Die flotten Fünfziger Teil VI: Comédie Francaise

Die flotten Fünfziger Teil VI: Comédie Francaise

In Frankreich war das Auto zwar nicht erfunden worden, aber hier hatte es seinen Durchbruch geschafft und war von einer skurilen Marotte spleeniger Eigenbrötler zu einem Massenphänomen geworden. Hier hatten die ersten Autorennen stattgefunden und waren die ersten Automobilsalons veranstaltet worden.

Die Wegbereiter des Automobils

Wie sehr die französischen Hersteller der Zukunft verpflichtet waren zeigt auch die unglaubliche Innovationswelle, die hier ihren Ursprung nahm. Die selbsttragende Ganzstahlkarosserie des Citroen Traction Avant, die Kombination von Frontmotor und Heckantrieb von , die Nutzung einer Kardanwelle für den Antrieb derselben durch Renault, um nur einige zu nennen. Diesem eifrigen Entwicklungstempo hatte schon der Erste Weltkrieg Einhalt geboten, der Zweite war in seinen Folgen für die französischen Hersteller aber noch weitaus schlimmer. Dies hatte zum Einen mit der Besetzung Frankreichs durch sein Nachbarland zu tun. Während der Besatzung wurden produktive Unternehmen zu Fertigung kriegstechnischer Waren gezwungen. Alle Entwicklungsprojekte wurden offiziell gestoppt, wenn an Fahrzeugmodellen weiterentwickelt wurde, dann im Geheimen und unter der Gefahr, entdeckt und schwer bestraft zu werden. Die Firmenleitungen sahen sich mit den neuen Machtstrukturen konfrontiert und konnten entweder mit ihnen oder gegen sie arbeiten, waren in jedem Fall aber auch dem Wohlergehen ihrer Arbeiter verpflichtet. Die flotten Fünfziger Teil V: Comédie Francaise

Der Unpolitische: Louis Renault

Für den politisch uninteressierten Louis Renault, dem es vor allem um das Wohl seines Unternehmens ging, wurde dieses Dilemma zum Verhängnis. Nach dem Ende des Krieges wurde er, der sich nie um Politik geschert und immer nur Autos bauen wollte, wegen seiner vermeintlichen Kollaboration angeklagt und verstarb unter mysteriösen Umständen in der Untersuchungshaft.
Die Entwicklung des TPV von Citroen, dass als 2CV für Furore sorgen sollte, war während der Besatzungszeit auf Eis gelegt, alle Prototypen zerstört worden. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die Fäden wieder aufgenommen und zu einem gelungenen, wenn auch ästhetisch fragwürdigem Ganzen vereint. Erst 1948 war Citreoen in der Lage, das neue Automobil auf dem Pariser Automobilsalon vorzuführen. Die flotten Fünfziger Teil V: Comédie Francaise

Der französische Käfer?

Zu dieser Zeit war die Konkurrenz von Renault mit ihrem 4 CV schon längst am Markt erfolgreich, aber das "Cremeschnittchen" war insgeheim auch unter der Knute der Besatzer gereift und entwickelt worden. Und es war auch deutlich höher am Markt positioniert als die später liebevoll "Ente" genannte Minimalkonstruktion von der Pariser  Konkurrenz. Der Renault wartete erstmals mit einem Heckmotor auf, einem wassergekühlten Reihenzylinder konventioneller Machart. Gerüchte besagten, der in französische Haft gekommene Ferdinand Porsche hätte noch seine Hände bei seiner Entstehung im Spiel gehabt, was aber nicht zutreffend ist, die Pläne zum 4CV waren zu weit gediehen und die Produktion stand schon kurz vor dem Anlauf. Die flotten Fünfziger Teil V: Comédie Francaise

Avantgarde á la Panhard

Zu den direkten Konkurrenten des 4CV zählte hingegen die Panhard Dyna. Panhard hatte mit dem kleinen Wagen sein angestammtes Milieu aus der Vorkriegszeit, das Luxuswagensegment, verlassen und bot ein technisch interessantes Leichtgewichtsfahrzeug mit luftgekühltem Boxermotor an, dessen barocke Karosserieform aber nicht über jeden Zweifel erhaben war. Das Fahrwerk mit innovativer Federkinematik und Frontantrieb überzeugte umso mehr, zahlreiche Karosseriebauer machten aus dem braven Familienauto ein heisses Renngerät, dass mit einigen Siegen aufwartete. Trotzdem stand es um die Zukunft der ältesten Automarke der Welt nicht zum Besten, die Kapitaldecke war erschreckend dünn geworden und eine Übernahme durch Citroen konnte nicht mehr verhindert werden. Die flotten Fünfziger Teil V: Comédie Francaise

Der verlässliche Provinzler

Während dessen kam aus dem provinziellen Sochaux 1948 mit dem Peugeot 203 ein durch und durch bürgerliches Angebot auf die Straße, dass seine Kunden nicht mit technologischem Chi-Chi beeindrucken wollte, sondern mit einem reellen Gegenwert. Der Mittelklassewagen mit einem Reihenvierzylinder unter der vorderen Haube schickte brav seine Kraft an die hinteren Räder, die an einer Starrachse angebracht waren. Doch Peugeot hatte bei seiner ersten Nachkriegskonstruktion auch Neuland betreten. Die Karosserie war in der modernen selbsttragenden Bauweise ausgeführt, die Bremsen wurden von einer Hydraulik unterstützt und das Getriebe hatte sogar schon vier Gänge! Dieser konservative Ansatz mit moderaten Modernismen verkaufte sich ausgesprochen gut und sicherte dem Hersteller sein weiteres Fortbestehen. Die flotten Fünfziger Teil V: Comédie Francaise

Die fetten Jahre sind vorbei

Schwieriger gestaltete sich die Marktlage für den Luxusautobauer Delahaye, der auf eine ruhm- und ertragreiche Vergangenheit vor dem Krieg verweisen konnte, der aber mit der Nachkreigssituation nicht ganz so gut zu recht kam. Zunächst setzten die Ingenieure auf ihre bewährten Konstruktionen, aber die Nachfrage an Luxusautos war in Frankreich drastisch eingebrochen und hohe Steuern auf Fahrzeuge mit großen Hubräumen schreckten auch weniger gut Betuchte ab. Trotz vielversprechender Konstruktionen und aufwändiger Technik begann der Stern des Unternehmens zu sinken. Mit ihm in die Tiefe gerissen wurde auch Delage, eine Luxusmarke die sich Delahaye noch kurz zuvor einverleibt hatte. Delahaye wurde 1954 vom Rüstungs- und Automobilkonzern Hotchkiss geschluckt, aber zu einer Renaissance der glorreichen Marke kam es nicht mehr, einzig einige LKW Namens Hotchkiss-Delahaye des Konzern erinnerten noch kurzzeitig an den Hersteller. Doch auch der Konzernmutter war kein großer Erfolg auf dem französischen Markt beschieden und die Automobilproduktion von Hotchkiss fand 1954 ihr Ende. Der in Lizenz für die französische Armee gefertigte Jeep blieb das einzige Relikt auf den Strassen des einstmals renommierten Herstellers. Die flotten Fünfziger Teil V: Comédie Francaise

Simca: Emanzipation von Fiat und Ford
Der bereits 1934 gegründete SIMCA-Konzern begann seine Laufbahn mit der Lizenzfertigung von Fiat-Automobilen, die auch nach dem Zweiten Weltkrieg weitergeführt wurde. Mit der Übernahme des französischen Werkes von Ford 1950, der sich aus Frankreich zurückzog, endete die Kooperation mit Fiat und SIMCA stellte weiterentwickelte Modelle auf der Basis von Fordmodellen vor, die sehr erfolgreich waren. Mit dieser Ausrichtung schaffte es SIMCA auf den dritten Platz der Zulassungsstatistik, Hinter Renault und Citroen, aber noch vor Peugeot. Während die Vedette noch stark an das für den französischen Markt entwickelte Ford-Modell erinnerte, waren Aronde und Ariane echte Eigengewächse.
SIMCA war so erfolgreich, dass sie 1959 den siechenden Sportwagenhersteller Talbot kaufen konnten. Der haderte wie schon Delahye schwer mit den Nachkriegsbedingungen, die einstige Hochphase vor dem Krieg, als die französischen Luxussportwagen sich fast wie von selbst verkauften und die edelsten Blechschneider ihnen die gewagtesten Kreationen auf den Rahmen schneiderten, waren unwiederbringlich vergangen.

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Normannische Sportler

Dass der Markt für Sportwagen in Frankreich nicht in voller Gänze zusammengebrochen war, zeigte ein gewisser Jean Rédélé der 1955 den Grundstein für ein neues Unternehmen legte. Aber der Aufstieg von Alpine zeigte auch, dass die veränderten Bedingungen auch eine andere Herangehensweise an das Thema bedingten. Die kleinen Renner aus der Normandie bedienten sich grosszügig der Technik von Renault, nur die Kunststoff-Karosserie und die Fahrwerksabstimmung erfolgten im eigenen Haus. Die sehr kleinen und leichten Flitzer überzeugten auch professionelle Rennpiloten und bald schon war die A106 und die weiterentwicklete A110 zu einer festen Grösse im Rallyesport herangewachsen. Die flotten Fünfziger Teil V: Comédie Francaise

Der Stern Facels

Auch im Luxussegment begann Mitte der Fünfziger Jahre mit Facel Vega ein neuer Stern aufzugehen. Jean Daninos verzichtete ebenfalls auf die teure Motorenentwicklung und kaufte die Triebwerke von amerikanischen Herstellern ein, sein gutgehender Metallbetrieb kümmerte sich dann um den Rest, fertig war eine repräsentative Sportlimousine, die sich auch vor der arrivierten Konkurrenz nicht verstecken musste. Erst als die patriotischen Gefühle in Herrn Daninos Brust aufwallten und er auch die Entwicklung eines französischen Herzens für seine Schöpfungen in Auftrag gab, begann der Stern zu sinken, doch das ist eine andere Geschichte.

Weitere Artikel in der Reihe Die flotten Fünfziger:

Teil I: Alles auf Los!

Teil II: Es geht was!

Teil III: Made in Japan

Teil IV: Italienische Momente

Teil V: Paradise Lost