwerke in der Regel den Bedürfnissen der Amerikanischen Kunden angepasst, die wollten mit ihren Autos nicht auf die nächste Rennstrecke, sondern entspannt grosse Strecken zurücklegen. Anders als auf den engen Strassen in Europa, England und Japan waren und sind die meilenlangen Fernstrassen quer durch das riesige Land kein geeignetes Umfeld für hypernervöse Fahrwerke sondern erfordern eine komfortable Auslegung und Langstreckentauglichkeit. Die flotten Fünfziger: American Dream

Do it Yourself

Ein landesweites Tempolimit wurde erst in den Siebzigern in Folge der weltweiten Energiekrise erlassen, aber schon davor hatten einige Bundesstaaten in ihren Gemarkungen dem rücksichtslosen Rasen einige Riegel vorgeschoben. Doch auch bei den Amerikanern gab es Liebhaber des Geschwindigkeitsrausches und individueller Fahrzeuge. Da es im Angebot der heimischen Hersteller für diese Zielgruppe wenig Befriedigendes zu Kaufen gab, wurden meist auf Basis billig zu erwerbender Vorkriegsfahrzeuge eigene Kreationen verwirklicht. Vor allem das Ford Modell B aus dem Jahrgang 1932 war ein sehr beliebtes Bastelobjekt, dass tiefergelegt, mit einem potenten V8 versehen, auf breite Reifen gestellt und um verzichtbare Karosserieteile befreit eine große Anhängerschaft um sich scharen konnte. Aus der Beschäftigung mit dem "Deuce" ging eine ganze Subkultur mit rebellischen Untertönen hervor. Auf nächtlichen Strassen illegale Rennen abzuhalten und sich dem bürgerlichen Mief der Elterngeneration zu entziehen sowie ein Auto nach eigenem Gusto gegen die Vorgaben der Hersteller zu fahren, wurde ein wichtiges Element, dem 1955 in dem Film "Rebel Without a Cause" ein Denkmal gesetzt wurde. Die flotten Fünfziger: American Dream

Wettrüsten auf den Strassen

Währendessen kamen aus Detroit regelmässig jedes Jahr eine neue Generation exaltiert gestalteter Karosserien mit minimalen technischen Verbesserungen unter dem Blech auf den Markt. Um sich von der Konkurrenz abzuheben, gab es verschiedene Strategien. Bei Cadillac wuchsen aus Peilkanten auf den hinteren Kotflügeln immer größer werdende Heckflossen, der Höhepunkt wurde 1959 erreicht. Chrysler stiess im Gegenzug ein Leistungswachstum ohne Gleichen an, das Bestreben, den leistungsstärksten PKW im Programm zu haben, führte natürlich zu Reaktionen im Wettbewerb und es begann analog zur politischen Lage ein Wettrüsten um die höchste PS-Zahl. Das Höher, Schneller, Weiter als Teil des Amerikanischen Traums dominierte den Automobilmarkt in Amerika, erst die Erfolge eines kleinen, für dortige Verhältnisse lächerlich winzigen Kleinwagen aus Deutschland, von den Fans liebevoll "Beetle" getauft, sorgte am Ende der Fünfziger für Ernüchterung.

Weitere Artikel in der Reihe Die flotten Fünfziger:

Teil I: Alles auf Los!

Teil II: Es geht was!

Teil III: Made in Japan

Teil IV: Italienische Momente

Teil V: Paradise Lost   Teil VI: Comédie Francaise